Behrang Samsami
10.08.2012 | 15:23 11

Professor Rabenvater

Promotion Warum soll man an deutschen Hochschulen heute noch seinen Doktor machen? Es winkt der Abstieg ins Prekariat

Warum tue ich mir diese Quälerei an? So lautet die wohl häufigste Frage, die sich Doktoranden stellen. Dabei haben Uni-Absolventen gute Gründe, eine Dissertation zu verfassen. Will man eine akademische Laufbahn einschlagen, kommt man in Deutschland um die Dissertation nicht herum. Sie ist das Eintrittsticket in die Wissenschaft und ermöglicht es meist erst, Aufsätze, Rezensionen oder Tagungsberichte zu schreiben. Daneben gibt es Absolventen, die nicht ins Berufsleben finden oder keine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft haben. Sie schreiben die Doktorarbeit nicht selten in der Hoffnung, mit dem Titel Sozialprestige zu erlangen. Die Universitäten formulieren es wesentlich idealistischer. So heißt es etwa in der der „Promotionsordnung zum Dr. phil./Ph.D.“ der Freien Universität Berlin: „Mit der schriftlichen Promotionsleistung ist die Befähigung zu selbstständiger vertiefter wissenschaftlicher Arbeit nachzuweisen und ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis anzustreben.“

Auch im Vorwissen kommender Qualen: Allgemein zieht die Möglichkeit an, sich während der Dissertation mit einem speziellen Thema mehrere Jahre lang intensiv auseinander zu setzen. Umso erstaunlicher ist dann, unter welchen Bedingungen diese jungen Leute leben und arbeiten. Da ist zum einen die „derzeitige unklare Rechtssituation in den Hochschulgesetzen der Bundesländer“, wie es in einem im Internet veröffentlichten Offenen Brief zur Einführung eines Promovierendenstatus an den Hochschulen heißt. Sie sorge dafür, „dass wir an den Universitäten als Gruppe nicht wahrgenommen werden. Je nach Finanzierungsart unserer Doktorarbeit können wir Studierende oder MitarbeiterInnen sein, beziehungsweise auch gar nicht als Angehörige der Hochschule gelten. Dies führt zu einer nicht nachvollziehbaren Ungleichheit in Fragen der Mitbestimmung, der sozialrechtlichen Stellung sowie der rechtlichen Absicherung innerhalb unserer Gruppe.“

Damit verbunden ist die Frage nach der individuellen Finanzierung. Haben die Doktoranden die Möglichkeit, bei ihrem Doktorvater oder ihr Doktormutter als wissenschaftliche Mitarbeiter angestellt zu sein, heißt das nicht, dass sie genug für ihren Lebensunterhalt haben, wie Sabine Volk sagt. Sie ist Mitbegründerin und Sprecherin der Bildungsbewegung „Intelligenzija Moving“, die sich für eine Verbesserung der rechtlichen, finanziellen und wissenschaftlichen Situation von Nachwuchsforschern einsetzt. Durchschnittlich verdienen diejenigen mit einer halben Stelle zurzeit etwa 1.000 Euro netto pro Monat. Lehrbeauftragte, Privatdozenten und außerplanmäßige Professoren bekommen höchstens ein „Aufwandstaschengeld“, meist aber sogar überhaupt keine Entlohnung für ihre Arbeit an der Universität.

Prekarisierungsdiskurs

So verwundert nicht, was die 2010 vom Hochschulinformationssystem (HIS) veröffentlichte Studie Wissenschaftliche Karrieren konstatiert: „Wer sich heute in Deutschland für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, wählt häufig einen riskanten und entbehrungsreichen beruflichen Weg. Das Wissenschaftssystem gilt gemeinhin als Bereich, in dem das so genannte Normalarbeitsverhältnis nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.“ Es dominierten befristete Beschäftigungsformen; kein Wunder also, werde die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in jüngerer Zeit immer wieder „mit dem Prekarisierungsdiskurs in Verbindung gebracht“.

