Vom Zerstörer zum Brückenbauer

Medien Der YouTuber Rezo schreibt jetzt auch. Das kann für den Diskurs nur zuträglich sein
Benjamin Knödler | Ausgabe 44/2019 1

BAM – eine recht passende Beschreibung für das Verhältnis zwischen „alten Medien“ respektive bürgerlicher Welt auf der einen und YouTuber Rezo auf der anderen Seite. Mit einem „BAM“ tauchte er im Mai auf dem Radar von Hauptstadtpolitik und Leitmedien auf, als er in einem Video die Regierungspolitik der vergangenen Jahre angriff und ziemlich fachgerecht zerlegte – Quellen und Belege inklusive. Heute hat Die Zerstörung der CDU über 16 Millionen Aufrufe.

Mit einem „BAM“ hat sich Rezo vergangene Woche wieder gemeldet. Diesmal wörtlich: „BAM! Ich hab jetzt eine Kolumne bei @zeitonline …“, schrieb er bei Twitter. Diese Kolumne erscheint nun alle zwei Wochen unter der Rubrik „Rezo stört“. Aus dem Zerstörer der CDU soll offenbar ein Störer werden.

Das Zeug dazu hat er. Rezo als fester Autor bei einem Medium wie Zeit Online, das ist auch eine Grenzüberschreitung. Auf der einen Seite ist da die „neue Welt“, „dieses Internet“, „diese jungen Leute“, die auf vielen Ebenen aufbegehren gegen die „alte Welt“ eines politischen, medialen, bürgerlichen „Establishments“ auf der anderen Seite. Diese Trennlinie lässt sich immer wieder beobachten: bei „Fridays for Future“, bei der Debatte um das EU-Urheberrecht – und bei Rezo selbst.

So konnte man nach dem Zerstörer-Video bei Politik und Leitmedien neben allem Hype ein gewisses Befremden erkennen. Das äußerte sich darin, dass gefühlt jedes größere Medium Rezos Video einem Faktencheck unterzog, wie es sonst bei journalistischen Formaten eher selten der Fall war. Umgekehrt scheute Rezo die offene Kritik an Journalisten ebenso wenig – passend dazu bemerkte er bei der Bekanntgabe seiner Kolumnistentätigkeit auf Twitter: „Bin jetzt selbst ein Presseficker.“

Wie unterschiedlich die Welten sind, zeigt sich auch daran, wie Vertreter der bürgerlichen Sphäre bislang versucht haben, Fuß in der großen, unbekannten YouTube-Welt zu fassen. Letztes, wenig glorreiches Beispiel: das hochnotpeinliche Video-Format der CSU-Landesgruppe, „CSYOU“.

Der umgekehrte Weg hat mehr Potenzial. In seiner ersten Kolumne kritisiert Rezo Horst Seehofer für seine Aussagen zur sogenannten Gamerszene nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle. Der Ton: mitunter ungewöhnlich für ein Medium wie Zeit Online. Der Innenminister „labert Scheiße“, der Text endet mit „Peace“. Und dazwischen? Liefert Rezo einleuchtende, die Debatte bereichernde Kritikpunkte. Zum Beispiel, dass es nicht zuletzt die Bundeswehr ist, die Videospiele mit realer Gewalt verquickt. Oder dass das „Scheißelabern“ eines Ministers auch mit einer Öffentlichkeit zu tun hat, die Ahnungslosigkeit bei Politikern verabscheut und sich darum Ahnung vorgaukeln lässt. Klingt im Großen und Ganzen doch wie ein Text, den man von Zeit Online erwarten würde, ist aber von Rezo und dürfte daher zumindest teilweise eine neue Leserschaft ansprechen. Dem gesellschaftlichen Diskurs kann das nur zuträglich sein.

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