Israels Linke und wir Deutschen

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Linke in Israel

Zuallererst, ich freue mich immer über emanzipative Initiativen weltweit, so auch über die Israelische Linke. Um einige Beispiele zu nennen: Von “Breaking the Silence” und den “Rabbies for Human Right” bis hin zum “Israeli Committe Against House Demolitions" oder auch “Peace Now” und “Gush Shalom” gibt es eine Reihe des zivilgesellschaftlichen Ausdrucks politischer Vielfältigkeit und Emanzipation in Israel, die ich an vielen Orten der Welt vermisse. So würde ich mir gerne wünschen, dass in Deutschland eine Initiative wie “Breaking the Silence” kritisch von Kriegserlebnissen erzählt und Verantwortung übernimmt. Ich kenne die Initiativen aus persönlichen Erfahrungen vor Ort und stellte fest, den Initiativen ist leider eines gemeinsam: Ihr Erfolg ist im Ausland um ein vielfaches höher als im eigenen Land. Dies ist nicht gerade förderlich für die politische Arbeit in Israel. Das sollte zumindest zum Nachdenken anregen.

Der Appell "Angebot zum Dialog"

Den Appell in der Jungen Welt verstehe ich als ein Schritt im Sinne der Selbst- bzw. auch Fremdkritik. Der nächste Schritt wäre ein Appell linker Palästinenser_Innen, narzisstische Selbstmordanschläge zu verurteilen, sich vom Chauvinismus der Fatah und dem Militarismus der Hamas zu distanzieren und ebenfalls Vorschläge für einen Frieden vorzustellen. Ein gemeinsamer Katalog von Ideen könnte ein konstruktives Resultat sein, als Grundlage für weitergehende politische Prozesse.

Wenn nicht die Linke, wer sonst, sollte sich vom engstirnigen, nach totalitärer Ordnung drängenden Nationalismus befreien und Utopien denken?

Was kann die Linkspartei nun ausrichten?

Für die internationale Zusammenarbeit wären sicherlich intensive Beziehungen mit der israelischen Meretz-Partei oder der Chadasch von Vorteil, die in Israel für linke Politik eintreten können. Im Rahmen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihren neuen Zweigstellen in Tel Aviv oder Ramallah könnten vorallem Koexistenz-Projekte für Israelis und Palästinenser initiiert, Innovationen in der Westbank oder im Gaza-Streifen angeschoben werden, wie es heute schon die anderen politischen Stiftungen im Nahen Osten machen.

Kurz zu Bak Shalom:

“Bak Shalom” macht, wenn auch spät, endlich innerhalb der Linkspartei den Anfang und thematisiert und diskutiert Antisemitismus und Antiisraelismus. Nebenbei sehe ich innerparteilich hier vorallem einen Generationenkonflikt zwischen noch ideologisierten Alt-Kommunisten und theoretisch-flexibleren, undogmatischen Jung-Linken, mit dem eine Radikalisierung der Bak Shalom einhergeht, die ich jedoch oftmals auch für kritisch halte. Initiativen an einer solchen Nahtstelle laufen oft Gefahr, sich vorübergehend philosemitisch zu verhalten und bedingungslos Israel zu romantisieren bzw. sich mit allen israelischen Anstrengungen zu solidarisieren.

Zurück zur Problematik des Aufrufes:

Bei der Betrachtung der Unterzeichner_innen fällt auf, dass es sich um radikale Israel-Kritiker_Innen handelt, die, würden Sie sich in der Art und Weise in Deutschland engagieren, sich kaum in der “gemäßigten” Linkspartei wiederfinden oder gar etablieren könnten. Selbst Freitag-Autor Uri Avnery, ein Arik Ashermann oder Yehuda Shoul sind nicht dabei.

In der linken Szene bestehet oft die Gefahr, linke Israelis als – überspitzt formuliert - “Vorzeigejuden” ohne Kontextwissen für eigene Standpunkte und Ansichten zu benutzen. So sehr der Appell vermeintlich gut gemeint war, löst er leider genauso sehr vorhandene antisemitische Stigmata aus.

Die israelische Linke darf jedoch in Deutschland nicht als Legitimierung für Israelfeindlichkeit dienen. Dazu zählen auch einseitige Gewaltaufzählungen oder Berichterstattungen, wie Lutz Herdens Provokation, die sogar soweit ging, die Hamas nicht als “Terrororganisation” einzuordnen und leider dahin führte, dass es in der Diskussion zu antisemitischen und Israel das Lebensrecht absprechenden Kommentaren kam, bei denen der Freitag-Redaktion letztendlich nur die Selbstzensur blieb. (Allerdings im versteckten Kämmerlein ohne Kommentar.)

Und wir Deutsche? Wollen wir denn Koexistenz?

Dann müssen wir auch in Koesistenz denken! In Deutschland sollten wir den Nahen Osten als Ganzes zu betrachten versuchen, auch von positiven Momenten erzählen, von Koexistenzinitiativen oder von Innovationen. Herbeigesehnte Gewalteskalationen oder Berichtexzesse über scheinbar grausige und lebensunwürdige Orte, die selbst im Leben nie besucht wurden und nie besucht werden, nützen dabei wenig. (Gaza ist nicht gleich Somalia; und Flüchtlingslager ist nicht immer gleich Flüchtlingslager.) Wer sich mit Israel beschäftigt, muss sich mit Antisemitismus ebenso auseinandergesetzt haben. Der erste Schritt der Erkenntnis dabei ist: das eigene Eingestehen. (Daher vielleicht doch auch mal die Joungle World lesen!?)

Gewalt und Konflikt im Nahen Osten, sind in meinen Augen, und Begegnungen mit Israelis und Palästinensern bestätigten mir dies, weniger religiös oder politisch bedingt, als viel mehr Auswirkung einer globalen Umbruchphase innerhalb der Moderne. Während Palästina weitgehend noch in der Vormoderne (Gemeinschaften, Familienwirtschaft, kleine Agrarstruktur) verharrt, befindet sich Israel schon am Übergang ins postmoderne Zeitalter. (Wissens-, Dienstleistungsgesellschaft, Individualisierung etc.). Dennoch befindet sich zwischen beiden Gesellschaften ein sozialer, ökonomischer, kulturell wie auch politischer Austausch, der eben auch zur Aufrechterhaltung der jeweiligen sozialen Ordnung zu Konflikten führen kann. (Vgl. Zygmunt Baumann "Dialektik der Ordnung") Ideen und Studien müssen entwickelt werden, wie Palästina sich autark machen kann. Anstatt von Kassamraketen und Selbstmordattentate, vielmehr Energien für innovative Projekte, beispielsweise in der IT-Branche oder in den Bioenergien, bündeln. Leider verpuffen die Förderungen in den Glaspalästen der Fatah oder in den einflussreichen Familien der Hamas. Die Fördertöpfe sind da, um Know How für Innovationen zu kaufen oder soziale Kassen zu füllen.


Und wir? Wie wäre der Aufruf eines breiten Bündnisses zu einer gemeinsamen Demonstration “Gegen Gewalt im Nahen Osten –Gegen Selbstmordattentäter und militärische Aggression”, auf der sich Betroffene aller Seiten treffen könnten? Das wäre zumindest ein Anfang und ein Schritt, den wir innerhalb der deutschen Linke machen könnten.

Bezugsquelle: "Angebot zum Dialog"www.jungewelt.de/2010/03-27/053.php

Bisherige Diskussion: www.freitag.de/politik/1011-netanjahu-obama-nahost-quartett

18:50 31.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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