Don’t believe the hype

Film „Berlin, I Love You“ berührt uns ungefähr so tief wie eine Pilsener-Werbung. Aufschlussreich ist er dennoch. Denn er zeigt, wie Städte heute gesehen werden
Don’t believe the hype
Schick schaut das alles aus in der Hauptstadt, und die Wäsche macht sich von selbst

Foto: Roman Benbihy / Billy Media

Als hätte Berlin es nicht schon schwer genug, hat es nun den vorläufigen Gipfel des Stadt-Hypes erklommen. Erst kommen Café-Ketten, Gentrifizierung und Verdrängung. Dann wird die Stadt ihr eigenes Adjektiv – nach dem Motto: „Das ist so Berlin.“ Und wenn das alles noch nicht reicht, wird die Stadt „Protagonistin“ eines eigenen Films.

Dass da etwas Ungutes auf den Betrachter zukommen könnte, ließ sich schon erahnen, als der Trailer von Berlin, I Love You die Runde machte. In sozialen Medien und den Zeitungen echauffierte man sich, die B.Z. zürnte: „Sollten sich die schlimmen Erwartungen aber bestätigen, können wir auf diese Liebeserklärung gerne verzichten.“

Über die Verzichtbarkeit kann man sich jetzt ein vollumfängliches Bild machen. Es sind knapp zwei Stunden Beliebigkeit, Oberflächlichkeit und vor allem Langeweile geworden – „permanent pulsierende Stadt“, wie es in der Ankündigung heißt, hin oder her. Oder, wie Dieter Kosslick laut Berliner Zeitung erklärte, warum der Film auf der Berlinale fehlte: „Wir haben den Film nicht ausgewählt, weil er einfach grottenschlecht ist.“

Tanzen zur Salonmusik

Und das, obwohl es um das ganz große Gefühl geht, die Liebe – in der Stadt und angeblich auch zur Stadt. Das ist die Idee der „Cities of Love“-Reihe von Produzent Emmanuel Benbihy, in der zuvor unter anderem Paris, je t’aime und New York, I Love You entstanden sind. All diese Filme eint die Grundidee, sich der Stadt und ihren Bewohnern in Episoden, erzählt von unterschiedlichen internationalen Regisseuren, anzunähern. Mitunter gibt es Berührungspunkte zwischen den Figuren auch über die Episoden hinweg. Das könnte auch 13 Jahre nach dem ersten Film erzählerisch spannend sein – ist es nur leider nicht.

Stattdessen werden Klischees durchgehechelt. Eine Mischung aus Berliner-Pilsener-Werbung und Bucket List eines Lifestyleblogs. Da passt es, dass man über die Figuren im Grunde nichts erfährt. Was Stilmittel zur Veranschaulichung moderner Urbanität sein könnte – flüchtige Begegnungen, Anonymität –, wirkt vor allem bequem und oberflächlich.

Heraus kommen Geschichten wie diese: Der Künstler Damiel (Robert Stadlober) verdient sein Geld unter anderem damit, geschminkt und mit Engelsflügeln am Potsdamer Platz – der arme Wim Wenders! – Passanten zu unterhalten. Er lernt Sara (Rafaëlle Cohen) aus Tel Aviv kennen, die neben ihm als Straßenmusikerin auftritt. Ihr Traum ist jedoch, einmal im Mauerpark vor großem Publikum zu singen, außerdem will sie das Haus suchen, in dem ihre Großmutter, eine Holocaust-Überlebende, einst wohnte. Sportlich, wie da Triviales und große Erzählung gemischt werden, und es ist eine berechtigte Frage, wie das in einer Episode auserzählt werden soll. Die Antwort bleibt ein Rätsel, es klappt nicht.

Stattdessen sehen wir, wie Stadlober seine Flügel lässig in den Cabrio-Oldtimer packt, mit seiner neuen Bekanntschaft durch Kreuzberg heizt und sie in seinem Loft übernachten lässt. Denn – das liest man ja ständig – in Berlin gibt es Lofts für alle. Vielleicht kann er sich das aber auch leisten, weil er auch noch als tanzender Engel in einem edgy, industrial, echt Berliner Club auftritt. Die Straßenmusikerin kommt mit und natürlich wird dann leidenschaftlich im Club kopuliert. So läuft das nämlich hier. Am Ende dieses Erzählstrangs steht Sara schließlich vor den Massen im Mauerpark und erklärt, sie fühle sich schon nach nicht einmal 48 Stunden in der Stadt als Teil von Berlin. Zu diesem Konzert am Ende des Films sind alle Protagonisten gekommen – heraus aus ihren Geschichten, deren Grundideen mehr oder weniger spannend sind, die jedoch eint, dass ihre Erzählung kein Werk für die Ewigkeit ist.

Da ist etwa die Episode mit Keira Knightley und Helen Mirren. Ein Tochter-Mutter-Konflikt, die Tochter arbeitet in der Geflüchtetenunterkunft am Flughafen Tempelhof, eines Abends nimmt sie einen Jungen von dort mit in ihre Wohnung am Kottbusser Tor. In einer Episode (Regie: Til Schweiger) macht ein älterer Mann (Mickey Rourke) eine junge Frau an der Hotelbar an – fast landen sie im Bett –, die sich jedoch als seine Tochter erweist, die er nie kennengelernt hat, und ihm am Ende mit Lippenstift eine Nachricht am Spiegel hinterlässt.

