Elend ohne Befristung

Arbeit Geringqualifizierten droht die Armut, Akademikerinnen verschieben das Kinderkriegen: Verträge auf Zeit sind beinahe Normalität – und haben Folgen
Elend ohne Befristung
Illustration: Jan Buchczik für der Freitag

Maren Pollock* hat alles für einen guten Start in ihr Berufsleben getan. Sie hat Psychologie studiert und danach promoviert, das alles in nur zehn Jahren. „Frustrierend“ aber nennt sie jene Zeit vor vier Jahren, als sie im Alter von 30 nach dem ersten festen Arbeitsplatz suchte: „Es gibt nur wenig gute Stellen und die sind oft befristet.“ Sie arbeitete für verschiedene Unternehmen, landete dann bei der Versicherungsfirma, die heute noch ihr Arbeitgeber ist – die Laufzeit ihres Vertrages beträgt zwei Jahre. Nach einer unbefristeten Stelle zu fragen, das habe sie sich nicht getraut, sagt sie nüchtern. Den geplanten Umzug in eine größere Wohnung verschob sie, und ans Kinderkriegen dachte sie lieber erst mal nicht. Etlichen ihrer Freundinnen und Freunden gehe es ganz genauso.

* Name geändert

Bei Frauen sind heute 47 Prozent aller neu abgeschlossenen Arbeitsverträge befristet, schreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer jüngst erschienenen Analyse. Bei Männern sind es 38 Prozent. „Was ursprünglich als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gedacht war, ist inzwischen zu einem Massenphänomen geworden“, das heute 3,2 Millionen Menschen in Deutschland betreffe.

1985 war das Jahr, in dem befristete Arbeit zur neuen Normalität zu werden begann. „Lieber befristet arbeiten, als unbefristet arbeitslos zu sein“, begründete der damalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm das Beschäftigungsförderungsgesetz, dem er 1996 weitere Deregulierungen mit dem „Arbeitsrechtlichen Beschäftigungsförderungsgesetz“ folgen ließ.

Seither ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Arbeitgeber Verträge auf Zeit abschließen können, ohne dass dafür etwa eine Schwangerschafts-, Elternzeit- oder Krankheitsvertretung Anlass gibt. Allein von 2004 bis 2014 ist die Zahl sachgrundlos befristeter Arbeitsverträge um acht Prozent angestiegen. Norbert Blüm gilt bis heute als das „soziale Gewissen der CDU“.

Dabei hat er dem Leben in Unsicherheit und Frustration gerade unter den Jungen Tür und Tor geöffnet – ein Fünftel der 25- bis 29-jährigen Angestellten ist inzwischen befristet angestellt, unter den 30- bis 35-Jährigen sind es zwölf Prozent.

Arbeit auf Zeit: Der Lehrer

Udo L., 56, hangelt sich an Schulen in Hessen von Schuljahr zu Schuljahr, unter anderem, weil er nur eines, nicht zwei Staatsexamen hat

Ich habe in den 1980ern mein erstes Staatsexamen im Lehramt gemacht, war aber zunächst in der Gesundheitsförderung tätig. Erst 2001, mit 50 Jahren, widmete ich mich dem Lehramt. Lehrer wurden dringend gesucht, aber mit nur einem Staatsexamen konnte ich nicht entfristet werden. Das Arbeitsamt vermittelte mich einmal an eine Grundschule mit Förderbedarf, obwohl ich dafür gar nicht ausgebildet war. Ein Schuljahr arbeitete ich dort bis zu den Sommerferien. Man bot mir einen Folgevertrag bis November an. In den Ferien wäre ich nicht bezahlt worden. Ich lehnte ab. Mithilfe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erreichte ich, mit einem Änderungsvertrag in den Ferien doch mein Gehalt zu erhalten. Aber die Unsicherheit ist geblieben. Die Schule, bei der ich derzeit beschäftigt bin, kann mir selbst einen Monat vor Ferienbeginn keine Zu- oder Absage geben. Befristete Lehrer sind stark belastet, weil sie sich stets an neue Schüler und Kollegen gewöhnen müssen. Ohne Perspektive. Ich versuche mir nun parallel eine Selbstständigkeit aufzubauen. Protokoll: Nora Belghaus

Besonders betroffen sind gleichermaßen Menschen mit hohen und solche mit niedrigen beruflichen Qualifikationen: Zwölf Prozent beträgt die Befristungsquote für Angehörige akademischer Berufe und Hilfsarbeitskräfte, zehn Prozent sind es in der Dienstleistungsbranche.