Die kurze Vertragsdauer verstärkt Unsicherheit und Abhängigkeit vom Arbeitgeber: „Rund ein Drittel der Nachwuchswissenschaftler(innen) hat einen Vertrag mit einer Laufzeit zwischen zwei und drei Jahren. Zusammen mit der Gruppe der Personen, die einen Arbeitsvertrag mit einer Dauer zwischen einem und zwei Jahren besitzt, stellen sie die Mehrheit der Befragten mit befristeten Arbeitsverträgen.“

Das Bild, das manche vom privilegierten Promovenden haben, dürfte somit widerlegt sein. Im Wintersemester 2010/2011, so die Studie Promovierende in Deutschland „befanden sich von den 200.400 Promovierenden 165.600 in einem Beschäftigungsverhältnis. Dies entspricht 83 Prozent aller Promovierenden im Wintersemester 2010/2011. Von den Promovierenden in einem Beschäftigungsverhältnis waren 126.000 bzw. 76 Prozent an einer Hochschule angestellt. An einer außeruniversitären Forschungseinrichtung waren 12.400 Promovierende (8 Prozent) beschäftigt.“ Eine Beschäftigung in der Wirtschaft und bei sonstigen Arbeitgebern fanden fast 16 Prozent der Promovierenden.

In der Regel haben nur die Universitätsprofessoren an den Hochschulen die finanziellen Mittel, Wissenschaftliche Mitarbeiter einzustellen. Privatdozenten oder Außerplanmäßige Professoren sind zwar habilitiert, haben jedoch keine feste Anstellung an der Uni und daher keine Posten zu vergeben. Der Rest der Doktoranden muss Verwandte um Unterstützung bitten, sich einen Job suchen oder ein Stipendium beantragen. Nur etwa 26 Prozent aller Promovierenden bekommen jedoch ein Stipendium. Die größte Gruppe der geförderten Promovierenden wird dabei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

Neben finanziellen Sorgen gibt es für den Promovierenden noch andere belastende Faktoren. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter etwa forschen längst nicht nur für ihre eigene Arbeit, sondern unterstützen ihren Doktorvater, unterrichten Studierende, nehmen Prüfungen ab, korrigieren Hausarbeiten und erledigen Verwaltungsaufgaben.

Diese Abhängigkeit hat seinen Preis. Betreuer sind oft eitel und äußerst empfindlich. Man muss zu ihnen hinaufschauen, auch Kofferträger sein. Sonst bestrafen sie einen mit „Liebesentzug“. Die Beziehung zu ihnen stößt auch an ihre Grenzen, wenn sie sich mehr herausnehmen als ihnen zusteht. Sexuelles Interesse kommt vor. Manche Betreuer nutzen ihre Macht über ihre Studenten, Mitarbeiter und Doktoranden zudem wissenschaftlich. Eine besonders subtile Form der Ausbeutung ist das Plagiieren. Auch Privatdozenten oder Professoren scheuen nicht davor zurück, bei den von ihnen Betreuten abzuschreiben und geistiges Eigentum anderer als ihr eigenes auszugeben. Fälle sind dem Verfasser bekannt, aber es ist ein Tabuthema, Zahlen sind daher nur schwer zu eruieren.

Sinnkrisen

Was jedoch alle Promovenden mehr oder weniger betrifft, ist das Alleinbleiben mit der Doktorarbeit. Immer weniger Universitätsprofessoren müssen immer mehr leisten, forschen, Studenten lehren, Doktoranden betreuen und – immer bedeutender – Drittmittel einwerben, um ihre Projekte finanzieren zu können. Somit erhält der einzelne Nachwuchswissenschaftler oft nicht die notwendige Aufmerksamkeit und Unterstützung. Folgen der Einsamkeit und Überforderung sind nicht selten Stress, Sinnkrisen, psychosomatische Erkrankungen und Abbrüche des Promotionsverfahrens.

Den Werdegang der jungen Wissenschaftler, die oft mit Idealismus und Tatendrang an ihre Arbeit gehen, um dann oft desillusioniert zu werden, kann man als Indikator dafür nehmen, wie gleichgültig die Politik und Universitäten mit dem Nachwuchs umgehen. Anstatt sie großzügig zu fördern, werden jene oft finanziell prekär gehalten und wissenschaftlich sich selbst überlassen. Diejenigen, die diese Situation beklagen und von „Braindrain“ sprechen, sind meist für diese Entwicklung mit verantwortlich. Wenn die Förderung und Bezahlung im Ausland besser ist, wer wird den Jungen die „Flucht“ verübeln?

