Podcasts über das Olympia-Attentat von 1972: Eine Bereicherung der Aufarbeitung?

Podcasttagebuch Das Olympia-Attentat von München jährt sich zum 50. Mal. Aus diesem Anlass widmen sich gleich mehrere Podcast-Formate dem Terroranschlag. Hat es das nun auch noch gebraucht? Ja, das zeigt vor allem eine Produktion
Ausgabe 33/2022
Wie konnte der Polizeieinsatz zur Befreiung der Geiseln so scheitern?
Wie konnte der Polizeieinsatz zur Befreiung der Geiseln so scheitern?

Foto: Imago/Sven Simon

In meiner Jugend war das Olympiagelände in München vor allem ein Areal des Spaßes. Es ist ein beeindruckender Ort: die Architektur des Stadiondachs, der Turm, der Park mit See – und das Olympische Dorf mit seinen terrassenförmig angelegten Balkonen und unterirdischen Straßen. In den 1990er und nuller Jahren bedeutete diese Gegend für mich: Fußballspiele, Konzerte, Freiluftkino, Kneipe.

Dass sie für den Terror während der Olympischen Spiele 1972 steht, spielte in der kollektiven Wahrnehmung kaum eine Rolle. Das Unschöne wird in München gerne mal hinter pittoresker Sauberkeit und „Millionendorf“-Gemütlichkeit versteckt.

Am 5. September 1972 nahmen acht Terroristen der palästinensischen Organisation „Schwarzer September“ elf Mitglieder des israelischen Olympia-Teams als Geiseln – alle wurden später getötet. Bei der missglückten Befreiungsaktion der Polizei starben zudem fünf Terroristen und ein Polizist.

Wie Podcasts das Erinnern bereichern

Nun jährt sich der Angriff zum 50. Mal. Was mediale Mechanismen angeht, lassen mich derlei Jahrestage meist mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits wirken all die Artikel, Features und Dokumentationen gegen das Vergessen – andererseits hat all das auch etwas Ritualisiertes, Pflichtbewusstes. Deshalb haben mich auch die jetzt eigens produzierten Podcasts misstrauisch gemacht, doch in diesem Fall kann man beobachten, welche Bereicherung das Format darstellen kann. Weil Zeit dafür ist, Zusammenhänge zu erklären und aufwendige Recherchen detailliert nachzuzeichnen.

Da ist zum Beispiel der Antenne-Bayern-Podcast Geheimakte 1972, dessen Titel Übles vermuten lässt, steht das Label „Geheimakte“ beim Sender doch für die „preisgekrönte True-Crime-Reihe“, wie er mitteilt. Doch die bisher veröffentlichten Folgen zeichnen eine gründliche Recherche nach – Bezug auf die aktuelle Debatte um die Entschädigung der Opfer-Angehörigen inklusive.

Intime Auseinandersetzung

Einen ähnlich tiefen Gang in die Archive treten auch die Macherinnen der Olympia-Protokolle an. In vier Folgen wird der Hergang des Attentats, aber auch das behördliche Versagen bei der Verfolgung nachgezeichnet.

Dazu gehört auch die gescheiterte Befreiung der Geiseln am Flughafen in Fürstenfeldbruck bei München. Hier setzt Himmelfahrtskommando an, der wie die Olympia-Protokolle beim BR erschienen ist. Der Podcast der Journalistin Patrizia Schlosser ist deswegen so großartig, weil er die Kraft dieses Mediums ausschöpft. Schlosser erzählt vom Olympia-Attentat anhand der Geschichte ihres Vaters Guido. Der war 1972 ein 21-jähriger Polizist. Er ist Teil eines Teams, das in einem für die Geiselnehmer bereitgestellten Flugzeug wartet – und die Terroristen überwältigen soll. Die Beamten verlassen das Flugzeug jedoch, eben weil sie darin ein Himmelfahrtskommando sehen.

Seitdem wird Guido von Schuldgefühlen verfolgt – zu Recht? Patrizia und ihr Vater rekonstruieren den Fall, blicken auf das Versagen der Entscheidungsträger, erfassen gleichzeitig aber auch die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen dieses Anschlags und seiner Vorgeschichte.

Diese Annäherung ist sehr intim – auf eine Weise, wie es vor allem in Audioformaten möglich ist, zum Beispiel wenn Guido Schlosser nach einem aufwühlenden Gespräch im Auto erst einmal hörbar tief durchatmet. Das macht Himmelfahrtskommando zugleich auch sehr mutig und überaus berührend. Vor allem, als Vater und Tochter Schlosser am Ende auf Ankie Spitzer, Witwe des Terror-Opfers André Spitzer und Kämpferin für Aufklärung, und deren Tochter Anouk treffen. Guido Schlosser will sich entschuldigen, Ankie Spitzer will mehr verstehen. Und am Ende ist da ein gemeinsames Betrauern der Traumata, ohne sie in irgendeiner Weise gleichzusetzen.

Die Arroganz des deutschen Staates, sie wird hier besonders greifbar – und lässt die Hörer:innen fassungslos zurück. Und doch begreift man am Ende besser, wie es kam, dass man in München lange Zeit so wenig über das Attentat gesprochen hat. Ein Denkmal für die Opfer des Terrors auf dem Olympia-Gelände gibt es erst seit 2017.

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