„Eine Win-win-Situation“

Interview Der Politologe Benjamin Barber fordert mehr Macht für die Städte, weil dort ein sinnvoller Pragmatismus herrscht
Benjamin Knödler | Ausgabe 35/2016

In den Metropolen explodieren die Mieten, während das Land verödet. Ist das wirklich so? Und wenn ja, was kann man dagegen tun? Wir haben mit zwei Raumexperten über die Zukunft von Städten und Dörfern gesprochen. In der ersten Folge erklärt der US-Politikwissenschaftler Benjamin Barber, warum wir ein globales Parlament von Bürgermeistern brauchen.

der Freitag: Herr Barber, Sie glauben, dass die großen Probleme unserer Zeit in den Städten gelöst werden können. Warum?

Benjamin Barber: Städte sind immer Orte gewesen, an denen pragmatische Bürgermeister und engagierte Bürger gemeinsam Probleme gelöst haben. Das geht bereits auf die griechische Polis zurück, ebenso auf die italienischen Stadtstaaten oder die New England Towns, gilt aber auch für die heutigen Städte. Diese machen jetzt schon viel Politik. Wir wollen das honorieren, stärken und einen Teil dazu beitragen.

Wie genau?

Wir wollen mit dem Global Parliament of Mayors, einer Plattform für Städte aus der ganzen Welt, dafür sorgen, dass diese besser miteinander kooperieren. Es ist nicht so, dass wir einen ersten Schritt brauchen, wir sind schon beim 20. oder 30. Schritt. Und der, der meiner Meinung nach nun notwendig ist, ist ein solches Parlament der Bürgermeister. Uns fehlt bislang eine Organisation mit einer lauten gemeinsamen Stimme für gemeinsame und effektive Aktionen.

Warum Städte, nicht Staaten? Immerhin erlassen Letztere oft erst Gesetze zur Lösung von Problemen, die in den Städten entstehen. Etwa gegen hohe Mieten.

Das Argument für Städte ist keines gegen Staaten. Es geht darum, dass Städte mehr Macht bekommen, um mit Staaten, den Vereinten Nationen und schließlich miteinander Probleme zu lösen, die Staaten nicht alleine nicht lösen können. Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Im augenblicklichen System haben die Nationalstaaten zu viel Macht, hier wollen wir den Schwerpunkt verschieben.

Aber noch mal: Etliche Probleme haben ihren Ursprung in Städten. Dort wird etwa kommunales Eigentum privatisiert, was soziale Spannungen verschärft.

In allen Gesellschaftswissenschaften lautet die wichtige Frage aber immer: im Vergleich zu was? Habe ich Angst, dass Städte Fehler machen und nicht alle Probleme von Ungleichheit lösen werden? Ja, die habe ich. Befürchte ich, dass Städte es schlechter machen werden als Staaten? Absolut nicht! Natürlich wird es stets Probleme geben, korrupte Bürgermeister oder Städte, die nicht so gut funktionieren. Aber die Geschichte zeigt, dass Städte es tendenziell besser machen als Staaten.

Inwiefern?

Eben durch Pragmatismus. Es ist beeindruckend, dass Städte Möglichkeiten geschaffen haben, um sogar mit Problemen umzugehen, die sie nicht einmal verursachen. Wenn es nicht genügend bezahlbaren Wohnraum gibt, ist das schlecht. Viele Städte haben jedoch einfach Hausbesetzungen erlaubt und die Besetzer gegen Hauseigentümer, die ihre Immobilien nicht nutzten, verteidigt. Im Endeffekt haben sie dadurch einen gewissen Ausgleich geschaffen. Es gibt viele derartige urbane Beispiele, etwa informelle Jobs, Straßenverkäufer, die nicht immer Lizenzen benötigen. Zudem können Städte auch indirekt Einfluss nehmen: durch schulische Bildungsangebote oder berufliche Ausbildung. Dass in die Städte Geflüchtete kommen, die die Sprache nicht sprechen, sind Probleme, die die Städte nicht geschaffen haben. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht dabei helfen können, diese Geflüchteten schließlich auszubilden und sich um sie zu kümmern.

Zur Person

Benjamin Barber, Jahrgang 1939, ist einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der USA und Mitinitiator des Global Parliament of Mayors, an dem rund 70 Städte und 30 Netzwerke teilnehmen. Die erste Sitzung findet am 7. September im niederländischen Den Haag statt

Foto: Presse

Hat dieser lokale Pragmatismus damit zu tun, dass Städte sich eben nicht in den ganz großen Sphären der Politik bewegen?

