Das hässlichste Gesicht der Pandemie

Soziale Ungleichheit Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie treffen arme Menschen auf der Welt besonders hart. Ein ähnliches Phänomen droht sich bald durch den Klimawandel zu wiederholen
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Das hässlichste Gesicht der Pandemie
Das Corona-Virus könnte ein Vorbote für das sein, was uns erwartet, wenn die Auswirkungen des Klimawandels den ganzen Planeten in einer jetzt noch nicht vorstellbaren Heftigkeit erfassen

Foto: John Macdougall/AFP via Getty Images

Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass ausgerechnet ein Virus für fast die ganze Welt zur existenziellen Bedrohung werden könnte. Der Klimawandel schwebte während der vergangenen Hitzesommer wie ein Damoklesschwert über der Zukunft der Menschheit. Aber ein Virus? Wie sollte ein Virus unsere aufgeklärte, technologisch fortgeschrittene Welt bedrohen?

Tatsächlich gibt es frappierende Parallelen zwischen dem Coronavirus und dem Klimawandel. Das Virus wie auch die Erderwärmung lassen sich nur dann in den Griff bekommen, wenn rechtzeitig entschieden gehandelt wird. Je später gehandelt wird, desto verheerender sind die Auswirkungen. Und je verheerender die Auswirkungen sind, desto stärker treffen sie die schwächsten Glieder dieses Planeten. Das sind nicht nur die Alten und Kranken, sondern es sind auch die Flüchtlingskinder auf den griechischen Inseln und in Nordsyrien, Menschen in prekären oder gar menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen wie in vielen deutschen Schlachthöfen, Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Kurzum, all diejenigen, die aufgrund ihrer Lebensumstände nicht widerstandsfähig genug sind, um unbeschadet die Krise zu überstehen.

Gleichzeitig weisen das Virus und der Klimawandel aber auch einen entscheidenden Unterschied auf: Während die Klimakrise langsam, über Jahrzehnte über uns hereinbricht, überrollte uns das Virus innerhalb von Wochen. Corona im Zeitraffer, der Klimawandel in Zeitlupe.

Gerade aufgrund dieses Unterschieds böte uns die Pandemie die Gelegenheit, aus Versäumnissen zu lernen und beim Klimaschutz im womöglich allerletzten Moment die Krise zu bekommen.

Denn verspätetes Handeln verschärft Ungleichheiten. Es legt die Schwächen des Neoliberalismus und des Raubtier-Kapitalismus offen. Es offenbart die hässlichen Seiten unserer Welt- und Gesellschaftsordnung.

Auch im Angesicht der Corona-Pandemie haben fast alle Staaten zu spät gehandelt. Warum Italien und Spanien bislang heftiger getroffen wurden als Deutschland, darüber lässt sich noch nur spekulieren. Wir wissen zu wenig.

Fakt ist aber, dass die Krise die Notwendigkeit starker öffentlicher Systeme und Strukturen offenbart. Nur ein funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem ist in der Lage, genügend unrentable Intensivbetten vorzuhalten. Nur ein starker Staat garantiert eine ausreichende Grundversorgung mit genügend Krankenhäusern in der Nähe auch in ländlichen, wenig besiedelten Regionen. Was essenziell für ein funktionierendes Gemeinwohl und ein menschenwürdiges Dasein der gesamten Bevölkerung ist, muss der Staat gewährleisten. Wenn er es nicht selbst vorhält, muss er den Markt hinreichend regulieren. Unzureichend kontrollierter Kapitalismus lässt einen Teil der Menschen auf der Strecke. Die Grundversorgung gehört in staatliche Hand.

Genauso muss der Staat Universitäten und Forschungseinrichtungen mit genügend Geldern ausstatten, ohne dass die Unabhängigkeit vom Staat in Frage gestellt wird. Nur so lassen sich schnell genug Antworten auf drängende Probleme und Krisen finden.

Die Forderung nach einem starken Staat darf nicht falsch verstanden werden. Ein Wettbewerb der Ideen ist genauso notwendig, um Innovationen zu fördern und Zukunftsfragen zu lösen.

