Bauhäusler, Karikaturist und Chronist des Niedergangs der Weimarer Republik

Ausstellung Die Volkshochschule Weimar hat im Themenjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ein exzellentes crossmediales Erinnerungsprojekt für den linken Künstler und Shoah-Überlebenden Jecheskiel David Kierszenbaum initiiert
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Jecheskiel David Kirszenbaum in seinem Atelier in Paris, um 1952
Jecheskiel David Kirszenbaum in seinem Atelier in Paris, um 1952

Foto: Nachlass Kirszenbaum, Tel Aviv

Im Jahr 2019 feierten die Volkshochschulen in Deutschland ihren 100. Geburtstag. Nicht zufällig fielen die Jubiläen der Weimarer Reichsverfassung und der Volkshochschulen in eins. Denn diese aus der proletarischen Volksbildungsbewegung entstandenen Institutionen wurden von der Nationalversammlung in Art. 148 Abs. 4 der Weimarer Reichsverfassung mit Verfassungsrang ausgestattet: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“

In nur drei Jahren wuchs die Zahl der Volkshochschulen von reichsweit 17 auf mehr als 850 im Sommer 1922. Darunter allein 40 im proletarisch regierten Thüringen. Dort wurden unter Volksbildungsminister Max Greil (USPD) umfassende Reformmaßnahmen im Bildungswesen vorgenommen. Die von der KPD tolerierte Minderheitsregierung aus SPD und USPD legte dem Landtag ein ganzes Bündel von entsprechenden Gesetzen vor. Als „Greilsche Schulreform“ riefen sie den heftigsten Widerstand der Konservativen hervor. Denn sie stellten die herkömmliche Vorherrschaft von Adel, Bürgertum und Kirche radikal in Frage und widmeten sich den Schwächsten der Gesellschaft.

Proletarische Landes- und Kommunalpolitik

Auch in den Folgejahren wurde die Konfrontation zwischen den zwei Thüringer Parteienblöcken maßgeblich auf der Ebene der Kultur- und Volksbildungspolitik ausgetragen. Gegenüber standen sich dabei einerseits die bürgerlich-evangelischen Parteien, in denen die im Reich stabilisierenden Linksliberalen faktisch nicht relevant waren. Ab Mitte der 1920er Jahre paktierten die bürgerlich-evangelischen Parteien mit der völkisch-nationalistischen Rechten und wiesen damit den Weg für den ersten nationalsozialistischen Regierungseintritt Anfang der 1930er Jahre. Auf der anderen Seite standen die Linksparteien zunächst aus SPD, USPD und KPD, später den sich zunehmend antagonistisch gegenüber stehenden proletarischen Parteien SPD und KPD.

Ursächlich für den Kulturkampf der bürgerlichen Rechten war sicherlich, dass in Thüringen ebenso wie in Sachsen eine spezifische Form proletarischer Landes- und Kommunalpolitik dominierte, die Dietmar Klenke als „Kultursozialismus“ bezeichnet und die sich insbesondere in der Förderung sozialistischer Bildungsarbeit, der Jugendweihe, der Freidenker- und Kirchenaustrittsbewegung ausdrückte. Neben Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften nahmen die Freidenker im mitteldeutschen Industrierevier der damaligen Zeit eine zusätzliche lebensweltliche Klammer im sozialistischen Lager ein, wie Steffen Kachel feststellt.

Dieses politisch ebenso günstige wie von rechts umkämpfte Klima trug zur Entwicklung des 1919 in Weimar gegründeten Staatlichen Bauhauses bei. Es sollte binnen Kurzem zu den wichtigsten Institutionen der kulturellen Moderne werden. Bereits 1925 – nach der Machtübernahme der Konservativen und Rechten – wurde das Bauhaus mittels drastischer Haushaltskürzungen aus Thüringen vertrieben und exilierte nach Dessau.

Ein Künstler zwischen Schtetl, klassischer Moderne und dem Zivilisationsbruch der Shoah

Unter der Matrikelnummer 61 wurde im April 1924 – zunächst vorläufig – der Bauhausschüler Jecheskiel David Kirszenbaum (1900 bis 1954) eingeschrieben. Jecheskiel entstammte der nördlich von Krakau gelegenen Ortschaft Staszów, die damals zum russischen besetzten Teil Polens gehörte und wuchs im jüdischen Schtetl auf. Als Sohn eines Rabbiners ist auch Jecheskiel der Weg zur Rabbinerausbildung vorbestimmt, nachdem seine älteren Brüder gestorben waren. Kirszenbaum lehnt diesen Weg hingegen ab und schließt sich stattdessen der sozialistisch-zionistischen Bewegung Hashomer-Hatzair-Jugend an. Die Geschichte der zionistischen Linken, die insbesondere im Osteuropa der damaligen Zeit ihre Ursprünge hat, erzählt im Überblick Angelika Timm im Beitrag „Wider den Strom“ des erst jüngst von der Rosa-Luxemburg-Stiftung publizierten kleinen Sammelbändchens „'Die jüdische mit der allgemeinen proletarischen Bewegung zu vereinen' - Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken“.

