Rwanda 1994 - 15 Jahre

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Der Weg in die Postmoderne ist steinig

Als ich letzten Sommer das Land bereiste, erblickten meine Augen nach dem Grenzübergang, die bisher nur die meist trockenen Savannen Tansanias gewohnt waren, bewaldete Berge, rote Erde, Reisfelder, Bananenplantagen, Wasserfälle und Seen. Mit dem Bus ging es über asphaltierte Straßen durch viele Ortschaften mit festen Gebäuden, die Leute schauten interessiert, nutzten jede Gelegenheit für ein Gespräch. Das Land ist im Vergleich zu seinen Nachbarn sehr modern. Unsere europäische, unsere weiße Perspektive des Exotischen, Wilden, Unizivilisierten findet keine Bestätigung und scheint nur Ausdruck des post-kolonialen Eurozentrismus.

Rwanda war auch 1994 schon ein ökonomisch gut aufgestelltes Land mit weltweiten Kontakten, einer guten Infrastruktur und großer öffentlicher Verwaltung. Dominierendwaren sozio-ökonomische Konflikte zwischen zwei Bevölkerungsgruppen. Es kam zwischen den Hutu und Tutsi in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Gewaltausbrüchen und Massakern.

Mit Jerome, den ich in Kigali in einem Café kennenlernte, kam ich ins Gespräch. Er zeigte mir auf vielen Ausflügen sein Rwanda, ich lernte seine Familie kennen und wir besuchten zusammen das Genozid Memorial und die Massengräber. Auf die Frage hin, wie sich Hutu und Tutsi historisch unterscheiden würden, antwortete er mit folgenden Worten: Als im 19. Jahrhundert Europäer Ruanda kolonialisierten, wurden die Menschen in Hutu und Tutsi aufgeteilt. Tutsi sollten sich die nennen, die mehr als zehn Kühe besaßen, also traditionell Viehzucht betrieben. Hutu wurden solche genannt, die weniger Kühe hatten und eher Ackerbau betrieben. Während der deutschen Kolonialzeit (1899-1919) wurde dies von der Rassenlehre untermauert. Die Tutsi wurden von europäischen Staaten bevorzugt und als die Herrschenden bewertet.

Der Soziologe Zygmunt Baumann, selbst den Antisemitismus in Europa erlebt, beschreibt das Auftreten von ethnischen Kriegen bzw. auch Genoziden als eine in der Struktur der Moderne angelegte Möglichkeit. Im Versuch Nationalstaaten zu bilden,müssen Individuen so in die Gesellschaft integriert werden, dass eine vollkommene Ordnung ohne Störung und Uneindeutigkeit möglich wird. In der sozioökonomischen Konkurrenz wird der Andere zum Fremden, zum Gegner, der die Ordnung stört und eliminiert werden muss. Handeln kann in dieser Umbruchsphase so zweckrational und instrumentell werden, dass Menschen unter bestimmten Rahmenbedingungen zu allem fähig werden, diese Ordnung herzustellen.

Zwischen April und Juli wurden 1994 etwa eine Million Menschen ermordet. Annähernd 75 % der in Rwanda lebenden Tutsi wurden erschossen, Hutu-Männern verbrannten ihre eigenen Tutsi-Frauen, Kinder wurden mit Macheten und Äxten vor ihren Eltern zu Tode geprügelt, Kirchen mit tausenden Schutzsuchenden von den eigenen Priestern niedergebrannt. Millionen flüchteten in den Kongo, nach Tansania, Uganda oder Burundi. Eine halbe Million Frauen wurden oftmals systematisch vergewaltigt –von HIV-AIDS infizierten Männern. Die aufgeklärte Weltöffentlichkeit schaute 1994 zu, die Vereinten Nationen zogen ihre Soldaten ab.

Der Alltag in Rwanda hat längst für Normalität gesorgt, im bunten Treiben auf den Straßen Kigalis scheint alles vergessen. Die Flüchtlinge sind zurückgekehrt. Es herrscht Aufbau- und Aufbruchstimmung. Es gibt ein europäisches Zentrum mit Hotels, einigen Cafés und Geschäften. Hutu und Tutsi leben als Nachbarn zusammen und versuchen sich auf ihre gemeinsame Identität als Staatsbürger Rwandas zu konzentrieren. Die Integration der Verantwortlichen in die Gesellschaft wird allerdings noch einen langen Prozess darstellen.

Konflikte bis hin zu Genoziden scheinen in kritischen Umbruchsphasen in labilen Ländern möglich zu sein. Jedoch kann dieser sensible Umbruch innerhalb einer internationalen Staatengemeinschaft aufgefangen werden, diskutiert und gestaltet werden.

Leider Zukunftsmusik. Wir halten Regierungen in Ländern des Südens bewusst instabil, unterstützen Diktaturen, versorgen Milizen oder Regierungen mit Waffen und sorgen für eine langfristige ökonomische Entmachtung der Länder. Opfer neben wir billigend in Kauf. Wir Weißen sollten uns eine Ruhephase gönnen, die Welt nicht nach unseren Maßstäben organisieren, sondern, um sich dem Appell von Gayatri C. Spivak (Postkoloniale Theorie) anzuschießen, einfach nur mal Z U H Ö R E N.

12:04 07.04.2009
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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