Podcast-Summit von Spotify: Die Unterhaltungsindustrie feiert sich selbst

Spotify In Berlin begeht Spotify einen Podcast-Summit. In einer alten Fabrikhalle trifft Unterhaltungsindustrie auf Journalismus und alle freuen sich. Zu Besuch bei einer selbstbewussten Branche
Am liebsten würde Spotify auch die Podcast-Landschaft auf den Kopf stellen
Am liebsten würde Spotify auch die Podcast-Landschaft auf den Kopf stellen

Foto: Lionel Bonaventure/AFP via Getty Images

Ich habe gedacht, ich hätte Tagungen nicht vermisst. Alle networken, alle finden alles spannend, alle präsentieren sich. Für mich ist das eher Stress. Ich mag es nicht, den Leuten möglichst dezent auf ihre Bäuche starren zu müssen, um wenigstens ihren Namen auf dem Namensschild zu erkennen. Ich habe immer Angst, langweilig zu sein, ich esse nicht gerne im Stehen.

Aber als Spotify dann zu „All Ears. Der Podcast Summit“ geladen hat – inoffizieller Titel: Podcast-Klassentreffen – habe ich mich dann doch gefreut. Also bin ich hin – in eine nicht unbedingt zentrale Gegend Berlins, was mir schon einmal sympathisch ist, weil sich Spotify sicherlich auch ein Loft irgendwo in Mitte hätte leisten können. Stattdessen ist es eine alte Fabrikhalle in Reinickendorf geworden. Schick ist es da trotzdem, eigentlich sogar recht passend, weil das schon auch ins Macher-Image und Startup-Narrativ passt. Vor gar nicht allzu langer Zeit war das noch eine windige Fabrikhalle voller Pfützen, jetzt ist es der Ort für die Kreativen. Viel Backstein, viel Glas, mittags gibt es Sellerie-Döner und Blumenkohl-Burger. Fast wie Podcast-Landschaft also: Quasi aus dem nichts ist eine bunte, kreative Welt geworden, so das Selbstverständnis.

Die präsentiert sich also hier: Jung, sehr hip – Instagram-Welt in Wirklichkeit. Vor allem aber soll es die Stars der Szene zu hören geben. Allen voran Sarah Koenig, die mit ihrer True-Crime-Reportage Serial neue Maßstäbe im seriellen Erzählen gesetzt hat und damit Podcast-Hype mit ausgelöst hat, und Ira Glass, der mit This American Life einen der besten Podcasts überhaupt hostet. Beide sind dann aber leider doch nicht persönlich da, sondern werden zugeschaltet, was der Online-Ankündigung irgendwie nicht so recht zu entnehmen war.

Fynn Kliemann würde hier reinpassen

Auch Jan Böhmermann und Hanna Herbst werden nur zugeschaltet, um mit Robin Droemer über ihre neue Podcast-Produktionsfirma TRZ-Media zu sprechen. So richtig Zeit haben Böhmermann und Herbst aber auch nicht, vermutlich weil es die letzten Dinge rund um Fynn Kliemann zu regeln gilt, dessen Masken-Geschäfte noch am selben Abend vom ZDF Magazin Royale aufgedeckt werden.

Das ist im Rückblick durchaus kurios, weil auch beim „All Ears“ so einige herumlaufen, die eher in die Fynn-Kliemann-Kategorie zu passen scheinen. Einer luftigen Entertainment-Welt entstiegen, in der es nicht sonderlich viel Substanz braucht, um erfolgreich zu sein. Für diesen kommerziellen Erfolg steht auch Spotify selbst. Das Unternehmen pumpt viel Geld in den Podcast-Markt. Ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits ermöglicht das aufwändige Recherchen und gute Produktionen, wie zum Beispiel 190220 – Ein Jahr nach Hanau. Es kann aber eben auch dazu führen, dass primär das produziert wird, was kommerziell verwertbar ist. Und das sind oft nicht die journalistisch spannenden Formate, sondern „unterhaltsame“ – man könnte auch sagen „seichte“. So ein Bisschen wie früher Privatfernsehen.

Podcast, als Medium der Stunde. Das wabert als Grundrauschen durch die Fabrikhalle. Eine selbstbewusste Branche, die wachsen will. Das ist durchaus bemerkenswert, gingen Medien und die Aura Niedergangs doch jahrelang Hand in Hand. Umso schöner ist es da, dass auch die Vertreter:innen der journalistischen Erfolgsformate auf den Podien sitzen. Khesrau Behroz zum Beispiel, der mit seinem Team vergangenes Jahr mit Cui Bono einen überaus hörenswerten Podcast über Ken Jebsen veröffentlicht hat. Oder Maria Lorenz-Bokelberg, Chefin der Produktionsfirma Pool-Artists, die die erfolgreichen Podcasts der Zeit produziert. Das macht doch Mut.

Jetzt übernimmt die Unterhaltungsindustrie

Wer eher weniger Sichtbarkeit auf den Bühnen bekommt, das sind die kleinen Indie-Formate. Aus Sicht von Spotify mag man das verstehen, der Nostalgiker in mir ist wehmütig. Aber vielleicht ist das auch wirklich der Gang unaufhaltsame Gang der Dinge, denke ich mir, während ich den Bio-Energy-Ball aus dem Goodie-Bag genauer untersuche. Jetzt übernimmt die Unterhaltungsindustrie.

Viele der Leute hier zeigen, dass das nicht schlecht sein muss. Aber dann gibt es auch diese bezeichnende Szene: Der letzte Act des Abends auf der Hauptbühne neigt sich dem Ende zu. Tommi Schmitt, einer der beiden Hosts des überaus erfolgreichen Spotify-Podcasts Gemischtes Hack, der pro Folge mehr als eine Million Hörer:innen erreichen soll, ist im Gespräch gekommen. Da kündigt die Moderatorin Aminata Belli eine Überraschung an. Es sind Bill und Tom Kaulitz, live aus den Kaulitz Hills. Kaulitz Hills, so heißt der neue Podcast der Brüder, die vor der eigenen neuen Karriere selbst überhaupt keine Podcasts gehört haben, wie sie sagen. Aber so ist das eben, the show must go on. Die Recken der Unterhaltungsindustrie von einst können es auch in der neuen schaffen. Darauf ein Herrengedeck zwischen Berlin und Beverly Hills, man stößt virtuell an, man feiert sich selbst. Und dann gibt es Freibier und Gin Tonic für alle.

Doch wie sieht es außerhalb der Medien-Bubble aus? Bei den Feuerwehrleuten, die hier nach dem Rechten sehen, zum Beispiel? Bei den Caterern. Ob sie Podcasts hören? Ja schon. Und was? Gemischtes Hack. Oder Baywatch Berlin mit Klaas Heufer-Umlauf. Das muss man der Unterhaltungsindustrie also lassen – sie weiß schon, was sie tut. Wie das die Podcast-Welt verändert, wird sich zeigen. Und man mag hoffen, dass viele Ira Glass zugehört haben. Im Zentrum stehen für ihn bei This American Life die Alltagsgeschichten der Menschen, sagt er sinngemäß. Außerdem die Liebe zum Erzählen – und die Lust der Reporter:innen am Experimentieren. Hoffentlich bleibt das bei allem Business erhalten.

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