Nicht der Mensch schießt, sondern der Schütze

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Nach dem Winnender Amoklauf ist der Täter schnell verurteilt. Weitergehende Diskussionen zu einer gesellschaftlichen Verantwortung, wenn nicht für den Amoklauf, sehr wohl aber für die Ressource "Gewalt", finden nicht statt.

Dem Soziologen Georg Simmel nach findet Gesellschaft durch die Interaktion, durch die Vergesellschaftung, zweier Menschen statt. In einer hochtechnisierten Gesellschaft treten neben den 'menschlichen' Akteuren jedoch zunehmden 'nicht-menschliche' Akteure, technische Artefakte, auf. Dies wird besonders deutlich, wenn der Computer ausfällt, somit die Arbeitsplattform weg bricht und ganze Kommunikationsnetzwerke zusammenstürzen.

Mensch und Waffe: Hier wirken zwei Akteure, zwei eigenständige Entitäten, zusammen: der 'Mensch' und die 'Waffe' (noch reines Werkzeug). Der Mensch kann ohne Artefakt, ohne Waffe, nur mit seinen Händen nur schwerlich töten. Die Waffe besitzt nur die Bedeutung, die sie durch den Akteur erhält.

Dem Techniksoziologen Bruno Latour nach wird aus beiden Akteuren eine neue Verbindung geschöpft, die vorher nicht da war und die beide Akteure in bestimmtem Maße modifiziert. Dies passiert, in dem Mensch und Waffe durch Assoziationen verknüpft werden, die durch den gesellschaftlichen Diskurs ausgehandelt werden. Es entstehen somit neue Handlungsmöglichkeiten und Nutzungsweisen, in denen das Ziel von „verletzen“ bis hin zum „töten“ verschoben werden kann. Aus 'Mensch' und 'Waffe' entsteht ein neuer, zusammengesetzter Akteur, 'der Schütze'.

Diese Assoziationen, diese Figur des Schützen, können persönlich durch Ego-Shooter-Games, vorallem aber auch durch den gesellschaftlichen Diskurs zu Sicherheit, Gewalt und Krieg internalisiert und übernommen werden. Warum sind häufig in Filmen, Helden auch Schützen, ob Cowboy, Gangster, Terrorist oder Soldat? Im Counter Strike bin ich der Held. Mit der Wii-Konsole hab ich die Waffe sogar selbst in der Hand, werde vom virtuellen zum lebensnahen Schützen.

In einer hochtechnisierten Gesellschaft müssen wir uns fragen, inwieweit wir technische Artefakte bzw. Waffen und Menschen als handelnde Akteure bestimmen und einschätzen und inwiefern wir die Verfügbarkeit und Interpretationsoffenheit der Akteuren diskutieren können.

00:01 16.03.2009
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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