Alters- und branchenübergreifend ist die Quote von 5,9 Prozent 1991 auf 8,4 Prozent im Jahr 2015 angewachsen. Auf 9,3 Prozent kommt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, weil sie die oft in Ferien- und Studierendenjobs Beschäftigten unter 25 Jahren mit einberechnet.

Neun Jahre auf Jobsuche

Jens Larsen* ist Mitte 30, hat einst sein Studium abgebrochen und sieht sich derzeit nach einem neuen Job um. Obwohl er noch einen laufenden Arbeitsvertrag hat – an einer Universität in Berlin. Gerade im Hochschulbereich sind Befristungen weit verbreitet und werden meist mit dem Projektcharakter wissenschaftlicher Arbeit begründet, der wiederum oft aus einer Finanzierung resultiert, die nur befristet aus Drittmitteln gewährt wird. Doch Larsen ist kein Forscher, kein Lehrender. Er arbeitet in der Verwaltung.

„Seit neun Jahren spiele ich dieses Spiel an verschiedenen Unis mit. Immer wieder mit befristeten Arbeitsverträgen oder schlimmstenfalls mit Werkverträgen“, sagt er. „Es ist in höchstem Maße frustrierend.“

In einem Ende 2015 veröffentlichten Bericht hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit den Stand der Forschung zu befristeten Verträgen zusammengetragen. Demnach wirke die Beschäftigungsunsicherheit durch befristete Arbeitsverträge nachweislich in andere Lebensbereiche hinein und könnte letztlich mit gesellschaftlichen Konsequenzen verbunden sein, etwa in Form geringerer Geburtenraten und negativer Auswirkungen auf die Gesundheit oder auf soziale Teilhabe.

Bei Jens Larsen geht ein merklicher Teil seines Einkommens für die private Altersvorsorge drauf, um die Unsicherheit ein Stück weit zu kompensieren. Er würde gern ein Haus bauen, weiß aber nicht, woher er die Sicherheiten nehmen soll, die die Bank für einen Kredit fordert.

Seine Geschichte wirkt wie die Blaupause für all die Reden, in denen SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für ein Verbot sachgrundloser Befristungen wirbt, eines der zentralen Wahlkampfversprechen seiner Partei. Grüne und Linke erheben diese Forderung schon lange, Letztere setzten sie erst kürzlich wieder auf die Tagesordnung des Arbeits- und Sozialausschusses im Bundestag. Der Gesetzentwurf wurde abgelehnt, mit den Stimmen von CDU, CSU – und mit denen der Sozialdemokraten.

Dass das gar nicht so schlimm ist, könnte man zunächst meinen, wenn man dem Professor für Empirische Sozialforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, Johannes Giesecke, zuhört. Er widmet sich vor allem der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Giesecke rät zur Gelassenheit, was den Zuwachs befristeter Beschäftigung in den vergangenen 20 Jahren angeht. „Bei den Hochqualifizierten ist die Befristung mittelfristig weniger ein Problem. Denn es ist wahrscheinlich, dass sie später in ein unbefristetes Verhältnis kommen.“ Tatsächlich ist die Zahl derer, die nach einer befristeten Beschäftigung einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten, zuletzt kontinuierlich gestiegen. 2009 wurden knapp 30 Prozent aller befristet Beschäftigten übernommen, 2014 waren es 37,5 Prozent.

Arbeit auf Zeit: Der Fernsehmacher

Peter S., 44, kennt die negativen Seiten von Verträgen auf Zeit aus der Medienbranche und versteht Arbeitgeber, die Flexibilität fordern