Immerhin sind Inhalt und Bilder konsistent. Skylinebilder folgen auf das obligatorische Kotti-Bild, selbst urbanes Chaos wird perfekt inszeniert – Instagram-Ästhetik in Reinform. In diesem Setting erscheinen dann selbst ein türkischer Supermarkt oder der Späti um die Ecke wenig authentisch. Orte, wie man sie aus der Werbung kennt. Die Freiluft-Bar mit Lichterketten zum Beispiel. Eine Episode ist dabei exemplarisch: Eine Touristin stolpert am Hackeschen Markt umher, verguckt sich in einen Straßenmusiker, stolpert weiter und landet auf einer Party, bei der wild zu Salonmusik von und mit Max Raabe getanzt wird. Später kreuzt der Musiker dort auf – dieses Mal im weißen Smoking. Es folgt inniger Tanz, später Erwachen aus dem Rausch der Nacht in einer alten, aber sehr hippen Fabrikruine. Sie fragt: „Ist das typisch Berlin?“ Er antwortet: „Nichts ist typisch Berlin.“

Niemand hat Geldsorgen

So ärgerlich diese Inszenierung der Stadt im Imagefilm-Stil ist, durch diese Art des filmischen Erzählens lässt sich einiges darüber erfahren, wie Städte gesehen werden oder gesehen werden sollen. Wenn ein Film für sich beansprucht, „einen ganz speziellen Blick auf eine der aufregendsten Städte der Welt und seine (sic!) Bewohner“ zu gewähren, Geschichten zu erzählen „über die Liebe zu Berlin und seiner einmaligen Entwicklung von der ehemals geteilten Stadt zu einer der angesagtesten Metropolen weltweit“, dann sagt die Umsetzung dieses Anspruchs einiges aus.

Es ist die neoliberale Erzählung einer Stadt, in der fast alle gut aussehen, sich verwirklichen, keine Geldsorgen zu haben scheinen und in schnieken Wohnungen residieren. Sie sind unangepasst, aber nicht zu sehr, sie haben Brüche im Leben, die es aber nicht weiter zu beeinflussen scheinen. Der Lebensweg mag voller Umwege sein, aber er geht eben stetig bergauf.

Von wem nicht – oder maximal schablonenhaft – erzählt wird, das sind diejenigen, für die das Leben schwerer ist, die aber gleichzeitig die Stadt am Laufen halten und ihr genau die Patina verleihen, von der Filme wie Berlin, I Love You zehren. Die Stadt, das sind auch und vor allem die Menschen, die in ihr leben. Das schließt Jetsetter nicht explizit aus, doch es gehören eben weit mehr dazu: Lebenskünstler, verkrachte Existenzen, Normalos. Erzählt man von ihnen, dann erzählt man von der Stadt. Denn natürlich gibt es auch gute Filme mit der Stadt als mehr oder weniger heimlicher „Protagonistin“. Smoke (1995) etwa, in dessen Zentrum der Kiosk-BesitzerAuggie Wren mit seinem Laden in Brooklyn steht, zeichnet ein ehrlicheres, facettenreicheres Bild einer Stadt und ihrer Bewohner. Zum Beispiel, weil einsame Menschen mitunter auch einsam bleiben, weil hier aus Unglück nicht zwangsläufig spätes Glück wird. Und weil man sich hier eher wiedererkennt als in einem Berliner, der morgens sein Käffchen auf dem Loftbalkon trinkt.

Da sind Filme wie Do the Right Thing von Spike Lee (1989), der exemplarisch aufzeigt, wie Konflikte in Stadtteilen auftreten, wie zerstörerisch sie sein können und wie eine Nachbarschaft trotzdem weiter funktionieren kann. Oder Victoria (2015). Auch da geht es um eine im Club feiernde Berlin-Besucherin. Doch was daraus erwächst, die Intensität einer Nacht in der Stadt, hat eine völlig andere Wucht.

Natürlich produzieren auch diese Filme ein Zerrbild der Stadt, sie füttern Illusionen und Träume. Am Ende erlebt man New York wohl anders, als man es sich nach Smoke vorstellt. Und man kann auch gut in Berlin leben, ohne ein einziges Mal so exzessiv durch die Nacht gewandelt zu sein wie in Victoria. Aber zumindest basiert dieses Bild auf einer gründlicheren Betrachtung – vor allem der Menschen.

Das neue Bild der Stadt, das durch Filme wie Berlin, I Love You erzeugt wird, ist hingegen ein anderes. Sie ist nicht mehr als die Bühne für die sich selbst inszenierenden Menschen, die nur so lange interessieren, wie sie das Bild perfekt ergänzen. Wer stört, wird einfach wegignoriert. Es wäre trotzdem zu einfach, sich über jene lustig zu machen, die Berlin, I Love You etwas abgewinnen können. Die Sehnsüchte, die dort befriedigt werden, sind die, die man aus der Werbung schon kennt – nur eben jetzt auf der Leinwand. Was man aber sagen kann, ist: Don’t believe the hype. Denn der ist am Ende nicht für alle.

Info

Berlin, I Love You Emmanuel Benbihy (Prod.) Deutschland 2019, 120 Minuten

06:00 10.08.2019
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