Das hier gezeichnete Bild ist düster. Aber will man eine Änderung der prekären Verhältnisse, muss man die Probleme klar benennen. Sie sind eindeutig struktureller Natur, wie Sabine Volk von „Intelligenzjia Moving“ betont. Dennoch kann die jetzige Situation überwunden werden. So haben engagierte junge Forscher in den letzten Jahren Initiativen gegründet und es übernommen, Forderungen der Nachwuchswissenschaftler zu artikulieren, die sich mehrheitlich scheuen, offen Kritik zu üben – aus Angst, Job, Betreuung und damit die eigenen Aufstiegschancen zu verspielen.

Widerstände

Die Institutionen vernehmen zwar den Ruf derjenigen, die die Mängel im System benennen, doch infolge der nach wie vor geringen Solidarität der Jungen untereinander, fehlt es am öffentlichen Druck, Korrekturen vorzunehmen. Die Vorschläge etwa von „Intelligenzija Moving“ nach Änderungen scheinen nicht zu viel verlangt. Sie will, „dass alle prekären Beschäftigungsverhältnisse in feste Stellen übergehen, diese Stellen adäquat bezahlt werden und die Lehre insgesamt aufgewertet und der Forschung gleichberechtigt zur Seite gestellt wird.“

Geht man über diese Vorschläge hinaus, wäre es wichtig, das nicht nur finanzielle, sondern auch wissenschaftliche Abhängigkeitsverhältnis zum Betreuer durch mehr Transparenz aufzuweichen. Der Doktorand sollte von einem weiteren, dem Doktorvater nicht bekannten Dozenten betreut und seine Forschungsergebnisse jedes Semester beim Promotionsbüro hinterlegen, etwa damit spätere Plagiatsvorwürfe gegen welche Seite auch immer leichter erkennbar sind. Auch sollten Doktorandenkolloquien fester Bestandteil der Promotion sein und nicht von der (Un-)Lust des Doktorvaters abhängen.

Schließlich sollte die Universität ein Interesse haben, dass die Doktoranden, die später keine wissenschaftliche Karriere anstreben, leichteren Zugang ins Berufsleben finden. Eine solche Initiative scheint das an der Leibniz Universität Hannover entwickelte Programm „Promotion plus+ qualifiziert“ zu sein, das sich aber eher an potentielle Manager wendet: „Es ist als ein Führungskräfteentwicklungsprogramm aus berufsbezogener Theorie und Praxis zu verstehen, (...). In kleinen interdisziplinären Gruppen vermitteln Ihnen Blockveranstaltungen Kenntnisse in den Kernbereichen Projekt- und Prozessmanagement, Personalführung und Teamentwicklung, Unternehmerisches Denken und Handeln, Kommunikation“.

Sabine Volk, früher selbst Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam, ist indes skeptisch, ob ein solches Programm wirklich hilfreich ist oder nicht eher Marketingzwecken dient: „Einzelnen mag es kurzfristig helfen, langfristig ändert sich durch solche Programme nichts an den derzeitigen Verhältnissen. Die akademischen Strukturen zu reformieren, heißt das ungerechte Bildungssystem zu beseitigen. Das stößt aber auf harten Widerstand in Politik und Universität, wo wenig Interesse besteht, auch nur einen Teil der Macht zugunsten der Nachwuchswissenschaftler abzugeben.“

Es zeigt sich, dass eine grundsätzliche Debatte darüber nötig ist, welchen Wert die wissenschaftliche Arbeit und die Menschen, die sich wenn auch nur einige Jahre dafür entscheiden, für die Gesellschaft haben – ob sie unabhängige und innovative Forscher sein sollen oder eher gut ausgebildete, aber prekäre Eliten.

Behrang Samsami hat 2009 an der Freien Universität Berlin promoviert

Kommentare (11)

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Ehemaliger Nutzer 10.08.2012 | 15:35

Ergänzend zu dem Text; es fehlen diejenigen welche eine Doktorarbeit machen müssen, weil der Diplom oder Masterabschluss absolut keinen in der Wirtschaft interessiert. Das betrifft die Life Sciences!

