Die Neue Typografie und das Bauhaus

Ausstellung Die Ausstellung "Das Bauhaus wirbt" im KunstForum Gotha präsentiert anschaulich die Ursprünge funktionalen Grafik-Designs und räumt mit Mythen über das Bauhaus auf.
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Die Neue Typografie und das Bauhaus
Symbolbild

Foto: General Photographic Agency/Getty Images

Knapp ein Jahr bevor das Weimarer Bauhaus seine erste große Ausstellung eröffnete, formulierte der Bauhausmeister Gerhard Marcks, eine Vision:

"Die Bauhausausstellung hat begonnen! An allen Mitropawagen Plakate! Der Reichspräsident fährt zur Eröffnung. Die Hotels mit Ausländern überfüllt. 1000 Wohnungen mußten für die Kunstlitteraten evakuiert werden. Auf allen Plätzen wird die Bauhaus-Internationale gespielt. Man raucht nur die Marke Bauhaus. Große Valutaspekulationen erschüttern die Börse. Und der Grund dazu? Im Museum stehen ein paar Schränke von Stöffchen und Töpfchen, darüber kann sich Europa nicht beruhigen. Armes Europa."

Trotz des spürbaren Augenzwinkerns mit dem der Leiter der Dornburger Töpferwerkstatt die werblichen Erfordernisse der ersten großen Zurschaustellung des in Weimar umstrittenen Bauhauses beschreibt, ist der ernsthafte und selbstbewusste Anspruch unverkennbar. Es überrascht darum nicht, dass allein 19 Studierende damit beschäftigt waren, die Druckerzeugnisse für die Ausstellung herzustellen. Die Kampagne setzte denn auch bis dahin unbekannte Maßstäbe für Kunstausstellungen: einer der ersten Ausstellungskataloge moderner Prägung überhaupt, Reklame - wenn schon nicht in allen Mitropa-Wagen, so doch an Bahnhöfen im ganzen Deutschen Reich, Anzeigen, Prospekte, Postkarten, Plakate und gedruckte Einladungskarten. Und dies alles in einem neuen und funktionalen Erscheinungsbild. Verantwortlich für die damals revolutionären Kommunikations-Maßnahmen, die uns als PR heute selbstverständlich sind, zeichnete der 23-jährige österreichische Wandmaler Herbert Bayer, im Auftrag des aus Ungarn stammenden Bauhaus-Meisters Lázló Moholy-Nagy.

Bereits im 1. Band des »Kapital« beschreibt Marx das Phänomen eines quasi-religiösen dinglichen Verhältnisses zur Ware - ein auf den ersten Blick selbstverständliches, triviales und nach Analyse vertracktes Ding voll metaphysischer Mucken - unter der Überschrift »Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis«. Wir können annehmen, dass die Bauhaus-Gründer mit dieser Analyse grundlegend vertraut waren und aus dieser Kenntnis einerseits sowie Gropius' Maxime »Kunst und Technik - eine neue Einheit« andererseits die neue wirksame Ästhetik sowohl der Produkte als auch der Produktpräsentation folgen ließen.

Diesem fundamentalen Wandel von Layout-Prinzipien und Typografien widmet sich die Ausstellung »Das Bauhaus wirbt - Neue Typografie und funktionales Grafik-Design in der Weimarer Republik«, die seit dem 1. März und bis zum 12. Mai 2019 im »KunstForum« der Thüringer Residenzstadt Gotha zu sehen ist. Das KunstForum mit rund 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche bildet mit seiner Orientierung auf zeitgenössische Kunst das bewusste Gegenstück zum Herzoglichen Museum Gotha mit seinen antiken und klassischen Exponaten.

Die von Patrick Rössler kuratierte Ausstellung ist zwar eingebettet in das 2019er Bauhaus-Jubiläum. Gleichzeitig legt sowohl die Gothaer Präsentation als auch der von Rössler herausgegebene und reich bebilderte Katalogband »Neue Typografien. Bauhaus & mehr. 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland« Wert auf die Feststellung, dass die Generalisierung des funktionalen Grafik-Designs als »Bauhaus-Stil« oder »Bauhaus-Typografie« zu den mehr oder weniger absichtlichen Meisterleistungen des Brandings der Bauhaus-Schule gehört. Denn in Wirklichkeit lassen sich, wie im zweiten Teil der Gothaer Ausstellung gezeigt wird, die Ursprünge der vom Bauhaus verwendeten Gestaltung der Druckerzeugnisse zur niederländischen de-Stijl-Bewegung, den russischen Konstruktivismus sowie die typografischen Experimente der Dadaisten und Futuristen zurückverfolgen.

Für Rössler, Professor am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt, ist der im Ausstellungstitel verwendete Bauhaus-Begriff insoweit eine Chiffre für die moderne Bewegung der 1920er Jahre, zu denen Männer und Frauen gehörten, die obwohl nicht unmittelbar mit dem Bauhaus verbunden, an anderen Orten in vergleichbarer Richtung und Zielsetzung tätig waren. Das Bauhaus ist in diesem Rösslerschen Sinne ein Katalysator, der Tendenzen zusammenführte und ihnen zu einer beschleunigten öffentlichen Resonanz verhalf.