Es hat damit zu tun, dass die großen Probleme eben genau dort praktisch spürbar sind. Donald Trump sagt: Ich werde alle illegalen Einwanderer abschieben. Und vielleicht würde er das, vielleicht nicht. Aber währenddessen gibt es in den US-Städten elf Millionen Menschen ohne Visum. Die Bürgermeister können sagen: Ja, ich würde gerne etwas tun und ja, ich würde gerne das Gesetz einhalten, aber sie sind nun einmal hier, ihre Kinder gehen in unsere Schulen und sie nutzen die Notaufnahme in den Krankenhäusern, weil sie illegal sind und Angst haben, zu einem Arzt zu gehen. Also sagt sich die Stadt: Die Notaufnahme ist die schlechteste Art der medizinischen Versorgung zum höchsten Preis. Wir wollen, dass die Menschen regulär zu Ärzten gehen, also geben wir ihnen Städtevisa, die es ihnen erlauben, sich zu registrieren. Das wird uns Geld sparen und ihnen eine bessere Gesundheitsversorgung ermöglichen. Eine Win-win-Situation. Und so geht die Stadt auf sehr effektive Weise mit einer Sache um, mit der sich der Staat nicht genug befasst.

Steht am Ende dann eine Stadt, in der die Bürger mehr über globale Fragen wie die Klimaerwärmung nachdenken?

Wieso sollte pragmatisches lokales Denken bedeuten, nicht über die Erderwärmung nachzudenken? Städter denken pragmatisch, weil es etwa das letzte Mal, als New York überschwemmt wurde, auch die U-Bahn getroffen hat. Der Strom fiel aus, weil die Generatoren im Erdgeschoss waren. Es sind keine Wissenschaftler, die sagen: Oh, die Erde erwärmt sich. Die Bewohner sagen: Beim letzten großen Sturm haben wir unser Zuhause verloren und konnten nicht U-Bahn fahren. Am Ende interessieren sie sich deshalb fürs Klima. Bürger beteiligen sich aufgrund von Pragmatismus, nicht aufgrund von Prinzipien.

Aber ist es nicht wichtig, dass Menschen auch nach Prinzipien handeln?

Wen kümmert’s? Mich interessiert nicht, wieso die Menschen etwas gegen den Klimawandel unternehmen, solange sie es tun. Es gehört zur Natur der Politik, dass sie immer eine Mischung aus Eigen- und Gemeinschaftsinteressen ist. In der politischen Philosophie nennt man das enlightened self-interest, man ist nicht an dem interessiert, was einen nicht betrifft. Es gibt einen alten Witz: Der Reiche kümmert sich um die globale Erwärmung, indem er sein Haus an der Riviera verkauft und in die Alpen zieht. Aber für die Masse an Stadtbewohnern wird das nicht funktionieren, 90 Prozent der Städte liegen am Wasser. Ihre einzige Möglichkeit, sich zu retten, besteht darin, sich mit der Erderwärmung auseinanderzusetzen.

Sie sagten einmal, ein Problem der Nationalstaaten sei, dass sie mit Ideologien aufgeladen seien.

Ja, und diese Ideologien sind abstrakt. Wir müssen die Wirtschaft verändern, weil Ungleichheit bedeutet, dass viele Menschen krank werden und sterben. Das ist es, worum sich Menschen sorgen. Was die Welt verändern wird, sind die Leute, die leiden und ihre eigene Revolution schaffen. Darum funktionieren Revolutionen.

In vielen Ländern haben nationalistische Parteien gerade erschreckenden Erfolg. Wieso sollte mehr Macht für die Städte daran etwas ändern?

In den USA sind die Städte fortschrittlich, demokratisch, multikulturell. Für die ländlichen Gegenden gilt das viel weniger. Da geht es nicht um Arm und Reich, denn viele arme Menschen auf dem Land sind Reaktionäre. Sie geben Schwarzen und Immigranten die Schuld für ihre Probleme. Das gilt genauso für Europa. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im Allgemeinen sind Städte fortschrittlicher. Bei der österreichischen Präsidentschaftswahl hätte fast ein Rechtspopulist gewonnen, der Bürgermeister von Wien ist aber immer noch Sozialdemokrat. Weil Städte multikulturell sind, weil sie auf Handel basieren, weil hier Kultur und Innovation stattfinden, sind sie einfach per Definition viel progressiver als das Land insgesamt. Das ist einfach Fakt.

Klingt optimistisch.

Nicht ganz. Es ist ein Optimismus, der auf Pessimismus basiert. Er besagt, dass die Dinge so schrecklich sind, dass es nur noch aufwärts gehen kann, wenn wir ein anderes System haben.

Sind Sie nun also Pessimist oder doch eher Optimist?

Ich bin ein optimistischer Realist. Mein Optimismus basiert auf Realismus. Idealismus hingegen ist törichter Optimismus. Aber zu sagen, dass Bürger und Städte, die zusammenarbeiten, das Leben in der Stadt verbessern können, während sie zugleich den Klimawandel angehen oder einen guten Umgang mit Geflüchteten entwickeln – das ist eine Art Realismus, die auf den tatsächlichen Möglichkeiten der Städte basiert. Sie haben das schon mehrfach bewiesen.

Lesen Sie nächste Woche auch unser Interview mit der Soziologin Heiderose Kilper über die Zukunft der Dörfer

06:00 05.09.2016

Ausgabe 08/2020

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