Nun findet der Antifa-Kongress Bayern also doch im Münchner DGB-Haus statt. Man könnte es sich bequem machen und die unselige Geschichte, die dieser Entscheidung voran gegangen ist, im Nachhinein als kleines Missverständnis abtun. Dessen Kurzversion geht wie folgt: In der Münchner Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbund Bayern soll der Antifa-Kongress Bayern stattfinden. Unter dem Motto “Theorie, Vernetzung & Party” sind Workshops und Diskussionen organisiert.
Das Online-Portal Jouwatch, das als rechts oder rechtspopulistisch gilt, berichtet darüber. Die Epoch Times, die ebenfalls einen zweifelhaften Ruf genießt, springt auf, fragt in einem Artikel, ob das DGB-Haus in München seine Räumlichkeiten an “Verfassungsfeinde” vermiete – ohne näher zu erklären, weshalb der Kongress überhaupt verfassungsfeindlich sein sollte. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) – Mitglied des DGB – interveniert und hat Erfolg: der DGB lädt den Antifa-Kongress wieder aus. Es kommt zu einem Proteststurm aus Politik und Gesellschaft. Vergangenen Sonntag gibt es ein klärendes Gespräch, an dessen Ende das Ergebnis steht, dass der Antifa-Kongress doch wie geplant stattfinden darf.
Eine Episode als Sinnbild
Ende gut alles gut also? Nein, ist da doch das herrschende gesellschaftliche Klima, das diese Episode zum Sinnbild einer gefährlichen Entwicklung macht. Denn die Geschichte spielt sich in einem Land ab, in dem die AfD seit einigen Tagen endgültig mit ihren 92 Abgeordneten im Bundestag angekommen ist, einem Land, in dem die Zahl rechter Gewalttaten auch im Jahr 2016 weiter gestiegen ist. Spätestens seit den gewalttätigen Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg ist es gleichzeitig wieder en vogue, jedweden linken Protest und Widerstand zur größten aller Bedrohungen zu erklären. Nach dem G20-Gipfel schrieb Peter Altmaier: “Linksextremer Terror in Hamburg war widerwärtig und so schlimm wie Terror von Rechtsextremen und Islamisten” und Thomas de Maizière forderte, potentielle linke Gewalttäter sollten zur Not Fußfessel tragen. Inzwischen – mehrere Monate nach dem G20-Protest – hat die Hamburger Innebeörde eingeräumt, dass zentrale Punkte ihrer Darstellung der G20-Krawalle nicht bewiesen werden können. Die Stimmung freilich ist schon längst gemacht.
Die Episode trägt sich in einem Land zu, in dem zugleich jedoch ein Amoklauf, der sich gezielt gegen Nicht-Deutsche richtete, nicht als rechter Anschlag behandelt wird, in einem Land, in dem der NSU-Prozess bald enden wird – ohne wirkliche Aufklärung. In einem Land, in dem der Innenminister die linksradikale Website Linksunten verbietet, in der die Linkspartei am Wahlabend als einzige ins Parlament gewählte Fraktion nicht bei Anne Will dabei ist, in der die Bild-Zeitung aber eine Öffentlichkeitsfahndung gegen autonome Randalierer von Hamburg einleitet und eine Schlägerei unter depperten Linken herbeischreibt, die es laut Vice so nie gegeben hat. Egal, Hauptsache “den Linken” noch einmal eins auf die Mütze gegeben.
Man kann dies alles als verschieden gelagerte Einzelfälle sehen, die in keinem Zusammenhang stehen. Oder man betrachtet es als ein Gesamtbild. Zum hiesigen Rechtsruck kommt dann ein zunehmendes Verstummen linker Stimmen. Während lang und breit – zu recht – darüber debattiert wird, ob und wie nun mit wie auch immer definierten Rechten zu reden sei, geht man mit der Antifa und radikaleren linken Positionen im Allgemeinen weniger zimperlich um. Oft wird wahlweise kriminalisiert, marginalisiert oder mit rechts gleichgesetzt – getreu dem Motto: Zwischen Antifaschist oder Faschist gibt es keinen Unterschied. So verschiebt sich der Referenzrahmen nach rechts, Widerspruch und Widerstand gegen den Rechtsruck werden kleiner.
