Vergesellschaftung im Amok

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Wer Amokläufe im Internet googelt merkt schnell, dass diese nichts besonderes mehr sind. Nichts besonderes zumindest in den reichen Wissensnationen und Dienstleistungsgesellschaften, wie Deutschland oder den USA.
Der Maßstab ist nach 'Erfurt' bereits auf ein beträchtliches Maß gestiegen, sodass die öffentliche Aufmerksamkeit sich nur noch punktuell konzentriert.
Winnenden war mal wieder solch ein Event. Auf den Nachrichtensendern und meisten Radiostationen wurde den ganzen Tag über den Amoklauf "berichtet", immer wieder die gleichen O-Töne und Videosequenzen ausgestrahlt, über mögliche Szenarien fantasiert, in die selbst die Überlebenden aus Erfurt in die illustre Runde aus sog. Experten, Sozialpsychologen und Polizei mit ein bezogen wurden.
Unzälige Tote, Verletzte und Traumatisierte sind Resultat dieses Amoklaufs. Eine Nation zeigt sich schockiert und brüskiert. Der Computer, samt Killer-Spiele, Pornos und Chatrooms wird wieder schuldig. Andere fordern schärfere Waffengesetze oder drängen die Eltern als die tatsächlichen Täter zur öffentlichen Hinrichtung. Dabei laufen die Standards zum Schutz von Kindern und Jugendlichen für PC-Games und Waffen auf hohem Niveau. Warum Deutschland? Warum nicht Ghana, Kasachsthan, Chile oder Tschechien?
Der Bundespräsident Horst Köhler warb in seinen Reaktionen auf den Amoklauf für mehr Aufmerksamkeit füreinander. Hier liegt der Kern: Unsere Sozialstruktur ist labil geworden. Unsere Gesellschaft ist brüchig. Wie oft -ob in Berlin oder in Oberammergau- trinken wir mit unseren Nachbarn einen guten Wein oder treffen uns in einem Kneipchen auf ein Bier? Wo gibt es Orte unserer Gesellschaft? Die Eckkneipen Berlins besuchen längst nur wenige Stammgäste, die Spielplätze ohne Sitzgelegenheiten dürfen nur zu bestimmten Plätzen ohne Hunde aufgesucht werden. In den Dörfern des Ostens treffen sich Jugendliche in Bushaltestellen. Wo sind Orte, ob in Landeshauptstädten wie Erfurt oder Kleinstädten wie Winnenden, in denen Fragen wie „Wer bin ich?“ „Welche Perspektive habe ich?“ „Wer hilft mir?“ gestellt werden können?
Diese Orte sind selten geworden, werden in eigenen Milieus oder im Internet gesucht. Depressionen und Aggressionen können dort verdrängt werden. Probleme und Ängste summieren, projektieren sich und können den Einzelnen ohne ein stabiles soziales Netzwerk in die eigene Fantasiewelt abgleiten lassen, in der aufgrund mangelnder Vergesellschaftung der Einzelne Gefahr läuft, die Schwelle der Norm und Ethik zu überschreiten, in der der Amok beginnt.
Vergesellschaftung, dem Soziologen Georg Simmel nach, die Interaktion, das Wechselspiel, zwischen zwei Akteuren und somit Grundlage jeder Gesellschaft, findet in unserer Sozialstruktur mangelhaft statt. Der Hegel'sche Sinn des 'sich im Anderen erkennen“, Sensibilität und Mitgefühl für sein Gegenüber zu entwickeln, wird unzureichend verfolgt. Unser 'ICH' gespeist aus dem gesellschaftlichen Spiegelbild und unseren eigenen Wünschen und Bedürfnissen gerät ins Wanken und wird aufgegeben.
Die Signale sind deutlich: getötete Babys, verwahrloste Kleinkinder, aggressive, gewaltbereite Jugendliche, die in Berliner U-Bahnen zuschlagen, gestresste Arbeitnehmer, überflüssige Arbeitslose oder vereinsamte Greise, die Depression als Volkskrankheit.
Auf unserem Weg nach Performanz, nach Selbstdarsellung, im Konkurrenzkampf und dem Drang nach eigenen Vorteilen und aussichtsreichen Positionen, nach dem eigenen "ICH", haben wir die Aufmerksamkeit auf unser Miteinander vergessen und begreifen Gesellschaft nicht mehr als einen gemeinsamen Raum, sondern als einen Fremden.

17:46 14.03.2009
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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