Was verstehen Sie unter Sozialismus?

Sozialismusdebatte Was verstehen Sie eigentlich unter Sozialismus? Sozialismus bedeutet nicht nur Freiheit für einige, sondern Freiheit für alle. Der Sozialismus ist der echte Liberalismus.
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Es gibt einige Möglichkeiten, über die sich der Begriff Sozialismus definieren lässt. Alle Möglichkeiten führen aber letzten Endes zum selben Ergebnis: Sozialismus bedeutet nicht nur Freiheit für einige, sondern Freiheit für alle. Der Sozialismus ist der echte Liberalismus.

Freiheit als privater Egoismus definiert, steht im Widerspruch zu Gleichheit und Brüderlichkeit.

Die französische Revolution (1789-1799) hat die Zeit des Absolutismus beendet und mit den drei Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit moralische Ansprüche an eine gerechte Sozialordnung geschaffen.

In der kapitalistischen Industrialisierung, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also nach dem Sieg der Revolution über die absolutistischen Herrschaftsverhältnisse eingesetzt hat, ließ sich das Ideal der Brüderlichkeit, also des solidarischen Füreinanderstehens, aber nicht umsetzen. Denn das Ideal der Freiheit war ausschließlich in den Kategorien eines privaten Egoismus gefasst, wie er sich in den Konkurrenzverhältnissen des freien kapitalistischen Marktes niedergeschlagen hat.

Wer im freien Kapitalismus als Mensch frei sein will, kann nicht gleichzeitig das Ideal der Brüderlichkeit leben, muss also unsolidarisch sein. Und da sich Macht in der Gesellschaft an Kapital knüpft, gibt es auch keine Gleichheit. Die kapitalistische Grundordnung hat also die revolutionären Ideale verraten, indem sie den Begriff der Freiheit so definiert, dass Gleichheit und Brüderlichkeit nicht möglich sind.

Eine erste Möglichkeit einer Definition des Sozialismus liegt also im Widerspruch der Ideale der französischen Revolution in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Um die Ideale der Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für die gesamte Gesellschaft möglich zu machen, braucht es ein anderes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell als den Kapitalismus. Dies ist der Sozialismus.

Der Sozialismus erweitert den Begriff der Freiheit – von einem ausschließlich privaten Egoismus hin zu einer kollektiven Freiheit. Jeder Mensch muss frei sein können, nur dann ist die gesamte Gesellschaft frei. Nur im Sozialismus hat die französische Revolution mit ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit tatsächlich über die herrschende Klasse gesiegt.

Freiheit ist ohne soziale Gerechtigkeit ein Privileg.

Warum aber ist es notwendig, den Begriff der Freiheit von einem privaten zu einem kollektiven Wert zu erheben, um Gleichheit und Brüderlichkeit möglich zu machen?

Der Grund dafür ist, dass die Ausweitung des kapitalistischen Marktes einen großen Teil der Bevölkerung daran gehindert hat, die Ideale der Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen, da die Arbeiter mit ihren Familien trotz großer Leistungsbereitschaft der Willkür privater Fabrikbesitzer (Kapitalisten) und Landeigentümer ausgesetzt waren, die ihnen aufgrund der Rentabilität ein Leben in ständiger Not aufzwangen. In einem Staat, der seinen Bürgern alle Freiheitsrechte zugesteht, ist ein mittelloser Mensch immer noch unfrei. Freiheit ist also untrennbar verknüpft mit der sozialen Frage. Ohne soziale Gerechtigkeit ist Freiheit nicht lebbar. Für den damaligen wie heutigen Kapitalismus könnte man also sagen: Freiheit ist ein Privileg der gerecht Behandelten. Im Sozialismus ist Freiheit aber ein Grundrecht.

Die Gesellschaft steht im Mittelpunkt, die Ökonomie dient dem Gemeinwohl.