Die Normalisierung findet schon statt
Vor diesem Hintergrund entlarvt die spontane Reaktion DGB die Normalisierung des Phänomens. Wenn der Dachverband der Gewerkschaften auf Druck von Rechts Gruppen auslädt, die rein historisch den Gewerkschaften eher nahe stehen, dann ist das – Revision der Entscheidung hin oder her – zum einen geschichtsvergessen. Zum anderen ist es Beleg dafür, wie nahe es inzwischen sogar eher linken Institutionen zu liegen scheint, gerade denjenigen die Anerkennung zu versagen, die sich vom Selbstverständnis her gegen rechte Gewalttaten, gegen Übergriffe und Drohungen stellen. Denn man muss nicht uneingeschränkter Bewunderer der “Antifa” sein, um zu sehen und anzuerkennen, dass gerade in strukturschwächeren Regionen Gruppen, die sich zur Antifa zählen, diese Aufgabe übernehmen.
“Die Zeit des Redens ist vorbei”, hat Sibylle Berg jüngst geschrieben und sich gefragt, ob der Schwarze Block, die jungen Menschen der Antifa, diejenigen seien, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen. Das mag manchem etwas zu undifferenziert erscheinen. Aber selbst wenn man den Glauben an den Dialog noch nicht völlig aufgegeben hat, muss man eines feststellen: Dass man keine gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit dem Rechtsruck führen wollen und gleichzeitig jene, die sich genau gegen diesen stemmen, pauschal verurteilen kann. In der Frage nach dem Umgang mit „den Rechten” darf die Diagnose über den gegenwärtigen Umgang mit „den Linken” nicht fehlen. Wir müssen uns fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen – und wer für diese kämpft.

Kommentare 5
Wer Gewalt gegen Sachen oder Menschen aus politischen Gründen begeht, (Ausnahme Revolution, von deutlicher Mehrheit d. Bevölkerung getragen) verlässt den Rahmen gesellschaftlicher Richtungssuche hin zu faschistischen Methoden und Zielen. Aber nachdem auch Deutschland illegale Kriege wieder hoffähig gemacht hat, ist das wohl die normale innenpolitische Auswirkung, mit der Mehrheitswille, Recht, Gesetz durch das Recht des Stärkeren ersetzt wird. Abgesehen davon ist ein großer Teil der so genannten Antifa nicht links. Wer imperiale Unterdrückungs-Politik verteidigt, illegale Besetzung, Angriffskriege, der kann nicht links sein, sondern der ist so weit abgedriftet, dass er schon wieder rechts angekommen ist.
Warum sollte die Antifa eingeladen werden.? Ist diese, wie auch auf verschiedenen Seiten im Internet proklamiert, klar gegen diesen Staat. Und wer dann noch nicht mal den Mut und den Charakter hat, zu der dort verbreiteten Kakophonie zu stehen, weil weder Urheber eines Artikels genannt werden oder auch ein Impressum fehlen, soll ernst genommen werden.
Wer lädt denn schon gerne Terroristen zu sich nach Hause ein?
Natürlich ist die Grundhaltung der AFD für viele nicht akzeptabel. Sie ist jedoch als politische Parte ins Parlament gewählt worden, und vertritt dadurch einen Teil der Bevölkerung (momentan halt auch die Protestwähler) welcher mit der Politik und auch den weichgespülten Standpunkten der etablierten Parteien, auch der Linken, nichts mehr anfangen kann.
Das die Antifa nicht ernst genommen werden kann, zeigt doch u.a. ein Vorfall aus Augsburg aus dem letzten oder vorletzten Jahr.
Bei einer Veranstaltung von Frontex (?) stürmte mehrere Antifa-Anhänger den Saal, randalierten und zerstörten damit jede Möglichkeit, überhaupt an Informationen zu gelangen, oder auch nur eine Diskussion führen zu können. Dieses Verhalten ist nicht nur absolut undemokratisch, es ist auch nichts anderes als das was die SS damals praktizierte. Damit steht (zumindest die Augsburger Antifa) auf einer Stufe (wenn man die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Vernetzung hinzuzieht, sogar noch tiefer) mit den Schergen von damals, gegen deren Geist sie jedoch so (heuchlerisch) vorgibt, zu kämpfen.
