Verlorene Jäger

Literatur Axel Montes »Trespass City« ist eine düstere Dystopie, die nach 12 Monaten verschärfter Worte und diplomatischer Supergaus brisanter daherkommt, als zunächst gedacht
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Vor einem Jahr verstarb Axel Monte während ich an der Rezension zu seiner damals neuerschienenen Novelle saß. Kurz zuvor hatten die Briten knapp für den Brexit gestimmt. Monate später wählten sogenannte (weiße) Abgehängte Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Jetzt, ein Jahr später, scheint die Welt aus den Fugen und Montes Dystopie liest sich wie eine in den Schmand gezeichnete, nicht unwahrscheinliche Geschichte.

In einer nahen Zukunft bleibt Trespass City, so der Name der fiktiven Stadt in Axel Montes gleichnamiger Beatnovelle, einer der letzten Zufluchtsorte für Ausgestoßene wie Aussteiger: „Die meisten Bewohner von Trespass City kamen hierher, weil sie in irgendeiner Zeit und Welt etwas übertreten hatten. Welche, die nicht mehr geduldet wurden, und welche, die nicht mehr dulden wollten.“
Außerhalb der Stadt herrscht das „Imperium“, ein im Buch nicht eindeutig skizziertes Regime, das von der Wesensart autoritär und global ausgerichtet scheint. Doch auch in Trespass City, der vermeintlich freien und anarchischen Oase, hält das Imperium die Zügel in der Hand; meist etwas lockerer, dafür nicht weniger willkürlich und manchmal umso straffer: „Man griff durch, weil jedem vor Augen geführt werden sollte, dass man nur gewähren ließ.“

In dieses von der Obrigkeit inoffiziell gebilligte Piratennest lässt Monte ein halbes Dutzend Jäger und Gejagte der Weltliteratur stranden, darunter Huckleberry Finn (Mark Twain), der uns durch Stadt und Story führt. Daneben finden wir die Johnsons (You can’t win: Jack Black), Kimball O’Hara (Kim: Rudyard Kipling) oder auch Ned Beaumont, den loyalen Glücksspieler aus Dashiell Hammetts The Glass Key, der nun in Trespass City ein Hotel betreibt und sich danach sehnt, „wieder Dinge aus Liebe zu tun“. Aber sein Hass auf das Imperium quält und verleitet ihn, illegal Taschenuhren mit Radiumziffernblatt zu beschaffen, um in seinem Hinterzimmer mit Deadly Organ Energy (vgl. Wilhelm Reich) zu experimentieren, das er in das Glasfasernetz der Staatsmacht leiten will. Ned ist ein Humanist, der nicht menschlich handeln darf. Oft denkt er darüber nach, zu seiner Geliebten zurückzukehren, obgleich er weiß, „dass dort nur eines dieser Paradiese auf ihn [wartet], in die man [eintritt], um sie zu verlieren.“
Ähnlich wie Ned ergeht es Mack, jenem Streuner und verhinderten Präsidenten aus der Cannery Road (Steinbeck), der tagsüber in Trespass City mit Zugmaschinen und Aufliegern handelt, nachts jedoch an seinem Werk „Die Ökonomie der Bohème“ arbeitet. Auch Mack ist getrieben und hungrig nach entrückter Verzückung abseits religiöser Frömmeleien und Fetischen. Vielleicht ist das, neben der Beschreibung des in Trespass City praktizierten Fieberkultes, auf den ich später noch eingehe, die für mich persönlich beste Stelle in Montes Novelle; die Zitate aus Macks Aufzeichnungen: „Die Bruderschaft der Schreibenden. Das Nachts tritt sie zusammen. Jeder geht dann für sich seiner Passion nach, geeint durch den Drang zum Schreiben. […] Dann, von Verlangen getrieben, entlädt sich die den ganzen Tag über aufgestaute Kreativität. Bis Geist und Körper von völliger Erschöpfung zum Einhalten gezwungen werden.“ Und weiter: „Wir Bohemiens sind Jäger, aber die Jagdgründe sind nur noch dürftige. […] Wir lauern, laden die Zeit, bauen die Spannung auf bis zur Erschöpfung, dann die explosionsartige Entladung in Ekstase, das Schlagen des Wildes, der Sprung.“

Mack wagt den Sprung, jede Nacht. Und es lässt einen vor Ehrfurcht und Anteilnahme erschauern, wenn er sich mit einem Kolbenfüller ausgekochte Extrakte seines Manuskripts fixt. Dabei ist er nicht zu bemitleiden, denn sein Verlieren in Verklärung ist kein Fallen, keine Flucht, nur notwendige Konsequenz und Schutz vor traumlosen Nächten: „Wie lange wirst du das noch durchhalten, immer wieder zu scheitern?“

Es sind jene abgefuckten, einer Einsicht nachjagenden Rebellen und Haudegen, denen Trespass City eine neue Heimat verspricht. Dementgegen entwickelt sich die Stadt zu einem Ort trügerischer Koordinaten und unbefriedigter Erwartungen, an dem archaische Spiritualität zu bürgerlichem Götzendienst und „traditionellem Brauchtum“ pervertiert. So verhält es sich auch mit dem oben erwähnten Fieberkult, einem einst von Schamanen in der Wüste praktiziertem Ritual, das nun von den Großkaufleuten von Trespass City zu „gesellschaftlichen Anlässen“ gefeiert wird: „In der Sesshaftigkeit scheint man sich von der Welt der Halluzinationen und Visionen zu entfernen.“ Hier offenbart sich die Tragik, der Unterschied zwischen Bigotterie und ehrfürchtiger Demut. Denn anders als der sich mit Hilfe von Drogen und/oder Schmerzen in Trance versetzende „rechtschaffene Bürger“, fällt der nomadische Schamane rein willentlich in diese. Er wird von der Gottheit gerufen und tritt mit ihr unbedarft in Kontakt: „[…] man [könnte] die Frage stellen, ob die Verlagerung des Schwerpunktes einer Religion aufs Rituelle, Zeremonielle, immer als Dekadenzerscheinung zu werten ist.“

Letztlich, das ist das aufrichtig Traurige an Trespass City, gibt es keinen Kontakt mehr; nicht zu den Göttern, auch nicht zum Ursprung. Ich weiß nicht, ob es am „Imperium“, das man vielleicht mit gegenwärtig politischen und wirtschaftlichen Hegemonien gleichsetzten könnte, oder am schnödem Schicksal der Menschheit liegt. Eines wird deutlich; wir, die Suchenden, springen ins Leere: „Wir sind aber keine Jäger verlorener Träume. Wir selbst sind verloren, verlorene Jäger.“

Monte war Ethnologe, das ist ob seiner Exkurse in sozialkulturelle Sujets nicht von der Hand zu weisen. Aber er erzählt leger und unakademisch und legt seinen Protagonisten unbedingte Worte in den Mund. Das fühlt sich an wie ein Film von Elia Kazan. Und das beglückt einen, der nachts vom Verlangen zu schreiben seiner Passion nachgeht.

Axel Monte: „Trespass City“, erschienen in der Stadtlichter Presse, Wenzendorf, 25 Seiten, 8 Euro

06:23 17.08.2017
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Geschrieben von

Benedikt Maria Kramer

(*1979) arbeitet als Autor in Augsburg. 2016 erschien im Songdog-Verlag sein Gedichtband "Glücklichsein ist was für Anfänger".
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Benedikt Maria Kramer

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