Sanfte Kriegerin

Porträt Amy Goodman ist eine Pionierin der unabhängigen US-Medien. In ihrer Sendung bekommen nicht nur die linken Bewegungen eine Öffentlichkeit
Sanfte Kriegerin
„Normalerweise kreisen die Medien um die Macht“

Foto: Maarten de Boer/Getty Images

An einem Tag im November des vergangenen Jahres, während in Bonn der Klimagipfel steigt, stapft Amy Goodman durch den nahe gelegenen Hambacher Forst. Die 60-Jährige ist aus den USA angereist, um für ihre Nachrichtensendung Democracy Now! den Protest der Menschen gegen das Braunkohletagebaugebiet Hambach zu begleiten, das sich hier immer weiter in den Wald fressen soll. Und so läuft sie an einem Sonntag über schlammige Waldwege, in schwarzem Mantel, schwarzer Hose, schwarzem Schal. Die grauen Haare lugen unter ihrer tief in die Stirn gerutschten Mütze hervor, die sie häufiger trägt, wenn sie unterwegs ist. Goodman lässt sich von den Besetzern über deren aufgebaute Barrikaden aufklären, fragt nach den Opfern, die die Menschen im Protestcamp bringen müssen.

Als eine Aktivistin ihr eines der Baumhäuser zeigt, in denen die Besetzer des Waldes leben, stiehlt sich ein Lächeln auf Amy Goodmans Gesicht. So als sympathisiere sie mit dieser jungen Frau, die sich Indigo nennt. Und die ihr erklärt, der gesamte Protest würde sich letztlich gegen den Kapitalismus richten.

Amy Goodman, die Journalistin, möchte den Graswurzelbewegungen eine Stimme geben, sie sichtbar machen. Die Bilder aus dem Hambacher Forst werden später bei Democracy Now! zu sehen sein. Es ist eine US-amerikanische Nachrichtensendung, die unter anderem bei den verschiedenen Radiosendern von Pacifica, einem nicht kommerziellen Radionetzwerk, im Fernsehen und über das Internet, übertragen wird. Auch ausländische Spartensender zeigen sie. Amy Goodman ist Produzentin und Moderatorin der Sendung. Sie ist deren Gesicht. Seit mehr als 20 Jahren ist sie auf Sendung, um Nachrichten zu vermitteln, die anders sein sollen als die der großen, etablierten Medien, der „corporate media“, wie Goodman sie nennt. Die könnten schon allein aus finanziellen Gründen nicht unabhängig sein. Democracy Now! bildet das Gegenmodell.

Von Harvard zur Graswurzelbewegung

Amy Goodman wurde 1957 in Bay Shore, New York, als Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern geboren. Sie beschreibt sie als verantwortungsbewusste und am Gemeinsinn orientierte Friedensaktivisten.

Bis 1984 studierte sie Anthropologie am zur Harvard Universität gehörenden Radcliffe College. Ab 1985 arbeitete sie als Journalistin bei WBAI, dem New Yorker Sender von Pacifica Radio Network, dem ältesten nicht kommerziellen Radionetzwerk in den USA.

Seither hat sie dieses Modell nicht mehr losgelassen. 1996 war sie Mitbegründerin der unabhängigen Nachrichtensendung Democracy Now! deren Sprecherin und Produzentin sie bis heute ist. Der linke Intellektuelle Noam Chomsky ist einer ihrer häufigen Gäste. Für ihre Arbeit als investigative Journalistin wurde Goodman vielfach ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem für ihre Berichterstattung um das Massaker an Zivilisten in Ost-Timor den Robert F. Kennedy Prize for International Reporting. 2008 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis für die Entwicklung eines unabhängigen Graswurzel-Journalismus, der Millionen Menschen eine andere Perspektive eröffnete. 2012 wurde sie mit dem Gandhi Friedenspreis ausgezeichnet und erhielt 2014 von der Nieman Foundation of Journalism in Harvard den I.F. Stone Lifetime Achievement Award.

Amy Goodman ist Autorin mehrerer New York TimesBestseller, die sie oftmals gemeinsam mit ihrem Bruder David Goodman schreibt, der ebenfalls ein investigativer Journalist ist. Zuletzt erschien Democracy Now!: Twenty Years Covering the Movements Changing America. Amy Goodman wohnt und arbeitet in New York City.

Schon das Intro ist ein Statement. Zu den Acid-Jazz-Klängen der Band Incognito sind Bilder von wütenden Demonstranten oder Militärs zu sehen. Dann liest Goodman die ersten Schlagzeilen vor, die meisten sind eher deprimierend. Es geht um Themen, die woanders kaum vorkommen, seien es Waffenexporte oder Umweltzerstörungen. Es folgen längere Interviews oder Reportagen. Proteste in Afrika, viel Raum für Black Lives Matter. Goodman möchte nicht immer nur politisch korrekt sein, das ist es, was ihre Sendung interessant macht. Sie sucht den Widerspruch. Dafür schätzen sie die Zuschauer. Doch ihr Prinzip, kontroversen Stimmen das Wort zu geben, ist für manche schwer zu ertragen. So sprach sie schon mit Norman Finkelstein – einem US-Politikwissenschaftler, dessen Publikationen zum Holocaust und zum Nahostkonflikt manche als antisemitisch kritisieren. Auch Roger Waters von Pink Floyd war zu Gast, ein lauter Unterstützer der „Boycott, Divestment and Sanctions“-Kampagne (BDS, siehe Seite 6).

