Ideal Bologna

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Eine Bologna-Studierende existiert ausschließlich für ihr Studium. Sie wird nie krank, hat keine Emotionen, keine eigenen Gedanken, keinen Bewegungsdrang und keine Sexualität.

Ein Bolognastudierender ist eine "fertige", starke Persönlichkeit bei der nur der Wissensinput noch fehlt. Ein Bolognastudierender geht in jede Vorlesung und jedes Seminar, daß ihm empfohlen wird, er liest jede Lektüre immer sorgfältig, bereitet alles vor und nach, geht in alle Sprechstunden, liest in den Semesterferien die Sekundärliteratur und geht arbeiten. Er schreibt brav Essays nach den individuellen Vorstellungen der Dozenten und nach vorgegeben Themen, er schreibt in der Vorlesungsfreien Zeit Hausarbeiten (ebenfalls auf das entsprechende Modul zugeschnitten), macht Praktika und geht ins Ausland.

Er engagiert sich weder politisch noch sozial, macht höchstens schlecht bezahlte Hilfswissenschaftsjobs und Tutorenjobs. Er geht nie auf Partys, setzt sich nie mit sich selbst auseinander, hat keine Freunde, ist stets mit sich zufrieden, kann mindestens 15 Stunden am Tag auf seinem höchsten Leistungsniveau arbeiten und besucht freiwillig noch Schlüssel- und Sprachkompetenzkurse. Dazu bräuchte er zwar einen 56-Stunden-Tag, aber diese Tatsache ignorieren wir einfach, dann ist sie auch nicht da.

Er hinterfragt nicht, diskutiert nicht, geht nicht auf Demonstrationen, denn dafür hat er schlichtweg keine Zeit.

Perfekte Studierende befinden sich in einer romantischen Zweierbeziehung, werden von ihrer Familie finanzielle unterstützt, kennen sich mit der komplizierten Prüfungsordnung selbstverständlich aus, wissen immer schon vor Anfang des Semesters welche Kurse sie belegen und welche Klausuren sie schreiben möchten, da das digitale Prüfungsamt FlexNow nach zwei Wochen Vorlesungszeit ein An- oder Abmelden unmöglich macht. Sie freuen sich darüber, dass durch ihre Studiengebühren zusätzliche Seminare angeboten werden können und sie deshalb nicht mehr mit vierzig Leuten in einem Raum sitzen müssen sondern nur noch mit dreißig. Auch schön ist doch, dass man durch Anwesenheitspflicht dazu gedrängt wird an den unsinnigsten Seminaren teilzunehmen, weil sonst müsste man sich ja überlegen worauf man Lust hätte!

Eine Bolognastudentin fällt höchstens zweimal durch eine Klausur, schreibt so glänzende Noten, dass sie sicher einen Masterplatz bekommt und fertig ist unsere neue deutsche Elite. I

ch freu mich drauf. Und unsere (Post-)Demokratie anscheindend auch.

12:20 08.02.2010
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Geschrieben von

Bela

Kant in Kürze: "Selber denken fetzt!"
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