Seit 2006 arbeite ich nebenberuflich beim Fernsehen. In dieser Branche ist so gut wie alles unsicher. Man hangelt sich von Befristung zu Befristung. Selbst bei großen Formaten, bei denen Produktionsfirma und Sender eine gewisse Sicherheit haben, dass es mehrere Sendungen oder Staffeln geben wird, wird man oft nur für ein Jahr eingestellt. Für die Jüngeren ist das weniger ein Problem, aber mit wachsendem Alter verändern sich die Bedürfnisse. Mit einer Vita voller befristeter Kurzzeitverträge bekommt man nur schwer einen Kredit für größere Investitionen, zum Beispiel für ein Eigenheim zur Altersvorsorge. Dazu kommt die permanente Unsicherheit: Wie geht es weiter? Wie ersetzbar bin ich? Wird beim nächsten Mal ein jüngerer Kollege meine Position übernehmen? Das kann viel Druck sein. Ich habe aber auch im Vertrieb und Personalwesen von größeren Unternehmen gearbeitet und ich denke, dass diese die Flexibilität brauchen, um auf dem Markt bestehen zu können. Das Sicherheitsbedürfnis ist nicht mehr zeitgemäß, denn Sicherheit ist nur noch ein Konstrukt. Gleichzeitig muss sich aber auch die Unternehmenskultur verändern. Die Identifikation mit dem Arbeitgeber muss stärker gefördert und das Arbeiten attraktiver gemacht werden. Deutschland hinkt da im internationalen Vergleich hinterher. Protokoll: Nora Belghaus

Das entspricht zwar immer noch nur etwas mehr als einem Drittel, dient vielen Arbeitgebern aber gern als Argument, um Befristung als ein flexibles Instrument zu preisen, das am Ende mehr Arbeitsplätze schafft. Dabei stellen Verträge auf Zeit oft nichts anderes dar als eine verlängerte Probezeit. Befristete kann ein Unternehmen leichter loswerden – im Gegensatz zu den Unbefristeten mit Kündigungsschutz ist ihr Vertragsende einprogrammiert.

Vor allem aber sparen sie Arbeitgebern Lohnkosten. Denn Befristete verdienen im Schnitt weniger. Der Sozialwissenschaftler Giesecke beziffert den Unterschied auf sieben bis zehn Prozent. Laut Böckler-Stiftung haben 23 Prozent aller befristet Beschäftigten ein persönliches Nettoeinkommen von weniger als 1.100 Euro. Bei Unbefristeten sind es nur sieben Prozent. Höher ist auch die Armutsgefährdungsquote: 15,5 Prozent der Befristeten zwischen 20 und 34 leben in einem Haushalt, der über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Der Wert für Unbefristete: 7,5 Prozent.

Problematisch am Anstieg der Befristung sei die damit einhergehende Polarisierung, sagt Forscher Giesecke. Geringqualifizierte hätten es deutlich schwerer. Sie hangelten sich von Befristung zu Befristung, stünden oft an der Grenze zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit und mit einem Bein im Prekariat.

So wie Martina R., 36, die ihr gesamtes bisheriges Berufsleben immer nur befristet gearbeitet hat, zunächst im Einzelhandel, dann im sozialen Bereich: „Ich kann nur vom Glück reden, dass noch kein Ernstfall wie eine Schwangerschaft oder ein gesundheitliches Problem eingetreten ist“, sagt sie.

Arbeit auf Zeit: Die Sozialarbeiterin

Martina R., 36, kommt aus Berlin und hat bisher ihr gesamtes Berufsleben in befristeten Beschäftigungsverhältnissen verbracht

Mein Berufsleben begann Ende der 1990er als Kauffrau im Einzelhandel bei einer Kaufhauskette. Vier Jahre wurde ich jährlich stets aufs Neue als Schwangerschafts- oder Elternzeitvertretung unter Vertrag genommen, wanderte von Abteilung zu Abteilung. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, Abteilungsleiterin zu werden, aber durch die ständigen Wechsel und die Unsicherheit der Weiterbeschäftigung waren meine Aufstiegsmöglichkeiten gleich null. Schließlich machte die Filiale dicht. Anstelle einer unsicheren Arbeiterkindkarriere wollte ich nun das Abitur nachholen und Soziale Arbeit studieren. Auch hiernach stieg ich gleich wieder mit befristeten Stellen in die Gemeinwesenarbeit ein: acht Monate, ein Jahr, dann ein Projekt, das zwar zwei Jahre laufen sollte – ich bekam trotzdem nur einen Ein-Jahres-Vertrag. Ich kann nur von Glück reden, dass noch kein Ernstfall wie eine Schwangerschaft oder ein gesundheitliches Problem eingetreten ist. Seit zwei Jahren kämpfe ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber um Entfristung. Ich stehe fast alleine da. Alle anderen, vor allem die Älteren, üben sich in Duckmäusertum. Protokoll: Nora Belghaus