Die Sendung wird weder von Firmen, Werbung oder Fördermitteln der Regierung unterstützt, sondern allein durch Spenden der Zuschauer, Zuhörer, Leser und Stiftungsförderungen getragen.

Amy Goodman sendet jeden Morgen um acht Uhr Ostküstenzeit aus einem Studio in Manhattan – besonders nachhaltig und energieeffizient gebaut –, montags bis freitags, eine Stunde lang. Wenn Goodman und ihr Co-Moderator dort Zuschauer auf der ganzen Welt grüßen, wirkt das mehr, als sende ein Piratensender aus irgendeiner Garage. Was einmal als Format begann, das nur die Präsidentenwahl 1996 begleiten sollte, wurde zu einer populären Sendung, die nicht nur online – sondern nach eigenen Angaben auch weltweit bei mehr als 1.400 Sendern ausgestrahlt wird.

Clinton, gut durch

Das Anderssein hat sie als Geschäftsmodell etabliert. Dabei hilft, dass Goodman als Journalistin hochdekoriert ist, sie hat unter anderem den Robert F. Kennedy Prize for International Reporting und 2008 den Alternativen Nobelpreis für die Entwicklung eines innovativen Medienmodells erhalten. Sie wandelt zwischen den Welten. Sie bewegt sich als Aktivistin im Journalismus und versteht sich als Teil der alternativen Szene – und gehört doch zur Elite.

Geboren als Tochter eines Augenarztes und einer Lehrerin – beide Eltern engagierten sich sozial –, hat sie ihren Abschluss am renommierten und eng mit Harvard verbundenen Radcliffe College gemacht. Sie tourt als glamouröse alternative Stimme durch die USA, tritt in Fernsehsendungen der CNN und bei Google auf. Das macht sie den Mächtigen gegenüber nicht sanfter. Ex-Präsident Bill Clinton hatte im Jahr 2000 bei Democracy Now! eigentlich nur ein kurzes Statement loswerden wollen, damit die Menschen wählen gehen. Dann hat ihn Amy Goodman eine halbe Stunde lang gegrillt: mit Fragen nach Todesstrafe, dem Racial Profiling und der Politik im Mittleren Osten. Barack Obama, damals noch Wahlkämpfer, gerät bei der Frage, warum er nicht fordere, alle Truppen aus dem Irak abzuziehen, ins Schlingern.

Während der Vorwahlen 2016 kritisierte sie die großen US-Medien dafür, dass sie Donald Trump unverhältnismäßig viel Raum gewährten, während Bernie Sanders deutlich weniger intensiv begleitet werde. Trump wurde gewählt, Bernie Sanders gab sein erstes langes Interview nach jener Wahl Amy Goodman.

Einige Tage nach dem Besuch im Hambacher Forst ist Amy Goodman in Berlin zu Gast. Die Rosa Luxemburg Stiftung und die Blätter für deutsche und internationale Politik haben sie eingeladen. Sie soll über Bewegungen sprechen, ob diese sich nun gegen Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Umweltzerstörung richten. Vorher kann man sie für ein Interview treffen.

Amy Goodman wirkt etwas müde. Sie kam mit dem Zug nach Berlin, ist ein wenig zu spät dran, entschuldigt sich vielmals.Und stellt sich erst mal vor. Sie nimmt ein paar Häppchen, die im Salon der Stiftung bereitstehen und versinkt in einem der Sessel. Wieder trägt sie ihre schwarze Kluft, die Mütze setzt sie die ganze Zeit nicht ab. Im Gespräch wirkt sie höflich – und sehr routiniert. Manche Antworten ähneln dem Wortlaut ihrer Reden. Wie steht es um die verschiedenen Bewegungen in den USA und die Proteste gegen Trump? Sie würden durch Trump in den USA neu belebt, sagt Goodman. Weil Trump angekündigt habe, sich aus dem Klimaabkommen zurückzuziehen, seien nicht nur die Graswurzelbewegungen gestärkt worden, sondern auch der Widerstand bei Gruppen des Establishments, die sich bei Obama mit berechtigter Kritik doch sehr zurückgehalten hätten. „Was wir hier in den USA gerade erleben, ist die Entstehung einer kritische Masse“, sagt Goodman ruhig, und bezieht sich dabei auch auf die #MeToo-Bewegung. Nur mit ihrer Hand verleiht sie ihren Worten Nachdruck. Es sind kleine, zurückgenommene Gesten, die zeigen, wie ernst es ihr ist.