Des Weiteren ist hinzuzufügen, dass eine Promotion nach Erfolg mitnichten einen Arbeitsplatz garantiert. Sie ist eine wissenschaftliche Arbeit, für die sich die Wirtschaft kaum interessant, da praktische Relevanz fehlt! Also muss diese nebenbei auch noch erbracht werden. Sehr gut deutlich wird das bei interdisziplinären Forschungsvorhaben, wo von demjenigen sowohl zwei universitäre Abschlüsse verlangt und geliefert werden, aber auch praktische Erfahrungen aus beiden Bereichen.

Corina Wagner 10.08.2012 | 21:01

Vielen Dank für den interessanten Artikel, bin aber auch der Meinung, dass sich in den nächsten Jahren bezüglich der Situation der Doktoranden nichts ändern wird. Wer heute seinen Lebensunterhalt bestreiten will, ob man nun mit einem Universitätsstudium plus einer Dissertation in der Tasche glänzen kann oder z.B. nur eine zweijährige Berufsausbildung vorweisen kann, muss zunächst einmal im Berufsleben ankommen, dann Leistung erzielen - in den Augen der Arbeitgeber absolut belastbar sein. Stress wird verdrängt.

Und ganz toll ergeht es Menschen, die bei einer Zeitarbeitsfirma ihr täglich Brot verdienen – Ironie aus.

Wer Menschen kennt, die im Schichtdienst arbeiten, wird bestätigen, dass diese meist früher oder später zusätzlich noch unter Schlafstörungen leiden. Es sind ja nicht nur Fabrikarbeiter davon betroffen. Das kann nun ein junger Arzt mit einer Dissertation sein, der zusätzlich noch vom Prof. im Klinikum gegängelt, gedemütigt wird. Allerdings kann es einem jungen Arbeiter genauso ergehen, kommt wohl auch auf das Betriebsklima und den jeweiligen Vorgesetzten an. Berufskrankheiten, die sich im Laufe von Jahren einschleichen wie z.B. kaputte Knie, Hüfte gab es früher auch. Klar doch… Der neue Kollektivspruch schlechthin: „Wir haben Rücken!“ und da ist es zunächst egal, ob es z.B. ein Top-Manager, ein Dr.med. dent, ein Dipl.Ing. (TU) oder einer Maurer ist, der über Bandscheibenbeschwerden klagt. Allerdings kann sich vorrausichtlich der Top-Manager die bestmöglichsten Behandlungsmethoden leisten und muss voraussichtlich nicht wie eine Person aus dem Mindestlohnsektor 6 Wochen auf einen Termin bei einem Orthopäden warten. Das Arbeiten war früher auch kein Zuckerschlecken… und das Studieren? Früher wurde auch abgekupfert, gegängelt und gemoppt…

Skrupellose Menschen hat es schon immer gegeben. Besonders „clevere“ Leute, die andere ausnutzen und dies unabhängig vom Bildungsabschluss und Elitestatus. Meiner Ansicht nach wird das Hierarchiedenken, dieses „Standesdünkelverständis“ auch im Blick der zukünftigen Ressourcenverteilung international betrachtet - noch verstärkt zunehmen. Die jetzige Elite aus super gutem Hause wird denjenigen keine Chance geben, die zwar gebildet und überdurchschnittlich intelligent sind, aber dummerweise keinen „Elitestammbaum“ nachweisen können. Man wird diese „Hochgearbeiteten“ mit Titel nicht unbedingt freiwillig in Machtpostionen hieven. Junge Menschen stehen enorm unter Druck, müssen flexibel sein und ein Großteil weiß nicht, ob er noch nach seinem Zeitvertrag wieder sofort eine Anstellung bekommt. Das Leben ist nicht einfach, war es früher aber auch nicht …

Sorry, wenn ich ein wenig abgeschweift bin, aber es musste raus…

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Ehemaliger Nutzer 12.08.2012 | 20:55

Lehrjahre sind keine Herrenjahre - das galt auch schon immer an den Unis!

Man kann sich natürlich bitterböse darüber beschweren, dass die Gesellschaft so ist wie sie ist, und das diejenigen, die bereits an den Fleischtöpfen sind, diese auch verteidigen.

Man kann aber auch einfach das Privileg des Studiums und der Promotion sehen, welches man beides nicht umsonst bekommt; denn man widmet ja dem Studium und der Promotion seine Lebenszeit, aber immerhin freiwillig und in Deutschland noch weitestgehend kostenfrei.