Doch auch für Arbeitgeber sind die Vorteile eines deregulierten Arbeitsmarktes nur auf den ersten Blick ebensolche: Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Domenico Lisi von der Universität Catania auf Sizilien und Miguel Malo von der Universität Salamanca in Spanien haben jüngst Daten aus 13 EU-Ländern und aus 16 Jahren untersucht und kamen zu dem Ergebnis, dass Befristung zu Lasten der Produktivität geht. Befristet Beschäftigte sind demnach weniger motiviert, an Innovationen mitzuarbeiten und sehen weniger Sinn darin, sich besondere Fähigkeiten für ihren Arbeitgeber auf Zeit anzueignen.

Davon kann Jens Larsen, der Hochschul-Verwaltungsmitarbeiter aus Berlin, ein Lied singen: „Für die Zentralverwaltung sind wir einfach nur Nummern.“ Nummern, die schnell wieder aus dem Haushaltsplan gestrichen werden können. Ohne einen Pool an Festangestellten gehe das Wissen, das sich Mitarbeiter wie er aneignen, schnell wieder verloren. „Und es sind ja öffentliche Gelder, von denen wir hier sprechen“, sagt Larsen.

Vier Monate in Elternzeit

Der Befristungsanteil im öffentlichen Dienst betrug 2014 laut IAB 10,4 Prozent. In der Privatwirtschaft waren es 6,7 Prozent. Es ist vor allem der Staat, der seine Angestellten in Unsicherheit hält. Allein in den Bundesministerien und nachgelagerten Ämtern und Behörden haben sich Anzahl und Anteil der befristeten Arbeitsverträge von 2007 bis 2015 im Schnitt verdreifacht, ergab gerade eine parlamentarische Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann.

Seit Jahren fordern die Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung im öffentlichen Dienst – und scheitern Jahr für Jahr, Runde für Runde an der Verweigerungshaltung der zuständigen Minister. Beziehungsweise an ihrer eigenen Genügsamkeit, was die Streikbereitschaft für bessere Ergebnisse bei den Verhandlungen angeht.

Dabei haben Gewerkschaften ein logisches Eigeninteresse am Zurückdrängen der Befristung allenthalben. Denn es ist für sie grundsätzlich schwerer, atypisch Beschäftigte als Mitglieder zu binden. Wer sich organisiert und lautstark für Verbesserungen im Betrieb einsetzt, könnte damit ja in Ungnade beim Arbeitgeber fallen und eine mögliche Festanstellung aufs Spiel setzen. Zudem spielen Bosse gern die Stammbelegschaften gegen die atypisch Beschäftigten aus: Letztere kosten ja meist weniger, sparen so Kosten und würden so helfen, die Privilegien Ersterer zu bewahren. Das betrifft gerade Hilfsarbeiter in der Industrie oder im Dienstleistungssektor.

Indessen geht es vielen Befristeten im akademischen Bereich so wie der Versicherungsangestellten Maren Pollock: Sie ist durchaus zufrieden mit der Höhe ihres Lohns und weiß, dass sie gute Chancen hat, jederzeit einen neuen Job zu finden, gerade wegen ihres Doktortitels. Ähnlich spricht der Verwaltungsmitarbeiter Jens Larsen über seine Situation. Doch auch ihnen macht die ständige Unsicherheit schwer zu schaffen. Sie sehnen sich nach Planbarkeit.

Pollock hat vor kurzem beschlossen, sich nicht weiter von ihrem Job den Verzicht auf die Realisierung ihrer Pläne außerhalb des Arbeitslebens diktieren zu lassen. Sie ist jetzt schwanger. Ihr Vertrag läuft aus, auch die Elternzeit verlängert ihn nicht über die Dauer der Befristung hinaus. Ihr Arbeitgeber hat ihr jetzt für die Zukunft sogar einen unbefristeten Vertrag in Aussicht gestellt. Man kann sagen: Sie hat es geschafft.

Einen Haken hat die Sache jedoch: Zur Bedingung machte ihr Chef, dass sie schon vier Monate nach der Geburt den neuen Job antritt. Das ist ihr eigentlich viel zu früh, sie würde gern wesentlich länger mit dem Kind zu Hause bleiben. „Ich würde eigentlich auch gerne länger Elternzeit machen und dass es nun vielleicht nicht geht, macht mich schon traurig.“

06:00 26.07.2017

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