Nehmen wir das Beispiel eines Impfstoffs gegen das Coronavirus: Erst der Wettbewerb zwischen verschiedenen Herstellern angetrieben vom Ziel, als erster den Schlüssel zum Sieg über das Virus zu finden, ermöglicht eine Entwicklung eines solchen Impfstoffs in hoffentlich kurzer Zeit. Ohne unternehmerische Freiheit und Anreize in einem System, in dem ein einzelnes öffentliches Institut oder eine einzelne Hochschule monopolartig am Impfstoff forscht, müsste die Menschheit wahrscheinlich länger auf die Lösung warten.

Und doch darf sich der Staat auch hier nicht völlig zurückziehen. Während Anreize helfen, dass ein irgendwann entwickelter Impfstoff aufgrund des Wettbewerbs zu möglichst niedrigen Preisen auf den Markt kommt, muss regulierend und unterstützend eingegriffen werden, damit der Impfstoff erschwinglich ist und nicht der Geldbeutel darüber entscheidet, wer Zugang zu ihm erhält. Die Frage des Zugangs zu einem möglichen Impfstoff darf dabei nicht nur national oder europäisch gedacht werden, er muss international gedacht werden. Auch hier wäre wünschenswert, wenngleich wohl illusorisch, dass es ein starkes internationales Reglement gibt, um eine Versorgung der Menschen auch in den ärmeren Staaten sicherzustellen.

Doch ein starker Staat greift immer auch in Grundrechte ein. Und auch hier zeigt sich, dass die Eingriffe tendenziell massivere Auswirkungen gegenüber armen und benachteiligten Bevölkerungsschichten als gegenüber den Wohlhabenden und den Eliten entfaltet – sowohl im nationalen Kontext als auch global gesehen.

Ausgangsbeschränkungen und -sperren treffen besonders hart die Menschen in den Vorstädten der Großstädte, in den Slums der Megacitys und auf der Flucht. Wer kaum Platz zum Leben hat, der kann keinen Abstand halten. Und wo viele Menschen auf engstem Raum leben, wächst unweigerlich das Gewaltpotenzial.

Das trifft Kinder in den Hochhaussiedlungen in Berlin-Mahrzahn, Frauen in den Slums von Neu-Delhi und Jugendliche in den Townships von Soweto. Und es trifft die Menschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln.

Das Minimum an Humanität, was eigentlich vor der Pandemie schon nicht mehr existierte, ist seitdem völlig verschwunden.

Während die Bundesregierung rund 200.000 Deutsche aus aller Welt (zurecht) zurückflog, kann sie sich bis heute genauso wenig wie der Rest der Europäischen Union - jenes Staatenverbundes der sich eigentlich als Wertegemeinschaft definiert – dazu durchringen, einige Tausend Menschen vor einer Katastrophe zu schützen.

Doch international sind Deutschland und die EU in guter Gesellschaft. Indiens hindu-nationalistische Regierung hat das Thema erst verharmlost, um dann mit dem Vorschlaghammer innerhalb von vier Stunden eine Ausgangssperre durchzusetzen. Millionen von Wanderarbeiter waren hunderte Kilometer von ihren Familien und Heimatdörfer weg, Lösungen in den Großstädten, in denen sie für normalerweise für wenig Geld am Tag schuften, wurden erst nach und nach gesucht. Während der Lockdown in Indien regelmäßig verlängert wird, sind noch immer unzählige Wanderarbeiter mit ihren Familien unterwegs. Ohne Geld und ohne Essen verhungern einige auf dem langen Fußweg nach Hause, andere werden von Zügen überrollt oder sterben an Erschöpfung. Bis heute gibt es keine zufriedenstellende Lösung des Landes, das sich immer noch als aufstrebende Nation versteht.

Indem es die sozialen Folgen der Pandemiebekämpfung ausblendet oder zumindest vernachlässigt, ist Indien weltweit jedoch in guter Gesellschaft.

Das Corona-Virus könnte ein Vorbote für das sein, was uns erwartet, wenn die Auswirkungen des Klimawandels den ganzen Planeten in einer jetzt noch nicht vorstellbaren Heftigkeit erfassen. Hoffnung macht, dass Staaten in Krisenzeiten offenbar in der Lage sind, zuvor unvorstellbare Maßnahmen zu ergreifen, um Menschenleben zu retten.

Doch Sorge bereitet, zu sehen, wie viele Menschen dabei auf der Strecke bleiben.

Und die Sorge überwiegt.

20:08 19.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Benjamin Scholz

Jurist, freier Journalist & Vorstand einer gemeinnützigen Organisation zur Unterstützung benachteiligter Menschen in Indien
Benjamin Scholz

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