Mit der Angst unter einem Dach

Mieten Auch in der Krise scheint das Geschäft mit dem Wohnraum gut zu laufen. Gerade deswegen darf er nicht dem Markt überlassen werden
Mit der Angst unter einem Dach
Platz ist in der kleinsten Hütte: Mietendemo im Oktober 2018 im Frankfurt

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Selten war die Bedeutung des eigenen Zuhause größer als in den vergangenen Monaten. Ein Ort wider die Pandemie. Arbeitsstätte der Privilegierteren. Schule.

Von „zuhause“ war zuletzt auch beim Immobilienkonzern Deutsche Wohnen die Rede: „Zuhause im DAX“, verkündete das Unternehmen auf Twitter. Am 22. Juni steigt der Konzern in die Top 30 der Frankfurter Börse auf und wird dort die Lufthansa ersetzen. Da gratuliert man sich sogar unter Konkurrenten: „Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg“, schrieb der bereits im Dax vertretene Wohnungskonzern Vonovia, „diese Entwicklung spricht für die Bedeutung der Immobilienbranche in Deutschland“.

Diese Interpretation geht recht grob über einen wichtigen Aspekt hinweg: dass künftig zwei Wohnungskonzerne Mitglied im elitären Leitindex sein werden, zeigt vor allem, welche große Bedeutung der Immobilienbranche beim Thema Rendite zukommt. Vonovia plant, eine Dividende von 1,57 Euro pro Aktie auszuzahlen, bei der Deutsche Wohnen wurden 90 Cent beschlossen. Entgegen allen Krisenerzählungen scheint das Geschäft mit dem Wohnraum gut zu laufen.

Krisenfest könnte man die Lage nennen – zumindest für die großen Immobilienkonzerne trifft das zu. Bei ihrer Wohnung werden Menschen als Letztes sparen – die Mieteinnahmen sind also sicher. Zwar hat die Bundesregierung zu Beginn der Corona-Krise schnell und im Sinne der Mieter*innen reagiert, als sie entschied, Haushalten mit finanziellen Engpässen die schlimmste Existenzangst zu nehmen, und die Möglichkeit bot, die Mietzahlungen aufzuschieben – bis 30. Juni 2022 und zuzüglich Zinsen, die derzeit bei vier Prozent liegen können.

Vor diesem Hintergrund versinnbildlicht der Aufstieg der Deutsche Wohnen in den Dax eine Ungleichheit, die sich durch die Krise noch verschärfen könnte. Hier die Immobilienkonzerne, die auf steigende Mieten setzen. Dort die Mieter und Mieterinnen, die oft schon jetzt mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens für die Wohnung ausgeben müssen und ökonomisch unsicheren Zeiten entgegenblicken.

Was, wenn der Job verloren geht, wenn Freiberufler keine Aufträge bekommen, wenn das Einkommen aus Kurzarbeit auf Dauer nicht reicht? Gleichzeitig sind die Mieten in deutschen Großstädten seit Anfang des Jahres um bis zu 12 Prozent gestiegen. Der Mieterbund berichtet, die Sorge der Menschen, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren, wachse stetig weiter an.

Wohnen sei die soziale Frage unserer Zeit, hieß es vor Ausbruch der Corona-Krise. Diese Feststellung ist heute genauso richtig wie die Frage, ob ein Konzern wie die Deutsche Wohnen, der mit diesem sozialen Gut seine Geschäfte macht, in den Dax gehört.

Was passieren kann, wenn nicht der Markt, sondern die öffentliche Hand das Wohnen reguliert, kann man in Berlin beobachten. Nach der Einführung des Mietendeckels durch Rot-Rot-Grün sind die Preise teils deutlich zurückgegangen. Die Deutsche Wohnen musste Medienberichten zufolge Tausende Mieten senken. Der Deckel selbst wäre wohl nie ohne den Druck der Mieterinitiativen auf den Weg gebracht worden. Und auch im Angesicht der Krise hat sich zuletzt das bundesweite Bündnis „Wir zahlen nicht!“ gebildet, das einen Mieterlass für die Pandemie-Zeit fordert. Es sieht ganz danach aus, als würden Mieterinnen und Mieter die soziale Frage weiter hochhalten – auch gegen mächtige Konzerne.

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06:00 16.06.2020

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