Lieber Ulf, lass uns Accounts tauschen

Netzkultur Unser Autor stellt sich eine Woche ohne Tweets des WELT-Chefredakteurs reichlich meditativ vor

Es gab mal eine Zeit, da war die „Filterblase“ in aller Munde – gemeint war der digitale Ort, der die Meinung des Individuums verstärkt und es vor allzu abweichenden Ansichten schützt.

Dieser Tage erfährt die Filterblase ein kleines Revival, sie ist Gegenstand eines Experiments: Zwischen 28. Januar und 4. Februar übernehmen der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim, gebürtiger Niedersachse und Sohn indisch-paktistanischer Eltern, und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, gebürtiger Waiblinger, den Facebook-Account des jeweils anderen. „Blasentausch“ nennen die beiden es – am Titel hätte man vielleicht noch etwas feilen können. Ein Ausflug in eine andere Welt dürfte es aber zweifellos sein.

Auf der einen Seite ist der Journalist Hasnain Kazim, der häufig mit Hassmails konfrontiert ist – als „Deutschenhasser“ beschimpft wird und vergangenes Jahr das Buch Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte veröffentlichte. Ihm gegenüber steht der Grünen-Schreck Boris Palmer, der sich medienwirksam im pausenlosen Kampf gegen zu viele Tabus befindet, der schrill zu provozieren weiß und von Kritikern als Fischer am rechten Rand gesehen wird, der sich gerne als Opfer übermäßiger politischer Korrektheit inszeniert. Eine spannende Konstellation.

Palmer postete am ersten Tag auf der fremden, also Kazims Seite „Was macht eigentlich dieser Palmer, wenn er nicht gerade gegen Asylbewerber hetzt und Studenten anpöbelt?“ und schrieb dann über die Reduktion des CO2-Ausstoßes in Tübingen. Kazim referierte auf Palmers Seite über den Unterschied zwischen Zensur und kritischer Reaktion auf beispielsweise fremdenfeindliche Äußerungen. Einige pöbeln seitdem wild drauflos, andere kommentieren überraschend sachlich. Kazim und Palmer antworten, mal klappt das gut, mal wirkt das eher uninspiriert.

Bilanz gezogen wird erst am Schluss. Es muss ja nicht gleich ein Buch draus werden, aber man wird dann sehen, ob das Ganze lehrreich war oder ob nicht alle Beteiligten froh sind, wenn Filterblase und entsprechende Identifikationsfigur wieder zusammenfinden. Eine solche Beziehung hat ja auch etwas Entspannendes. Der Bruch des Gewohnten, die Provokation, der Streit kann zwar kathartisch sein und am Ende zu erstaunlicher Versöhnlichkeit führen, er kann aber auch einfach nur Rauch verursachen. Oder welche Lehren zieht man nun aus Robert Habecks trompetenhaftem Rückzug aus den sozialen Medien? Die Hysterie ist ja – gemessen an den Zeitungsinterviews – nicht unbedingt zurückgegangen.

Natürlich fragt mich niemand nach einem Account-Tausch. Aber was wäre, wenn? Ich würde auf dem ertauschten Account vermutlich einfach schweigen. In Zeiten der dauerhaft erhöhten Aufgeregtheit kann vielleicht auch das Ausbleiben eines Verstärkers ein wenig irritieren.

Zumindest aber sorgt es für etwas weniger Lärm. Was hätte ich Karl Lauterbach durch mein Schweigen erspart, dessen Tweet zum Hummer-Essen mit der Ärzte-Lobby so in die Hose ging? Ach, könnte ich nur einen Tag Ralf Stegner übernehmen! Wie viel weniger schrill es zuginge. Eine Woche ohne Poschardt-Tweets wäre sehr entspannt. Und wären selbst Autofans nicht besser dran, wenn ich Beatrix von Storch davon abgehalten hätte, zu twittern: „Hätte ich einen Dieselgenerator, würde ich ihn zum Spaß laufen lassen.“ Wobei, vielleicht sollte man die Storch einfach so stehen lassen. Aus Spaß.

06:00 02.02.2019

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