Chemiker, Physiker, Mediziner und Juristen promovierten schon immer zum allergrößten Teil. Wer als Naturwissenschaftler selbständig wissenschaftlich in der Industrie arbeiten will, muss dass auch vorher unter Beweis gestellt haben. Wer einen freien Beruf als Arzt oder Jurist ausüben will, sollte ebenso über ein beträchtliches Maß an Selbständigkeit und Durchhaltevermögen verfügen, was mit der Promotion unter Beweis gestellt wird. Wer so etwas nicht will, kann auch Ingenieur werden und trotzdessen Karriere oder sich selbständig machen.

Natürlich spielten in Deutschland auch die sozialen Gründe für eine Promotion eine beträchtliche Rolle, überschätzen sollte man diesen Teil nicht. Zu den Qualitäten eines zukünftigen Akademikers gehört es aber schon, all das vorher sorgfältig abzuwägen. Und nicht hinterher zu jammern und gar larmoyant die Promotion als solche in Frage stellen.

Auch kann man sich sowohl die Mühe des Studiums als auch der Promotion sparen, indem man einen bodenständigen handwerklichen Beruf ergreift, in dem man sich selbständig machen kann.

pw6 13.08.2012 | 16:59

Dieser Artikel ist viel zu pauschal. Es macht einen Riesenunterschied, ob man in Literaturwissenschaften, BWL, Jura, Elektrotechnik usw. promoviert, sowohl was die Bezahlung betrifft - bei Ingenieuren eine halbe, oft sogar eine ganze Stelle - als auch hinsichtlich der Betreuung. Insofern sind pauschale Schuldzuweisungen wie "Professor Rabenvater" unqualifiziert und haben eher Stammtischcharakter.

Der Artikel weicht auch der entscheidenden Frage aus, welchen Wert eine Promotion für den Promovierten oder die Gesellschaft hat und ob die beklagte schlechte Bezahlung vieler Promovierender nicht schlicht und ergreifend Folge von Marktgesetzen ist: zuviel Angebot bei geringer Nachfrage verdirbt die Preise.

Der geringe wissenschaftliche oder gesellschaftliche Wert vieler Dissertationen wurde ja durch die Plagiatsaffären schon mehrfach thematisiert - die Frage müßte bei Fächer wie Literaturwissenschaften, Jura oder Medizin eher lauten "Warum soll man in diesem Fach heute noch seinen Doktor machen", egal ob in Deutschland oder woanders? Wen interessieren die ganzen Textprodukte überhaupt noch?

Rätselhaft sind für mich auch Sätze wie "Schließlich sollte die Universität ein Interesse haben, dass die Doktoranden, die später keine wissenschaftliche Karriere anstreben, leichteren Zugang ins Berufsleben finden." Implizit heißt das, daß eine Promotion irrelevant, eventuell sogar schädlich für die spätere berufliche Tätigkeit ist, jedenfalls keinen Vorteil liefert. Wenn einem das wichtig ist, gibt es eine simple Lösung: keine Promotion anstreben! Man braucht sie nicht! Eine Dissertation verfassen und die zugrundeliegende Forschungsarbeit leisten heißt, sich dem wissenschaftlichen Wettbewerb zu stellen; der ist nun mal hart.

Der Artikel vermengt auch die Frage der Bezahlung und Betreuung von Promovierenden mit der Frage, für welche Leistung man promoviert werden sollte und ob jeder ein Recht darauf hat - weil sich einige PolitikerInnen ihre Promotionen kaufen, verbreitet sich die Meinung immer mehr, daß jeder, gerne einen Titel vor dem Namen führen würde, sich an der nächstbesten Uni zum Promoviertwerden, mit Erfolgsgarantie natürlich, anmelden kann.

