Kampf um Öffentlichkeit

Lügenpresse Mit seiner Langzeitdokumentation wirft Stephan Lamby einen unaufgeregten Blick auf die „Nervöse Republik“

Pöbelnde Menschen in Dresden, getriebene Politiker, johlende AfD-Anhänger, Handyvideos vom Anschlag auf den Breitscheidplatz: Das sind die Bilder des vergangenen, zuweilen hysterischen Jahres. Sie bilden den Hintergrund für die Langzeitdokumentation Nervöse Republik des Journalisten Stephan Lamby. Solche Ereignisse, so erklärte es Lamby jüngst bei einer Diskussion im Berliner Kino Babylon, führten zu einer tiefen Verunsicherung der politischen Klasse in Berlin, zu der auch viele Hauptstadtjournalisten zählten. Darum hat er beide Gruppen von Frühjahr 2016 bis Frühjahr 2017 begleitet, um ihren „Kampf um Öffentlichkeit“ zu beleuchten.

Bei derlei Projekten besteht im Augenblick immer die Gefahr, nur einen weiteren Beitrag zur Nabelschau der Medien zu leisten, und in der Tat sind auch in Lambys Film Fake News und Social Bots ein Thema. Das Einschalten lohnt dennoch. Denn gerade in der Hochgeschwindigkeitsära der sozialen Medien ist ein Jahr ein geradezu unverschämt langer Zeitraum. Eben dieser verleiht den Gesprächen mit Politikern wie Peter Tauber, Sahra Wagenknecht, Katarina Barley oder Frauke Petry eine gewisse Intensität. Zu deren beruflichem Kerngeschäft gehört es, um Aufmerksamkeit zu buhlen, sich öffentlich zu positionieren – sei es mit kalkulierten politischen Statements oder durchschaubarem Populismus. Dass Hasskommentare und Drohungen aber auch an ihnen keineswegs spurlos vorübergehen, lässt sich erahnen.

Im Zentrum der Nervösen Republik stehen Bild-Zeitung und Spiegel – Medien also, die mit einem einzigen Artikel schon mal mehrere zehntausend Leser in der Stunde erreichen. Lamby begleitet die Journalisten an denkwürdigen Tagen, etwa beim Brexit-Referendum, am Tag nach der Wahl Donald Trumps, oder Redaktionsdiskussionen über die Tweets der AfD-Frau Beatrix von Storch. Weil Lamby sich jeder Bewertung enthält, wird deutlich, dass und wie sich einige Journalisten zuweilen selbst als aktiven Teil der Politik zu begreifen scheinen. Da ist es bezeichnend, dass im gesamten Film nur an einer Stelle der Dialog zwischen Presse und Bürgern zustande kommt: Ein Reporter der Sächsischen Zeitung, Ulrich Wolf, muss sich zunächst beschimpfen lassen, weist einen Demonstranten am Ende aber so klar in die Schranken, dass dem auch nicht mehr viel einfällt. Es ist eine der stärksten Szenen im Film.

Es wird deutlich, dass sich Politiker und Hauptstadtjournalisten in einer Welt bewegen, die nicht jedem zugänglich ist. Das zeigt sich auch räumlich: Die oft elegant eingerichteten Redaktionen sind kaum von Parlamentsbüros und Parteizentralen zu unterscheiden. Trotzdem wird Lamby „Lügenpresse“-Rufer nicht zufriedenstellen – denn er zeichnet nicht das Bild einer bewusst agierenden Elite, sondern das von Akteuren, die selbst von den Mechanismen der öffentlichen Debatten- und Meinungsbildung getrieben werden.

In all den Gesprächen habe er keine richtige Antwort auf die Verunsicherung im Land finden können, sagte Lamby bei der Diskussion in Berlin. Folglich kann die Nervöse Republik keine Lösung bieten. Doch der allseitigen Nervosität wird hier immerhin einmal eine betont ruhige Betrachtung entgegengesetzt – die möglicherweise mehr Verständnis schaffen kann. Das ist in polarisierten Zeiten wie diesen durchaus viel wert.

Die Nervöse Republik wird am 19. April um 22:45 in der ARD ausgestrahlt

06:00 19.04.2017

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