Behrang Samsami
Ausgabe 2915 | 29.07.2015 | 06:00 1

Skurril ist nicht cool

Reisen Die Menschen im Iran haben Besseres verdient als den deutschen Bestseller „Couchsurfing im Iran“

Skurril ist nicht cool

Während Iraner auf eine Liberalisierung hoffen, ist ihr Land fast zum Ziel von immer mehr Touristen geworden wie hier der Tachara Palast bei Persepolis

Foto: Behrouz Mehri/AFP/Getty Images

„Schnell hin, bevor die Amis kommen: Manche Urlauber aus Europa haben es derzeit sehr eilig, nach Kuba zu reisen, weil sie baldige Veränderungen befürchten. Viele Kubaner dagegen fiebern dem Wandel entgegen.“ Was der Reisejournalist Martin Cyris jüngst feststellte, gilt auch für Iran. Während Iraner im Zuge der Atomgespräche auf eine Liberalisierung hoffen, ist ihr Land fast unbemerkt auch zum Ziel von immer mehr Touristen geworden.

So auch von Cyris’ Kollege Stephan Orth, der mit Couchsurfing im Iran. Meine Reise hinter verschlossene Türen nun einen Travelguide vorgelegt hat, der bereits nach kurzer Zeit in der fünften Auflage erscheint. Es ist ein unverdienter Erfolg. Das Buch ist flapsig geschrieben, mangelhaft recherchiert und ungenügend lektoriert. „Ich mache da Urlaub, wo andere Diktatur machen“, heißt es. Das mag witzig gemeint sein, ist angesichts der Lage der Menschen aber voll daneben. Orth taucht in das Leben junger, gebildeter Iraner ein, die von einem besseren Leben träumen. Damit erzählt er nichts Neues. All dies wurde von Helena Henneken in they would rock besser geschildert. Orth macht zwar auch spannende Entdeckungen, berichtet von einer landesweiten Schmuggelroute für Benzin und begegnet einem Veteranen des Iran-Irak-Kriegs. Doch den Großteil seines „Urlaubs bei den Mullahs“ über sucht er Spaß und schnorrt sich bei Einheimischen durch. Gleichzeitig sorgt er sich, dass zahlungswillige Touristen „die iranische Herzlichkeit zum melodramatischen My-Friend-Gehabe eines Sonnenbrillendealers am Urlaubsstrand verramschen“ könnten.

Der Autor will einerseits mit Klischees aufräumen, hat andererseits aber seinen Karl May im Tornister. So setzt er auf Effekthascherei, etwa wenn ihm junge Iraner von Sadomaso-Spielen erzählen. Hinzu kommt, dass Orth bisweilen keine Ahnung zu haben scheint. Etwa wenn er „Perser“ als Synonym für „Iraner“ benutzt. Oder er verkauft Meinung als Tatsachen, wenn er etwa behauptet, Naser-ad-Din sei der „dümmste Schah aller Zeiten“ gewesen. Der Band geht indes nicht nur auf Orths Kappe. Es liegt auch an jenen Verlagen, die „lustige Taschenbücher“ über Länder vermarkten, in denen Menschen in Unfreiheit leben. Kim und Struppi. Ferien in Nordkorea des Comedy-Autors Christian Eisert ist ein weiteres Beispiel für Bestseller, die in erster Linie auf der Jagd nach Skurrilem sind, denen es an Sensibilität und wirklichem Interesse indes fehlt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 29/15.

Kommentare (1)

Sophia Khalil 31.10.2015 | 19:04

"Couchsurfing im Iran" ist das dümmste Buch, von dem ich je gehört habe.

Ein junger priviligierter deutscher Journalist reist per Couchsurfing durch den Iran und brüstet sich mit seinen halb illegalen Abenteuern, die er während seiner Reise mit der ach so wilden und rebellischen iranischen Jugend, wohlgemerkt

ebenso wie er aus der priviligierten Mittelschicht stammend, erlebt.

Traurig genug, dass dieses Buch in Deutschland auf der Bestsellerliste gelandet ist, schlimmer jedoch sind die bisher komplett einseitigen Rezensionen zu bewerten, die sich auf niedrigstem Niveau bewegen und von "oh, der Iran ist ja gar nicht so reaktionär wie ich dachte" und "die Menschen dort haben ja die gleichen Sehnsüchte wie wir".

Sorry, aber um dies zu erkennen, muss man kein Buch lesen, ganz abgesehen davon, dass Sex, Drogen und Partys ebenso wenig wie das reaktionäre Mullahsystem zu der Erfüllung menschlicher Sehnsüchte und Träume beitragen.

Viel spannender hätte ich es gefunden, wenn Stephan Orth sich als alleinerziehende Mutter verkleidet hätte und mit Kind durch den Iran gereist wäre. Mal sehen, ob die Menschen dann immer noch "ach so nett" gewesen wären.

Die Deutschen sind selbst Schuld, dass sich so ein Schund auf ihrer Bestsellerliste befindet. Schließlich sind sie auch ganz oben auf der Bestsellerliste, was Verklärung und Verblendung betrifft.

Ich wünsche weiterhin gute Unterhaltung!