60. Jahrestag Bundesrepublik Deutschland: Ohne den Osten

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23.05.2009: Heute jährt sich die Gründung der alten Bundesrepublik, vorallem die Verabschiedung des vorläufigen Grundgesetzes. Das muss gefeiert werden. Die Straße des 17. Juni verwandelt sich in Berlin westlich bis zum Brandenburger Tor in eine riesige Festmeile mit Bühnen und Ständen vor dem Symbol der Einheit. Die Offizielle Staatsfeier findet am östlich gelegenen Gendarmenmarkt statt.

Dieses Jubiläum ist wichtig, verkörpert es doch die Überwindung Nazi-Deutschlands durch die Bundesrepublik sowie die Freiheit und Demokratie der Postmodernen Zeit, die in Deutschland mit Wohlstand, Frieden und Erfolg verbunden wird. Soweit so schlecht.

Und der Osten? Im stillen Kämmerlein herrscht Unbehagen und ein Gefühl von Distanz und Deplaziertheit. Und einige wissen jetzt schon, dass ihr „Tag der Republik“ am 7. Oktober zum 60. Jubiläum mit alten Freunden gefeiert wird.

Dieses Jubiläumsjahr 2009 trägt ungewollt die Uneinheit und die gesellschaftliche Ausgrenzung des Ostens offen zutage. Nicht nur der aktuelle Armutsbericht oder die bekannten Lohn- und Preisunterschiede, auch Studien über Aufstiegsmöglichkeiten, Statusbewegungen und Elitekreisläufe machen deutlich, dass es ein großes West-Ost-Gefälle gibt. Der Osten ist -auch mit Angela Merkel- zum Synonym für Abstieg geworden.

Dies bedeutet sozialer, ökonomischer wie auch kultureller Abstieg. Erinnert seien Filme wie „Du bist nicht allein“, „Mondkalb“, „Schulze get the Blues“ oder „Neuland“, die diesen Abstieg sehr sensibel beschreiben. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird zur Ausstellung "60 Jahre- 60 Werke" eingeladen. Werke aus den 40 Jahren der DDR gibt es nicht.

Es fehlt an gemeinsamer Identifikation, überhaupt an Identifikation für den Osten. Gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen aus Ost wie West werden nur einseitig ausgetauscht. Es bleibt bei einer geografisch-politischen Einheit. Der Osten ist fremd im gemeinsamen Land.

Ein Fremder teilt mit Alfred Schütz‘ Worten nicht das gewohnte „Denken-wie-üblich“. Fremde haben einen anderen Orientierungsrahmen, ein anderes historisch gewachsenes Rezeptwissen, leben in einer anderen Lebenswirklichkeit. Gerade dieses ist jedoch notwendig für Status, Schicht und Anerkennung. Dem Osten fehlt der westliche Habitus.

Was von der DDR bleibt, sind negative Assoziationen: Mauer. 1953. Stasi. FDJ. Bautzen. Hohenschönhausen. Kommunismus. Mangelwirtschaft. Andererseits wird die DDR zur Ostalgie kapitalisiert, die "DDR" wird zur Ware. Die breite Öffentlichkeit und Politik zementiert dieses Bild in die deutsche Geschichte. Nur wenige Ostdeutsche wollen wirklich die Mauer zurück, im damaligen Unrechtsstaat Freiheit gegen Sozialismus eintauschen; sie wollen aber auch nicht neues Unrecht erfahren, sondern mit ihrer Biografie, in ihrer Lebenswirklichkeit anerkannt und einbezogen werden.

Es braucht noch gemeinsame Zeit, vor allem Anerkennung füreinander und Akzeptanz der unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten. Vielleicht wäre die Konstitution einer gemeinsamen Verfassung unter direkter Bürgerbeteiligung eine Möglichkeit, die kulturelle und soziale Einheit unter Beweis zu stellen. Der Artikel 146 im Grundgesetz wartet darauf seit nunmehr 60 Jahren.

13:24 22.05.2009
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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