Polens Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg bedeutet für den 18-Jährigen angesichts des Polnisch-Sowjetischen Krieges den Zwang zur Emigration, um der Einziehung zur polnischen Armee zu entgehen. Kirszenbaum entscheidet sich für eine künstlerische Zukunft als Maler und wird nach vorheriger Station in Duisburg Schüler am Staatlichen Bauhaus in Weimar. Er belegt Kurse bei Johannes Itten, Paul Klee und Wassily Kandinsky, die zu dieser Zeit alle am Bauhaus tätig waren. Letzterer empfiehlt den talentierten Künstler Kirszenbaum nur ein Jahr später, 1925, als Dozent am Bauhaus, doch Walter Gropius lehnt ab. Angeblich aufgrund Kirszenbaums künstlerischer Auffassung des Expressionismus, wie Dr. Bernhard Post nahelegt.

Bernhard Post, langjähriger Leiter des Hauptstaatsarchivs und zuletzt Direktor des Thüringer Landesarchivs, ist Kurator der Ausstellung "Karikaturen eines Bauhäuslers zur Weimarer Republik", die von der Volkshochschule Weimar initiiert wurde und sich dem durch die Shoah in der Erinnerung verschütteten Wirken von Jecheskiel David Kirszenbaum widmet.

Die Ablehnung durch Gropius veranlasst Kirszenbaum, sich am Bauhaus beurlauben zu lassen und nach Berlin zu wechseln. Er arbeitet dort als freier Künstler. Während er seine Werke als Maler mit den Initialen seines Namens „JDK“ signiert, lautet sein Pseudonym als Karikaturist „Duwdiwani“ (hebräisch für „Kirschbaum“). In der legendären Galerie „Der Sturm“ zeigt Herwarth Walden im Jahr 1927 Werke von Kirszenbaum. Auch in den Jahresausstellungen der „Novembergruppe“ 1929 und 1931 ist Kirszenbaum vertreten.

Gemeinsam mit George Grosz, John Heartfield oder dem Bauhäusler László Moholy-Nagy gehört Kirszenbaum der „Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands“ (ASSO) an, die sich 1932 in „Bund revolutionärer bildender Künster Deutschlands“ (BRBKD) umbenennt. Seine Karikaturen, die im Zentrum der Weimarer Ausstellung stehen, veröffentlicht Kirszenbaum in linksliberalen und sozialistischen bzw. kommunistischen Publikationen. Sie greifen die kulturellen wie politischen Themen der Weimarer Republik auf. Das Bauhaus in Dessau und dessen Künstler sind dabei immer mal wieder Gegenstand augenzwinkernder Karikaturen.

Linke Waffe der Kritik – und Kritik der Waffen

In den frühen 1930er Jahren nimmt Kirszenbaum insbesondere den Aufstieg der Nationalsozialisten und den Verrat der Konservativen und Deutschnationalen an der Republik aufs Korn. Das Instrument der beißenden Karikatur fungiert hier als linke Waffe der Kritik – und angesichts der Aufrüstungspolitik Deutschlands auch als notwendige Kritik der Waffen.

Kirszenbaum ist inzwischen verheiratet mit der ebenfalls jüdischen Helma Helene Joachim, die als Angestellte bei der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), der heute noch bestehenden Theatergewerkschaft, tätig ist. Beide fliehen 1933 in Ermangelung eines Ausreisevisums für Amsterdam nach Paris. Die Nationalsozialisten zerstören das gesamte künstlerische Werk Kirszenbaums, das dieser auf dem Weg ins Exil zurücklassen muss. Der Überfall Deutschlands auf Frankreich führt zur Internierung von Kirszenbaum und Helma Joachim. Während Kirszenbaum 1942 fliehen kann, wird Helma Joachim in Auschwitz ermordet, wie die in Staszów verbliebenen Angehörigen Kirszenbaums. Die Nazis vernichten rund 600 Werke Kirszenbaums im Laufe der Besetzung Frankreichs.

