Wenn bei der Party was aus dem Ruder läuft

Podcasts Koks und Hundehaufen: Die US-amerikanische Content-Creator-Szene feiert anders
Wenn bei der Party was aus dem Ruder läuft
Billy McFarland, der Gründer des „Fyre-Festivals“, wird unterdessen in der englischen Wikipedia mit dem Beiwort „fraudster“ (Betrüger) gelistet

Foto: Everett Collection/IMAGO

Schon gewusst? Es gibt einen Podcast-Hype. Liest man ja immer wieder: das Medium der Zukunft, ein immer größeres Geschäft. Oft wird das in Bezug auf Deutschland geschrieben. Aber ich sage Ihnen: Wie auch im Musik- oder Filmbusiness ist der Hype in den USA auch in Sachen Podcast eine andere Nummer. Wo gehyped wird, wird überzogen. Da gibt es Begebenheiten, die man kaum glauben mag.

Eine solche Geschichte hat das Magazin The Verge veröffentlicht und mit dem wunderbaren Satz zusammengefasst: „In weniger als einem Jahr verwandelte sich das, was als schicker Zufluchtsort für Kreative gedacht war, in eine verwirrende Welt aus Kokain, Hundehaufen und unbezahlten Rechnungen.“ Das, was da allem Anschein nach etwas dem Ruder gelaufen ist, ist die Podcast- und Content-Produktionsfirma HiStudios, die später in „Notorious“ umbenannt wurde, sowie deren sogenanntes „Hype House“ – eine Mischung aus kreativem Hauptquartier, Studio und Villa, ein Traum für alle „Content Creators“, ein Sinnbild der Startup-Welt.

Tatsächlich muss auf den ersten Blick alles sagenhaft ausgesehen haben. Geld, ein großes Mutterunternehmen im Rücken, ein Haus mit Pool in Beverly Hills – inklusive eigenem Studio. Allerdings wurden dort in unmittelbarer Nachbarschaft zu unbescholtenen Hautärzten und Buchladenbesitzern nicht nur Podcasts produziert, sondern auch ordentlich gefeiert. Bier-Pong, Bong, das volle Programm. Rätselhaft bleibt, wie die Hundehaufen und Babywindeln, die in der schicken Villa gesichtet wurden, dorthin gelangten.

Chef dieser Unternehmung ist Peter Vincer, der im Bericht von The Verge zwar wacker widerspricht, doch die Schilderungen des Umfelds wirken schlüssig. So richtig wie ein CEO soll sich Vincer demnach nicht benehmen, eher Fraktion Lebemann, um es euphemistisch auszudrücken. Bier, Besprechungen oben ohne, sexuelle Anzüglichkeiten, Prostituierte. Zudem ist von einem mitunter toxischen Arbeitsklima die Rede.

All das ist traurig – mit Blick auf das Podcast-Business aber lehrreich. Denn anscheinend hat Vincer es gerade am Anfang geschafft, das Bild einer erfolgreichen Produktionsfirma zu zeichnen. Mit viel Kapital und großen Namen wie Mike Tyson im Rücken. Die Erzählung vom Podcast als „dem“ neuen Ding, sie kann nicht oft genug erzählt werden – solange Bilder und Selbstinszenierung stimmen. Das scheint bis heute zu klappen. Gut, ein paar Podcaster klagen, sie hätten noch nicht ihr volles Honorar gesehen und sind inzwischen gegangen, aber die Party geht weiter – wenn auch in einer anderen Villa, nachdem es Ärger mit dem Vermieter gab.

Der Instagram-Account von Notorious liefert weiterhin Bilder, auf denen das sinnentleerte Influencertum in allen Farben schillert. Und auch einige der Podcasts werden noch immer produziert. Sie heißen Cheers, Brother!, darin unterhalten sich zwei „Hotties“ – so die Podcast-Beschreibung –, etwa über ihren Kater nach der letzten Geburtstagsparty. Oder 3 Girls, 1 Kitchen, bei dem man in die „School of Flirting“ gehen kann. Auch das ist die neue Podcast-Welt. So traurig wie schrill, so fassadenreich wie facettenarm. Aber immerhin liefert sie kuriose Geschichten.

Zum Beispiel diese: Vor einigen Jahren sorgte das Fyre Festival in den sozialen Medien für Aufsehen – exklusiv, teuer, mit der Bahamas-Insel Exuma als Veranstaltungsort wurde es in Hochglanzvideos angepriesen. Am Ende stellte sich alles als Flop heraus, der Organisator landete wegen Betrugs im Gefängnis. Darüber gab es dann nicht nur eine Netflix-Doku, sondern auch einen Podcast. Mit dabei, per Telefon aus dem Gefängnis zugeschaltet, war auch der Fyre-Chef höchstpersönlich – bis er laut Verge für seine Beteiligung am Podcast in Einzelhaft gesteckt wurde. Und wer hat diesen Podcast produziert? Notorious natürlich. Oh the irony!

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06:00 06.07.2021

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