Idefix 17.08.2012 | 09:43

Ähnlich wie PW6 stört auch mich an diesem Artikel die Pauschalisierung und Vermengung verschiedenster Dinge miteinander, die nicht zwingend zusammengehören. Mich stören vor allem drei Dinge

1. Zur akademischen Laufbahn: Die Promotion ist sicher Voraussetzung, aber nicht die erste Eintrittskarte in die akademische Laufbahn, die man lösen sollte! Wem erst bei Beginn der Promotion einfällt, dass er eigentlich gerne an der Uni arbeiten würde, der ist ungefähr so früh dran, wie ein Masterstudent, der erst mit dem Masterzeugnis in der Hand beginnt zu überlegen, was er eigentlich jetzt machen möchte. Die "Eintrittskarten" in die akademische Laufbahn sammelt man am besten schon ab den ersten Semestern des Studiums, in dem man sich bemüht so bald wie möglich Stellen als studentische (später wissenschaftliche) Hilfskraft zu suchen; auch mal jenseits des Pflichtprogramms Gastvorträgen lauscht und sich so in dem Kreis der Professoren schon einmal bekannt macht. Im Idealfall braucht man sich so am Ende gar nicht mehr so sehr um eine Promotion zu bemühen, sondern man bekommt sie angeboten. Professoren wirken dabei keineswegs nur als Ausbeuter, sondern sind auch wichtige Netzwerker bei der Suche nach Stipendien oder Stellen! Mab sollte bemüht sein Teil dieses Netzwerks zu werden, so wie man in jedem anderen Berufszweig versuchen sollte rasch hier und da einen Fuß in die Tür zu kriegen. Man sollte wissen was man will und wissen warum man promoviert, zu diesem Thema promoviert und bei diesem/r BetreuerIn promoviert.

2. Zur Ausbeutung der Promovierenden: Der Teil des Artikels in dem es um die Ausbeutung der Promovierenden geht klingt ja schon z.T. etwas abenteuerlich. Richtig ist, dass es ein Problem bei der Würdigung der Arbeit von sogenannten "Undergraduates" (alle ohne Dr.-Titel) gibt. Da Hausarbeiten, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten i.d.R. nur in Kartons verstauben, sind sie eine leichte Beute von seltener direktem (abschreiben), aber häufiger indirektem (von Ideen und Ergebnissen inspirieren lassen) Plagiat. Warum könnten Universitäten nicht zumindest einmal im Jahr digital oder nur in kleiner gedruckter Stückzahl eine Art Almanach der Fakultät herausbringen, in der zumindest schon Mal alle Bachelor- und Masterarbeiten festgehalten werden? Ähnliches könnte man mit Aufsätzen von Promovierenden tun. Soweit gehe ich also d'accord. Leider macht der Artikel aber durch die Vermengung von wissenschaftlicher und sexuelle Ausbeutung - so unmöglich und bestrafenswert dies auch ist!!! - die wissenschaftliche Problematik nun doch etwas abenteuerlich unseriös: Es gibt (leider!) ÜBERALL sexuelle Ausbeutung, wo Personen (zumeist Frauen) in Abhängigkeitsverhältnissen sind: Angestellte-Chef, Studierende-Lehrende, Promovierende-ProfessorInnen, vor kurzem hörte ich sogar bei Wohnungssuchende-Wohnungsbietende von sexueller Ausbeutung. Das aber hat einfach nichts mit Promotion an sich zu tun und daher dient der so dezent verpackte hinweis "sexuelles Interesse kommt vor" nur einer Skandalisierung, die das ganze einfach unseriös macht. Im übrigen nehmen die Betreuenden nicht nur, sie geben auch viel: mit Profs und Kontakten ist es weitaus einfacher Artikel zu veröffentlichen oder gar Publikationen herauszubringen. Auch auf Tagungen und Konferenzen kommt man z.T. leichter.

Idefix 17.08.2012 | 09:57

Ergänzend: es waren doch nur zwei Punkte, und weil mein Kommentar nun selbst etwas zu pauschal geraten ist, möchte ich noch hinzufügen: es gibt zweifelsohne viele schwierige, kritische Punkte bei der Promotion, vor allem bei der Entlohnung von Lehrbeauftragten u.Ä. und für diese ist es mehr als wichtig die Stimme zu heben. Hier sind ja gar nicht so sehr die Universitäten allein, sondern vor allem auch die Länder als Geldgeber in der Pflicht. Insofern ist die Intelligenzija-Initiative sehr wichtig und unterstützenswert. Man darf aber nicht von einem Extrem ins andere Verfallen und nun allen Beteiligten des Systems pauschal Ausbeutung und Ausnutzung ohne Rücksicht auf Verluste vorwerfen. Die betreuenden UniversitätsprofessorInnen sind nicht nur NutznießerInnen, sondern gar nicht so selten auch selbst Leidtragende der Unterfinanzierung.