Eine weitere Möglichkeit für die Definition des Sozialismus besteht in der Abgrenzung vom freien Kapitalismus hinsichtlich der Reihenfolge, mit der die Welt, in der wir leben, gedacht wird. Im freien, kapitalistischen System steht die Ökonomie im Mittelpunkt. Den Konzernen und dem Kapital wird eine größtmögliche Freiheit zugestanden. Infolge dessen bildet sich eine Gesellschaft heraus, in der Freiheit für Menschen ein Privileg ist. Dies ist sowohl Resultat dieses Wirtschaftens als auch Voraussetzung, um überhaupt so wirtschaften zu können. Ohne ungleiche Gesellschaft gäbe es keinen Kapitalismus, weil Ausbeutung nicht möglich wäre. Es handelt sich hierbei also um einen Selbstverstärkungsprozess. Die untersten Klassen, das Proletariat, hält das System, das sie unterdrückt, selbst am Leben. Dies ist auch der Grund, warum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Damit die oberen Klassen ihr Ziel, reicher zu werden, erreichen können, müssen die unteren Klassen Kapital, damit Wohlstand und Freiheit abgeben. Der freie Markt frisst seine eigenen Kinder. Der Kapitalismus ist eine Umverteilungsmaschinerie von unten nach oben. Das Proletariat hat nur zwei Möglichkeiten für die Zukunft. Entweder es bleibt weiterhin abhängig beschäftigt und lässt sich ausbeuten, um die oberen Klassen reicher zu machen. Oder es kämpft für die Werte der französischen Revolution, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und damit für den Sozialismus. Die Gesellschaft wird also im Kapitalismus zum Subjekt des Marktes und die freien Kräfte des Marktes formen eine unfreie Gesellschaft. Genau umgekehrt steht im Sozialismus die Gesellschaft im Mittelpunkt. Nicht Freiheit des Marktes, sondern Freiheit des Menschen – Gesellschaftsliberalismus – ist das eigentliche Ziel des Sozialismus.

Kurz gesagt: Im Kapitalismus ist die Gesellschaft das Resultat des Wirtschaftens, im Sozialismus ist die Art und Weise des Wirtschaftens das Resultat aus den Ansprüchen an eine gerechte und freie Gesellschaft.

Demokratie heißt Gleichheit der Stimmen.

Im Sozialismus wird auch das Ideal der Gleichheit aus der französischen Revolution in der Gesellschaft umgesetzt. Deshalb ist Sozialismus immer automatisch ein demokratischer Sozialismus. Sozialismus ist ohne Demokratie nicht möglich. Denn in einer Demokratie hat jeder Mensch eine Stimme und jede Stimme ist gleich viel Wert, unabhängig von der Höhe des privaten Kapitals. Das freie, kapitalistische System erzeugt aber eine zunehmende Ungleichheit, die nach vielen Jahren der Ausbreitung der kapitalistischen Prinzipien und der freien Kräfte des Marktes aus einer Demokratie eine Oligarchie macht, in der Millionäre, Milliardäre, Großkonzerne und Lobbyisten – kurz Kapitalisten – mehr Gewicht auf die Exekutive haben als das Prekariat. Die Grundsätze der Gleichheit in einer Demokratie sind also nur im Sozialismus umzusetzen.

An meinem Verständnis des Sozialismus erkennt man recht schnell: In der DDR, in Kuba, Venezuela, China, Nordkorea und der Sowjetunion - gab es dort je Sozialismus? Nein. Denn dort gab und gibt es keine Freiheit, keine Gleichheit, keine Brüderlichkeit und keine Demokratie. Doch all die genannten Staaten ziehen und zogen den Begriff des Sozialismus in den Schmutz. Karl Marx hätte sich im Grabe umgedreht!

20:09 27.03.2020
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Geschrieben von

BenSch

ökologischer, demokratischer Sozialist | Marxist | Anti-Stalinist | Antifaschist | Europäer
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