Ein Zigeunerjunge, Zigeunerjunge

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Sinti und Roma bleiben unerwünscht in Europa. In Berlin sorgen "Bettel-Roma" (B.Z.) für Unmut. Die Mühen der Antiziganismusforschung leider ohne Wirkung.

„Ich war noch ein Kind, da kamen Zigeuner, Zigeuner in unsere Stadt, tamtamtam.., kamen in unsere Stadt. Die Wagen so bunt, die Pferdchen so zottig, sie zogen die Wagen so schwer...“

Soweit der Text von Hans Blum. Natürlich erinnern wir uns sofort an Doris Nefedov, an „Alexandra“, die zur Zigeuner-Frau bis zu Ihrem Tod vermarktet wurde. Die Sehnsucht nach Freiheit und Gemeinschaft, nach Natur und Unbeständigkeit bleibt bis heute erhalten. Zigeuner verkörpern in unseren Bildern diese Romantik, gerade in Zeiten eines zweckrationalen Habitus.

Die Antiziganismusforschung befasst sich mit diesen Stereotypen, mehr aber noch mit all jenen Negativ-Assoziationen über Sinti und Roma, die uns veranlassten seit dem Mittelalter jene zu vertreiben, zu diskrimminieren und zu töten. Das Mahnmal nahe des alten Berliner Reichstages soll dies bald nicht vergessen machen. Die negativen Assoziationen bleiben.

In Rumänien oder Italien werden Sinti und Roma immer wieder Opfer von Überfällen sowie Vertreibungen und als Fremde zum Sündenbock stilisiert.

In Berlin finden derzeit Vertreibungs- und Einschüchterungsaktionen gegen mehrere Romafamilien im Görlitzer Park statt. Die Bettel-Roma, wie sie die B.Z. nennt und mit Familien dort campen, werden regelmäßig von der Polizei besucht, durchsucht und teilweise in Untersuchungshaft genommen. Grund dafür ist, das die Familien keine feste Unterkunft nachweisen können und somit das Jugendamt den Verdacht auf Verwahrlosung der Kinder erhebt. Die New Yorck im besetzten Ostflügels des Bethaniens hat die Familien vorläufig in Absprache mit Jugendamt und Polizei aufgenommen. Nun sollen die Familien dort raus.

Die Roma-Familien kommen aus Rumänien, haben ein 3-Monate-Visum und wollen langfristig in Deutschland leben und sich einbürgern.

Es ist der Fremde, der zugleich fasziniert und erschreckt. Dieser, wie es der Soziologe Alfred Schütz beschreibt, teilt nicht das gewohnte „Denken-wie-üblich“. Fremde besitzen weder Status noch Habitus, weder den vorhandenen gesellschaftlichen Orientierungsrahmen noch das historisch gewachsende und ausgehandelte Rezeptwissen, um in der bestehenden Gemeinschaft anerkannt zu werden. Zur Anerkennung nehmen Fremde oft das erwartete Klischee an.

Der ungeschützte Fremde kann ohne großen Widerstand verantwortlich für Probleme gemacht werden. In der Identifizierung wird sich auf das historisch ausgehandelte Bild berufen. Dabei wird auch deutlich, wie sehr für uns eine Ethnien- und Herkunftsbestimmung eine Rolle trägt. Fremdsein hängt von unserer Offenheit und der Vermittlung unseres Rezeptwissens ab. Neben Kategorien fürs Fremdsein wie Abstammung und Herkunft treten Status, Schicht und Milieu immer deutlicher hinzu, die den Anderen, den Fremden nicht zulassen.

21:52 21.05.2009
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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