Ein Stuhl für alle Fälle

Monobloc Das meistverkaufte Möbelstück der Welt hat jetzt einen eigenen Podcast. Was macht seine Faszination aus?
Ungeachtet der realen Szenarien: Wer denkt bei dem Stuhl nicht an Schöller-Eis-Fähnchen oder Calippo, nicht an Minigolf, Campingplatz, Pommes im Vereinsheim oder sonnenwarmen Waschbeton?
Ungeachtet der realen Szenarien: Wer denkt bei dem Stuhl nicht an Schöller-Eis-Fähnchen oder Calippo, nicht an Minigolf, Campingplatz, Pommes im Vereinsheim oder sonnenwarmen Waschbeton?

Foto: Joerg Boehling/IMAGO

Jetzt ist also diese Zeit des Jahres. In der man wirklich ernstlich wintermüde ist. In der die Menschen sich auf der Straße aus käsigen Gesichtern mit leeren Augen anstarren. Der Winter wird lang – die Sehnsucht nach dem Sommer groß.

Es gibt Gegenstände, die gehören zum Sommer – und einer hat jetzt seinen eigenen Podcast, der nicht nur die Sehnsucht nach lichteren Tagen etwas stillt, sondern zum Nachdenken anregt – und das schadet schließlich nie. Die Rede ist vom Monobloc, jenem (meist) weißen Plastikstuhl aus einem Guss, der hier in Deutschland eine ganze Kaskade an Assoziationen in Gang setzt. Denn mal ehrlich: Wer denkt bei dem Stuhl nicht an Schöller-Eis-Fähnchen oder Calippo, nicht an Minigolf, Campingplatz, Pommes im Vereinsheim oder sonnenwarmen Waschbeton?

Der Monobloc ist als Alltagsgegenstand nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verbreitet. Über eine Milliarde Mal soll er verkauft worden sein. Was ihn allein schon unter quantitativen Gesichtspunkten zu einem Phänomen macht, das es wert ist, genauer ergründet zu werden.

Genau das macht Journalist und Dokumentarfilmer ​​Hauke Wendler in seinem Podcast Monobloc. Auf der Spur von einer Milliarde Plastikstühlen. Es ist ein auf vielen Ebenen hörenswertes Projekt. Das hat auch damit zu tun, dass Wendler und sein Team vieles von dem bedienen, was Podcasts spannend – und einzigartig macht. Da ist das Element der Spurensuche, das eigentlich immer funktioniert, aber auch die Ruhe, sich intensiv mit einem abseitigen Thema zu beschäftigen. Sechs Folgen à 30 Minuten für einen Plastikstuhl sind eine Menge – auch wenn es das meistverkaufte Möbelstück der Welt sein soll. Und weil Wendler sich dem Monobloc ursprünglich in einem Dokumentarfilm angenähert hat, bekommen Zuhörer:innen im Podcast gleich noch einen Blick hinter die Kulissen seiner journalistischen Arbeit – von Phasen der Selbstzweifel über die Kontaktaufnahme zu Protagonist:innen bis hin zu Visa-Schwierigkeiten in Uganda.

Ein Stück Designgeschichte

Doch natürlich ist es vor allem der Stuhl selbst, der den Podcast hörenswert macht. Beziehungsweise der damit verbundene Facettenreichtum und die gesellschaftlichen Fragen, die sich daran festmachen lassen. In Hamburg fragt Wendler Passant:innen nach ihrer Meinung und erhält meist die Antwort, dass dies ein grausiges Möbelstück sei. Nicht nachhaltig, billig, instabil. Dem entgegen stehen die Erzählstränge, die Wendler in den folgenden Episoden aufmacht: der Monobloc als ein Stück Designgeschichte, der Monobloc als der ganze Stolz dreier italienischer Brüder, die auf der Herstellung des Plastikstuhls ihr Vermögen gründen.

Doch Wendler verharrt nicht im Eurozentrismus, sondern bereist andere Kontinente und beleuchtet dabei Dimensionen globaler Ungleichheit – ebenso wie industriestaatliche Überheblichkeit. Denn was in Deutschland als Schrott angesehen wird, bietet in Uganda die Möglichkeit, einen bezahlbaren Rollstuhl zu bekommen. Und in Indien fragt ein Großproduzent von Monobloc-Stühlen den deutschen Journalisten, was daran schlecht sein soll, dass auch in Indien die Menschen gerne auf diesem Stuhl sitzen. In Brasilien wiederum ist ein kaputter Plastikstuhl für Müllsammler:innen sehr viel wert.

So zeichnet der Podcast ein nachdenkliches Bild über einen Stuhl, der – das eint seine Rolle über Kontinent-Grenzen hinweg – für soziale Teilhabe steht.

Bei all dem fehlt eigentlich nur eines. Der Blick auf die deutsche Gesellschaft und ihre Verachtung gegenüber armen Menschen, die sich ebenfalls im herablassenden Blick auf den Monobloc äußert. Und auch ein Cover mit etwas mehr Charme als dem NDR-Design hätte der Podcast verdient – wobei: Eigentlich passt das Unscheinbare hier ausnahmsweise perfekt.

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