Vom Buchdruck zu den Social Media - Medien als politisches Werkzeug!

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Nach Foucault ist die Macht Grundbedingung für alle gesellschaftlichen Wechselbeziehungen. Neue Medien, ob Buchdruck oder Social Media, können herrschaftsfreie Räume ausnutzen, alternatives Wissen produzieren und so politische Umbrüche provozieren:

„Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall.“ (Foucault 1976)


Social Web & Smart Phones als neue Medien:

Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten zu Beginn 2011 sind Kinder der Internet-Generation, die mit ihren Smart Phones, Fotografie und Film mit den Social Media, wie facebook oder twitter, sowie dem klassischen Internet und Telefon verbinden. Der Zusammenhang neuer Medien mit gesellschaftlichen Umbrüchen stellt allerdings kein neues Phänomen dar. So waren schon Newsgroups, Mailing-Listen und Websiten für den Aufstand der Zapatistas in Mexiko 1994 wichtiges Werkzeug, um eine internationale Gegenöffentlichkeit zu erzeugen. In der Renaissance wurde die Malerei zum kritischen Medium, während der Reformation und des 30-jährigen Krieges im 16. Jahrhundert dienten vor allem nach Erfindung des Buchdrucks Flugblätter als interaktive Medien, die schnell verbreitet und dann zur Hervorbringung einer Gegenöffentlichkeit gegen die Kirchenmacht vorgetragen wurden. Später in der Zeit der Aufklärung waren vor allem Zeitungen Mittel bürgerlich-demokratischer Emanzipationen. Neue Techniken und neue soziale Praktiken können somit in enger Wechselwirkung stehen.

Wichtigstes Merkmal in den Social Media ist, dass die Nutzer_innen selbst „user-generated-contents“ anbieten können und somit die Unterscheidung zwischen Anbieter_innen und Nutzer_innen verschwimmt. Vernetzte Interaktionen zwischen den Menschen und Interaktivitäten zwischen den Techniken rücken im Social Web in den Vordergrund und gewinnen gerade durch die Verbindung mit internetfähigen Smartphones ein hohes Maß an Erreichbarkeit sowie Geschwindigkeit und können Partizipation in Machtbeziehungen schaffen. Um diese komplexen Machtbeziehungen zu verstehen, lohnt es sich Foucault zu bemühen. Dazu unterscheidet er die Begriffe Macht, Regierung und Herrschaft.


Macht - Herrschaft - Regierung:

Macht als gesellschaftliche Grundbedingung wird bei ihm nicht einseitig von Herrschaftsregierungen ausgeübt, sondern liegt netzwerkartig und dynamisch zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren. Zu diesen Akteur_innen gehören neben den Beziehungen zwischen Menschen, beispielsweise auch Objekte, verschiedene Denk- und Verhaltensmuster, Ressourcen, Techniken oder Krankheiten. Macht entsteht Foucault nach erst durch die Wechselwirkung der Akteure und schafft dadurch soziale Ordnung und Gesellschaft. Es gibt Foucault zufolge keinen sozialen Raum jenseits von Machtbeziehungen und keine machtfreie Interaktion zwischen Menschen.

Herrschaft kann als eine auf Dauer gestellte und mit ökonomischen, politischen oder militärischen Mitteln institutionalisierte Ausübung von Macht verstanden werden, die in den Social Media bis auf einige technologische und politische Grundlagen, eben noch nicht vorhanden sind. Ein Herrschaftszustand bildet den Extrempunkt und Sonderfall von Machtbeziehungen, die hier starr, unbeweglich und blockiert sind und alternative Handlungs- und Freiheitsspielräume stark einschränken. Radio und TV können als Medien von Herrschaftsregimen gelten und haben ihre Ursprünge in militärischen Innovationen. Im Internet könnte eine bessere Identifizierbarkeit der bisher eher anonymen User_innen Freiheiten und Experimentierfelder abschaffen und Medien für die Stabilisierung der Herrschaft institutionalisieren. Daher bleibt es abzuwarten, ob Wikis, wie beispielsweise Wikileaks, weiter bestehen können, oder inwieweit Herrschaftsregime Institutionen zur Kontrolle und Zensur im Internet schaffen.

Die Regierung hat dabei eine Scharnierfunktion und wirkt intermediär zwischen Macht und Herrschaft, wobei das Wissen einen großen Einfluss hat. Während heute Regierung eher mit der staatspolitischen Exekutive in Verbindung gebracht wird, erinnert Foucault an die heterogene Begriffsbedeutung im Mittelalter, in der Regierung als Führung und Lenkung des Staates, aber auch des eigenes Haushalts, der Familie bis hin zum eigenen Selbst, erstanden wird


Macht durch Wissen:

Am Social Web werden netzwerkartige Machtverhältnisse deutlich, die Herrschaftsregime aufbrechen und neue Formen der Partizipation und des Widerstandes schaffen können. Wissen, das gerade im Social Web via via Text, Ton oder Bild vermittelt wird, ist grundlegend für Machtbeziehungen und eine Gegenöffentlichkeit. Macht und Wissen setzen sich wechselseitig voraus.

Foucault wies darauf hin, dass Wissen immer auch im historischen Kontext steht, und gleichzeitig anderes Wissen ausgrenzt oder unterdrückt. So scheint hegemoniales Wissen der Herrschaftsregime als der globale Maßstab für Macht zu sein und steht im Kontext ihrer spezifischen Praktiken, die globale Pluralität zur eigenen Machtsicherung unterdrücken.

Während in den klassischen Medien (Print, Radio oder TV) ein einseitiges, hierarchisches Produzenten-Konsumentenverhältnis als "Rede ohne Antwort", um mit Baudrillard zu sprechen, besteht, produzieren Nutzer_innen Wissen im Social Web selbst, das dezentral und global verbreitet, bewertet und diskutiert werden kann. Dies schafft eine Pluralität von Informationen und löst die bisherigen medialen Machtbeziehungen auf. Dabei können aufgrund der anonymen Online-Identitäten die konventionelle Typisierungen, wie die sozio-ökonomische Lage, die politische Orientierung, die sexuelle Identität, die Herkunft oder die Religion in den Hintergrund treten.

Auch wenn einige Medienwissenschaftler dem Social Web die Hervorbringung von Demokratisierungen und Partizipationen absprechen wollen, zeichnen die Demonstrationen im Iran 2009 oder die Umbrüche in Tunesien und Ägypten 2011 ein anderes Bild.

Das soll jedoch nicht heißen, dass Social Media zu Freiheit verpflichtet. Sie dienen vielmehr als mögliche Träger, wie wikileaks, und benötigen Schlüsselsituationen, wie die politischen Umbrüche in Tunesien und Ägypten, in denen sie Träger einer Gegenöffentlichkeit werden. Hier dienen diese als ein emanzipatives Werkzeug, das in starre Herrschaftsregime eingreift und Machtverhältnisse demokratisieren kann. Als Werkzeug dienen Medien, die selbst noch keinen starren Herrschaftsregimen unterworfen und somit für innovative Praktiken oder politische Aktionen offen und frei sind.

19:42 11.02.2011
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Geschrieben von

Benjamin Mattausch

Weltenbummler und Harlekin
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