Auch die Geschichte des funktionalen Grafik-Designs ist keine ungebrochene Erfolgserzählung, wie Rössler bei der Eröffnung der Gothaer Ausstellung an zwei gescheiterten Innovationen erläuterte: Zwar machten sich die Künstlerinnen und Künstler am Bauhaus immer wieder Gedanken über möglichst rationelle Schriften für den maschinellen Einsatz in der Druckindustrie, doch setzte sich letztendlich die in Frankfurt am Main von Paul Renner entwickelte Schrifttype »Futura« durch, die letzthin zur unumstrittenen Schrift der Moderne avancierte. Ebenso wenig Erfolg war der am Bauhaus populären Idee der radikalen Nutzung der Kleinschrift beschieden, die in den Slogan gefasst wurde: »wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit«. Zwar ist in einzelnen linken Zirkeln und mancher studentischen Gruppierung immer mal wieder eine Rückkehr zur ausschließlichen Kleinschrift festzustellen, doch ebenso wie die Überwindung der sprachlichen Hindernisse der Arbeiter/-innenbewegung durch »Esperanto« konnte sich auch diese Idee nicht durchsetzen.

Durch die galoppierende Hyperinflation - obwohl mit erheblichen funktionalen Mängeln behaftet - zunächst alternativlos war, von August 1923 bis Frühjahr 1924, die Verwendung der wiederum von Herbert Bayer in weniger als 48 Stunden designten Notwährung für die Thüringer Landesregierung. Von der im Wert von 1, 2, 5, 10, 20, 50, 100 und 500 Millionen Mark ausgereichten Währung mit unverwechselbarem aber leider nicht fälschungssicherem Layout und klaren, funktionalen Gestaltungsprinzipien sind 13 Scheine in der Ausstellung zu sehen. Die Geldscheine sind eine der frühesten praktisch Anwendung gefunden habende Zeugnisse der Neuen Typografie und erfreuten sich großer Zustimmung in der Welt der Kunst - nicht jedoch der des Finanzwesens. Ihren ursprünglichen Gebrauchswert haben die Geldscheine verloren, doch sind sie heute eigenständige Kunstwerke mit entsprechendem Sammel- und Warenwert im mittleren dreistelligen und unteren vierstelligen Euro- bzw. Dollarbereich.

Dass die Ausstellung in Gotha ebenso wie der Katalogband sich der Nutzung funktionaler Typografie und neuen Grafik-Designs nach der Vertreibung und Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten widmen, ist ebenso verdienstvoll, wie es inzwischen selbstverständlich sein sollte. Aufgrund ihrer Identifizierung mit dem als »bolschewistisch« verschrieenen Bauhaus galt die Neue Typografie als sozialistische oder proletarische Schriftauffassung, ihre Nutzung stets auch als politisches Statement. Gleichzeitig stand das ideologische Fundament der Neuen Typografie in seiner Orientierung an Funktionalität und Effektivität weniger für eine ideologische Ausrichtung, sondern für den Zeitgeist der klassischen Moderne. Sowohl der Nationalsozialismus als auch wesentlich stärker noch der italienische Faschismus bedienten sich funktionaler Architektur und funktionalen Grafik- ebenso wie Produktdesigns. Diese Bezüge und Indienstnahmen folgten vorrangig pragmatischen Erwägungen, beispielsweise in der Kriegsproduktion. Ihnen voraus gingen ästhetisch-politischen Kontroversen selbst innerhalb der nationalsozialistischen Partei. So wetterte Adolf Hitler beispielsweise auf dem Reichsparteitag 1934 in der Auseinandersetzung mit einem besonders verengten Verständnis in der Baukunst sowohl gegen "das ganze Kunst- und Kulturgestotter von Kubisten, Futuristen, Dadaisten usw. (das) weder rassisch begründet noch volklich erträglich" sei, aber eben auch "gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärte, die meinen, eine 'teutsche Kunst' aus der krausen Welt ihrer eigenen romantischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Revolution als verpflichtendes Erbteil für die Zukunft mitgeben zu können. (...) Eure vermeintlich gotische Verinnerlichung paßt schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton (...)". Es ist angesichts dessen erfreulich, dass gerade ein Bildband zum Reichsparteitag als Objekt in der Ausstellung zu sehen ist. Die Entscheidung, eine Ausgabe von »Mein Kampf«, nicht wie gewohnt in der von den Nazis favorisierten deutschen Schrifttype »Fraktur«, sondern Neuer Typografie, entgegen dem Wunsch des Kurators, nicht in die Ausstellung aufzunehmen, war vielleicht zu übervorsichtig. Die Ausstellung hätte dadurch sicherlich nicht zum Wallfahrtsort für NS-Anhänger/-innen mutiert.

Die Ausstellung schließt mit exemplarischen Einzelstücken aus der DDR und der Bundesrepublik sowie den Vereinigten Staaten, mit denen die Brücke geschlagen wird in unser heutiges Verständnis visueller Sozialisation, in dem anachsialer Satz, Harmonie von Bild und Text ohne Bordüren und mit serifenlose Schrift selbstverständlich sind.

Die Ausstellung »Das Bauhaus wirbt. Neue Typografie und funktionales Grafik-Design in der Weimarer Republik« ist vom 01. März bis zum 12. Mai 2019 im KunstForum Gotha zu sehen. Das KunstForum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag: 10.00 – 17.00 Uhr. Montag ist Schließtag.

Zur Ausstellung erschien das Katalogbuch (232 Seiten, über 1.000 Abbildungen) »Neue Typografien. Bauhaus & mehr. 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland« im Wallstein Verlag (ISBN: 978-3-8353-3367-3) zum Preis von 38,00 EUR.

Ebenfalls zum Thema: Patrick Rössler/Klaus Kamps/Gerhard Vowe, »Weimar 1924: Wie Bauhauskünstler die Massenmedien sahen. Die Meistermappe zum Geburtstag von Walter Gropius«, Franz Steiner Verlag Stuttgart 2019 (ISBN: 978-3-515-12281-8).

20:31 18.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Benjamin-Immanuel Hoff

Kultur-, Bundes- und Europaminister sowie Chef der Staatskanzlei @thueringende. #r2g Twitter: @BenjaminHoff
Benjamin-Immanuel Hoff

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