@Maximilianspapa:Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie nichts anderes tun als die Aussage des Artikels zu belegen und es selbst nicht merken.So sehen die von ihnen zitierten Antifa-Anhänger aus und das Stören und Randalieren, bestand daraus das sie passiv auf dem Boden lagen...http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Demonstranten-verhindern-Auftritt-von-Frontex-Chef-id34997692.htmlWenige Zeilen später folgt der nicht überraschende SS vergleich.Vielleicht sind sie bewusst etwas geschichtsvergessen. Nein, sich passiv auf den Boden legen steht nicht "auf einer Stufe" mit den Praktiken der SS. Hundertausende Morde, systematischer Terror gegen Minderheiten und Andersedenkende, damit ist nichts auf eine Stufe zu stellen.Was man sagen kann ist, dass neurechte Bewegungen und besorgte Bürger, mit brennenden Flüchtlingsheimen, aber auch mit online Fake-news, systematischen Relativierungen, massenhafte generierten Memes versuchen ein Klima zu erzeugen und Ideologien salonfähig zu machen wie die SS es einst tat. Ob es nun extreme kognitive Dissonanz sein mag, oder eine erlernte Agenda, sie stellen sich mit ihrem Kommentar in den Dienst der Rechten.Auch wenn ich mich nur schwer mit der Ästhetik und dem Duktus der Antifa identifizieren kann, ihr Kommentar bringt mich dazu seit zwanzig Jahren wieder in die lokale Orga mit einzusteigen und mich zur Antifa zu bekennen. Danke ihnen!Antifa ist kein Extrem, sondern ein Bekenntnis zu einer Besseren Gesellschaft.
Ja. Guter Artikel.
Der Kampfbegriff "Linksfaschismus" ist ja dieser Tage wieder in aller Munde. Auch der erste Kommentar geht in diese Richtung: Wer gewalttätig ist, ist faschistisch.
Wie sinnlos dieser Begriff ist, erschliesst sich eigentlich schnell, wenn man sich kurz informiert, was so grob dem Faschismus zugeordnet wird.
Die Methode ist ja tatsächlich quasi uralt. Das gute alte "selber Faschist/Nazi!" wurde ja schon Ende der 1920'er Jahre genutzt zur Diffamierung politischer Gegner (z.B. SPD vs. KPD u.a.).
Erschreckend ist tatsächlich, wie dankbar Teile der Gesellschaft solcherlei Unredlichkeiten annehmen, bzw. sich davon einschüchtern lassen.
Schade, dass man dieser Tage immer wieder betonen muss: linksextrem ist nicht ansatzweise gleich rechtsextrem! Seitens der Rechten ist es eine Mischung aus Bockigkeit und politischer Strategie. Seitens der sich selbst als solche verstehenden "Mitte" ist es i.d.R. durchsichtige Selbstvergewisserung in Ermangelung einer fundierten und differenzierten Haltung...z.B. bzgl. Antifa.
"Erschreckend ist.... sich davon einschüchtern lassen."
Wieso "lassen"? Die vertreten diese Methode gegenüber dem, was sie dann als "links" vermuten (meiner Erfahrung nach: so ziemlich alles was deren eigene Geldbeutelfüllung bedroht) ganz deutlich.
Allerdings ist "dankbar" auch der richtige Ausdruck.
Übrigens kommt dieses kryptische Gebrüll nach dem Führer auch zum Ausdruck in der immer wiederkehrenden bürgerlichen Larmoyanz bei Wahlen (explizit bei Wahlen, aber auch sonst), wenn es darum geht mal wieder mit dem Satz zu verteidigen, daß man wie schon seit Jahrzehnten nicht "links" gewählt hat, sondern ganz radikal FDP oder auf neudeutsch AfD, weil "DIE LINKEN MACHEN DOCH AUCH NICHTS".
Super sind auch diejenigen, die cduspdcsugrün wählen, um es der Partei die man bisher gewählt mal so richtig zu zeigen (der Deutsche geht ja gerne wandern, es ist ihm auch egal wohin, solange am Ende Wurst und Bier dahstehen)
Und da ist ja auch so praktisch, denn während die Rechten im Reich nichts "falsch machen", machen die "Linken" entsprechend "nichts richtig" weil sie eh "nichts machen" und deswegen proforma schon mal daran gehindert werden dürfen. Das ist rechtskonservative Logik und nationalkapitalistische Tradition.
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btw @freitag.de
wo sind die edit-funktionen des kommentarbereichs hin? ich bekomm augenkrebs, wenn ich zitate nicht kursiv stellen kann