Nach der Befreiung kehrt Kirszenbaum nach Paris zurück und beginnt erneut künstlerisch zu arbeiten und verbringt einige Zeit in Brasilien. Er verstirbt 1954, nur kurze Zeit nach seiner zweiten Hochzeit an einem Krebsleiden.

Beeindruckende Konzeption der Weimarer Volkshochschule

Die Kirszenbaum gewidmete Ausstellung der Weimarer Volkshochschule ist ein Beitrag im Rahmen des regionalen Themenjahres „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“, das unter dem deutschlandweiten Dach „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ stattfand.

Die Ausstellung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. In erster Linie weil sich am Leben und im Wirken von Jecheskiel Kirszenbaum ein Panorama sozialistischer Künstler:innen jüdischer Herkunft in den Umbrüchen der europäischen Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg, den kulturellen und politischen Entwicklungen der 1920er Jahre bis zum Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden entfaltet. Kirszenbaum entführt uns in seinen Karikaturen in das brodelnde Berlin, das seinerzeit wohl bedeutsamste kulturelle Zentrum aufgrund seiner Drehscheibenfunktion zwischen West- und Mittel-/Osteuropa.

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass eine städtische Volkshochschule eine solche Ausstellung initiiert und crossmedial sowie mit dem Anspruch der Barrierefreiheit und räumlicher Ungebundenheit umsetzt. Möglich wurde dies durch das glückliche Zusammenfallen von engagierten Persönlichkeiten. Ullrich Dillmann, Leiter der Volkshochschule Weimar, stellte den erfahrenen Fernsehjournalisten Ralf Finke, der jahrelang für öffentliche und private Sender aus dem In- und Ausland, darunter Krisen- und Kriegsgebiete, berichtet hatte von seiner Tätigkeit als Öffentlichkeitsverantwortlicher frei, um sich in der Pandemie um dieses Vorhaben kümmern zu können. Unterstützt von Dr. Bernhard Post, der auf ein internationales Netzwerk in Archiven zurückgreifen konnte. Nathan Diament, der Großneffe von Jechseskiel Kirszenbaum, der heute als Shoah-Überlebender in Tel Aviv lebt, hat sein Leben der Erinnerung an seinen Großonkel gewidmet um darüber auch seine in den Vernichtungslagern ermordete Familie zu ehren.

Auf der Webseite https://kirszenbaum.vhs-weimar.de/ wird nicht nur über die Ausstellung informiert, sondern es finden sich dort ein Film, zwei Podcasts – in deutscher und englischer Sprache – sowie Angebote für Sehbehinderte, denen auf diese Weise ein barrierefreier Zugang zur Ausstellung gewährt wird.

Um zu ermöglichen, dass diese Ausstellung nicht nur an einem Ort gezeigt werden kann – selbst wenn sie als Wanderausstellung auf Tour ginge – stellen die Macher:innen der Volkshochschule die Daten, Bilder und Informationen der Ausstellung interessierten Institutionen digital zur Verfügung, so dass die Ausstellung parallel zugänglich wird. Davon machen mehrere dutzend Volkshochschulen in Deutschland bereits Gebrauch, ebenso wie das Maison Heinrich Heine in Paris oder das Goethe-Institut in Italien, das die Ausstellung u.a. für die Sprachausbildung nutzt.

Die Weimarer Volkshochschule hat damit einen souveräneren und kreativeren Umgang als manches etablierte Museum gezeigt und wird seine dergestalt gesammelten Erfahrungen auch in die Thüringer Kulturkonferenz zur „Digitalen Kultur“ einbringen, die in diesem Jahr stattfinden wird.

Die Ausstellung "Jecheskiel David Kirszenbaum - Karikaturen eines Bauhäuslers zur Weimarer Republik" ist noch bis Juli 2022 in der Volkshochschule Weimar, Graben 6, 99423 Weimar, zu sehen.

Die digitale Präsentation zur Ausstellung findet man unter: https://kirszenbaum.vhs-weimar.de. Dort sind auch die weiteren Ausstellungsorte abrufbar. Im Laufe des JJahres 2022 wird die Ausstellung auch in der Berliner Landesvertretung des Freistaates Thüringen zu sehen sein.

Der Autor ist Landesbeauftragter zur Förderung jüdischen Lebens und der Bekämpfung des Antisemitismus in Thüringen
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Benjamin-Immanuel Hoff

Chef der Staatskanzlei @thueringende; Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten. #r2g Twitter: @BenjaminHoff
Benjamin-Immanuel Hoff

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