Ein Apfel nimmt dem Computer die Schärfe

Digitalisierung Die Tech-Welt entrückt der Natur nicht etwa, sie bleibt ihr verbunden. Das weiß jeder, der zum Beispiel schon mal einen Windows-Bildschirmhintergrund gesehen hat

Der wohl bekannteste Hügel der Welt liegt in Kalifornien, genauer gesagt in Sonoma County. Über eine Milliarde Menschen haben die sanft geschwungene, sattgrüne Wiese unter strahlend blauem Himmel mit Schäfchenwolken gesehen – morgens, mittags, abends: als läge das Idyll direkt vor ihrer Haustür. Und in gewisser Weise ist das so, denn besagter Hügel war seit 2001 der standardmäßige Desktop-Hintergrund von Windows XP.

Es ist schon kurios, dass die Natur in ihrer Makellosigkeit die Masse ausgerechnet über einen Bildschirm erreicht – und dass scheinbar auch in der digitalen Welt der Konnex zur Natur nie ganz verloren gehen darf. Denn auch Apple liefert seine Geräte schon seit Jahren ab Werk mit gestochen scharfen, spektakulären Naturbildern als Standard-Hintergrund aus – mal waren es Felsformationen im Yosemite Nationalpark, mal die Mojave-Wüste. Und seit den frühen nuller Jahren tragen die Mac-Betriebssysteme Namen, die der Natur entlehnt sind: Snow Leopard, El Capitan, benannt nach einem besonders eindrücklichen Berg im Yosemite Nationalpark, oder Catalina, benannt nach einer Insel.

Dabei werden digitale Welt und Natur nicht selten als maximal weit voneinander entfernte, zuweilen auch widerstreitende Pole empfunden. Auf der einen Seite die urwüchsige, wortwörtlich „natürliche“ Umwelt, aus der der Mensch kommt und die ihm entspricht – auf der anderen Seite die hoch artifizielle, zwar vom Menschen gemachte, aber doch allzu oft das menschliche Verstehen übersteigende Sphäre des Digitalen. Doch obwohl wir heute über KI sprechen und Technologie möglich erscheint, die vor Kurzem noch eher an Magie erinnert hätte, bleibt es dabei: Die Tech-Welt entrückt der Natur nicht etwa, sie bleibt ihr verbunden. Das zeigt sich allein schon daran, wie wir über Digitales und Technologie sprechen und beides damit im Alltag zu begreifen versuchen.

Unsere Daten etwa speichern wir inzwischen ganz selbstverständlich in der Cloud, im Zusammenhang von Software wird häufig der Begriff des Ökosystems verwendet, um ein Zusammenspiel zu beschreiben. Und nicht nur, dass Computer ebenso von Viren befallen werden wie Menschen, auch in den sozialen Medien sprechen wir bei sprunghafter Weiterverbreitung von Inhalten davon, dass sie „viral“ gehen.

All das macht eine per se schwer zugängliche Welt verständlicher und gibt uns die Möglichkeit, uns an etwas Vertrautem festzuhalten. So haben die Bildschirmhintergründe von Windows und Apple auch eine beruhigende Wirkung. Überhaupt Apple – auch ein Naturname. Dazu soll Steve Jobs einmal gesagt haben, er sei auf den Namen gekommen, als er gerade von einer Apfelplantage zurückgekehrt war. „Der Name klang freundlich, schwungvoll und nicht einschüchternd. Apple nahm dem Begriff Computer die Schärfe.“

Die Geschichte des weltberühmten Hügels von Windows XP hat das Künstlerduo Goldin+Senneby recherchiert. Aufgenommen hatte das Bild der Fotograf Charles O’Rear, der auf dem Weg zu seiner Freundin war, als ihm das Motiv ins Auge sprang. Der Hügel, eigentlich ein Weinberg, leuchtete deshalb so grün, weil die Reben – von einem Schädling befallen – entfernt werden mussten und durch Gras ersetzt worden waren. O’Rear lud das Bild auf ein Portal für Stockfotos hoch. Dort wurde es von Microsoft entdeckt – angeblich, weil die Farbkombination den Markenfarben entsprach. Bearbeitet wurde das Bild übrigens nur geringfügig. Das kriegt so eben auch nur die Natur hin.

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