Mit dem Cabrio nach Afghanistan

Reise Was taugt eine neue Textauswahl der engagierten Reporterin Annemarie Schwarzenbach?

Damaskus, Aleppo, Palmyra – diese syrischen Städte, die heute an Krieg und Flucht gemahnen, lösten in den 1930ern bei westlichen Reisenden noch einen Zauber aus, der an Antike, Mittelalter und Tausendundeine Nacht erinnerte. Fasziniert war auch die Schweizer Journalistin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942). Wohlhabend, melancholisch, ruhelos machte sie sich nach dem Machtantritt der Nazis auf, in Nahost nach den Ursprüngen der Kulturen zu suchen und zugleich Abstand zum krisenreichen Europa zu gewinnen.

Nun hat Roger Perret, langjähriger Schwarzenbach-Herausgeber, im Band An den äussersten Flüssen des Paradieses Auszüge aus Feuilletons, Reportagen, Prosa, Tagebuchnotizen und Briefen der Autorin aus den Jahren 1933 bis 1942 zu einer „Textcollage“ zusammengestellt, die ein Porträt von ihr als Reisender zeichnen soll. In 17 Kapiteln, beginnend und endend mit der Schweiz, tritt die androgyne, offen homosexuell auftretende Schwarzenbach in verschiedenen Rollen auf: als von Rilke, Gide und Hemingway beeinflusste Erzählerin und engagierte Reporterin, als selbstkritische Tagebuch- und Briefeschreiberin.

Portugal, Kongo, Marokko

Schwarzenbach erzählt unter anderem von der scheinbaren Zeitlosigkeit, den archaischen Landschaften, die sie nicht fassen kann, und von der Modernisierung in der Türkei, dem Iran und Afghanistan. Sie offenbart ihre Skepsis angesichts der „amerikanischen“ Rekordsucht der Sowjets; schildert den Kampf für ein besseres Leben für weiße Arbeiter und Schwarze in den USA und berichtet von der erniedrigenden Behandlung der Juden in Wien nach dem „Anschluss“ 1938.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schränken sich die Reisemöglichkeiten für die Schweizerin stark ein. Die letzten Kapitel gelten ihren Aufenthalten in Portugal, dem Kongo und in Marokko. Mit An den äussersten Flüssen des Paradieses ist Perret eine dicht komponierte Auswahl gelungen, die Schwarzenbachs Ruf als talentierte und selbstreflexive Journalistin und Dichterin untermauert. Seine Zusammenstellung gewinnt auch dadurch, dass er bisher unveröffentlichtes Material eingebaut hat: Passagen aus Diarien und Briefen etwa an Erich Maria Remarque, Arnold Kübler von der Zürcher Illustrierten und Anita Forrer, Freundin und später Nachlassverwalterin Schwarzenbachs. Überdies hat Perret Auszüge aus zu Lebzeiten der Autorin publizierten Reisetexten aufgenommen, die seitdem nicht mehr veröffentlicht wurden.

Doch so gekonnt Perret die Texte zu einem poetischen Ganzen vereint hat – seine Collage enthält mehrheitlich bereits von ihm herausgegebene Texte. Mit Auf der Schattenseite hat er schon 1990 eine Sammlung von Feuilletons, Reportagen und Fotos der Autorin mit publiziert, die den gleichen Zeitraum umfasst und fast genau den gleichen Aufbau hat. Perrets Edition erstaunt auch deshalb, weil Schwarzenbachs Werk bis heute nicht vollständig vorliegt, obwohl die Autorin seit ihrer Wiederentdeckung 1987 viel Aufmerksamkeit erfahren hat – etwa in Form von Biografien, Filmen und Dissertationen.

Es ist zu wünschen, dass der Lenos-Verlag diese Schräglage künftig angeht und bei weiteren Projekten diejenigen journalistischen und literarischen Texte sowie Fotos Schwarzenbachs veröffentlicht, die noch nie beziehungsweise seit ihrem Tod nicht mehr veröffentlicht worden sind. Ihr Nachlass birgt noch viel Material. Gerne würde man einen Blick auf bisher vernachlässigte und auf bisher nur unvollständig publizierte Texte der Autorin werfen, für die Leser und Leserinnen wäre das ein Gewinn.

Behrang Samsami hat über Orienttexte Annemarie Schwarzenbachs promoviert

Info

An den äussersten Flüssen des Paradieses. Porträt einer Reisenden Annemarie Schwarzenbach Roger Perret (Hg.) Lenos 2016, 416 S., 24,90 €

06:00 15.03.2017
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami

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