Die Wahl Trumps habe auch dazu geführt, dass die großen Medien – getrieben von Trumps Hass auf sie – ihrer Uraufgabe nachkämen: „Über das gesamte politische Sprektrum klingt die Presse heute wie Democracy Now!. FOX, CNN, MSNBC und andere würden sofort aufhören, Trump so kritisch unter die Lupe zu nehmen, wenn er seine Attacken gegen die Medien einstellen würde: Normalerweise kreisen diese Medien um die Macht, weil sie aber persönlich attackiert werden, müssen sie sich dagegen erheben.“

2016 war es Amy Goodman, die die Proteste gegen die Dakota-Access-Pipeline begleitete und die Aktivisten dort zu Wort kommen ließ. Sie wurde Zeugin davon, wie Wachhunde eines privaten Sicherheitsdienstes die Demonstranten angriffen. Es war Democracy Now!, die diese Bilder zuerst veröffentlichten. Es wurde ein Haftbefehl wegen Landfriedensbruch gegen sie erlassen, der erst später wieder kassiert wurde. Goodman hat das nicht gestört. Trotz gültigen Haftbefehls reiste sie wieder zu den Protesten. Womöglich rührt diese Gelassenheit daher, dass sie bei ihren Aktionen schon mehrfach festgenommen wurde. In den USA, aber auch beim Versuch, nach Ost-Timor zu gelangen.

Warum setzt sie sich diesen Gefahren aus? Es hat wohl genau mit diesem Ort, mit Ost-Timor zu tun. 1991 überlebte sie dort ein Massaker des indonesischen Militärs an der demonstrierenden Zivilbevölkerung. Gemeinsam mit ihrem Kollegen hat sie es geschafft, aus dem Land zu fliehen und die Weltöffentlichkeit darüber zu informieren. Dieses Ereignis, so schreibt es Goodman im Buch Democracy Now!: Twenty Years Covering the Movements Changing America, habe ihre lebenslange Hingabe für die unabhängigen Medien zementiert. Damals habe sie erfahren, wie mächtig und wichtig sie sind. Und doch hat das Bild des Journalisten, der denjenigen eine Stimme gibt, die von sogenannten Mainstreammedien stumm gestellt sind, in Zeiten wie diesen einen schalen Beigeschmack. Diese Form der Medienkritik wird auch zunehmend von Rechten und Verschwörungstheoretikern besetzt – auch in den USA. Sieht sie darin ein Dilemma?

Berliner Hipster jubeln ihr zu

„Wir sind kein Spiegelbild der Rechten. Natürlich gibt es diese Nationalisten und selbst ernannten Faschisten. Aber ich glaube nicht, dass sie in irgendeiner Weise die Mehrheit darstellen.“ Die wahre Mehrheit, das sind für sie Menschen, die sich um ethnische, ökonomische oder soziale Ungerechtigkeiten, LGBTQ-Rechte oder Klimawandel sorgen. Und dennoch sind für Amy Goodman die Grenzen fließend. Sie gibt Russia Today ein Interview, dem Sender, der Putin nahesteht. Sie möchte Wirklichkeit abbilden. „Wir berichten, was vor Ort geschieht“, sagt Amy Goodman. „Wenn jemand von seinen eigenen Erfahrungen erzählt – ob das nun ein palästinensisches Kind oder eine israelische Großmutter ist, ob es ein Onkel im Irak, eine Tante im Jemen oder ob es ein Stammesältester von den Standing Rock Sioux ist – dann ändert das einen. Ich sage nicht, dass man mit der Person immer übereinstimmen wird. Wie oft stimmen wir denn schon sogar mit unserer Familie überein? Aber, man beginnt zu verstehen, woher die anderen herkommen. Dieses Verständnis ist der Anfang des Friedens.“

Goodmans Vortrag am Abend findet dann in einem alten Fabrikgebäude am Spreeufer statt. Bevor es losgeht, läuft Jazz, es gibt Bier und Wein. Der Raum ist brechend voll, junge Leute sind gekommen, urban, eine politisch bewusste Hipster-Schicht, die man auch in New York treffen könnte. Diese Leute erreicht Goodman. Bevor sie ans Podium tritt, will die Linken-Chefin Katja Kipping ein paar Worte sagen. Und ihre eigene Sicht auf die Welt loswerden. Als Goodman auf die Bühne tritt, wirkt es wie bei einem Popkonzert. Goodman, die Frau der Bewegung. Das Publikum johlt. Sie redet dann anderthalb Stunden, über die Aufgabe der Medien, über Demokratie, über soziale Bewegungen. Immer wieder wird sie von Applaus unterbrochen, aber es scheint sie kaum zu beeindrucken.

Am Ende hat sie einen Bogen geschlagen von Indianerreservaten in North Carolina bis zum Lichthof im München der 1930er Jahre. Dem Diktum der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose!“ sollten alle folgen: Wir schweigen nicht. Am Ende hebt sie zwei Finger zum Peace-Zeichen. Das Publikum ist ergriffen, und man weiß nicht genau ob von Goodman oder mehr von sich selbst. Die Zuhörer erheben sich zu Standing Ovations. Da ist Amy Goodman schon von der Bühne verschwunden.

06:00 07.02.2018

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