Eine Gesellschaft der Zyniker

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Wo steht Deutschland 20 Jahre nach der Einheit? Eine rhetorische Frage, die Antwort will keiner wissen. Würde man sie versuchen zu beantworten, dann kämen sicherlich die ewigen Phrasen, die seit 1990 durch die Presse geistern und zur jährlichen Jammerei über Solidaritätszuschlag und west- und ostdeutsche Identität gehören. Nichts neues also.

Eine echte Beantwortung dieser Frage endet für mich mit dem Satz: Deutschland im Jahr 2010 ist das Land der Zyniker. Das ist pauschal, vorwurfsvoll, moralisierend und selbst zu einem gewissen Grade zynisch. Aber es anders zu formulieren, würde die Botschaft wieder verwässern.

Verwässert wurde laut diversen Presseberichten auch das Pfefferspray der Stuttgarter Polizei - bevor man es durch die Rohre des Wasserwerfers schickte und die Augenlichter mehrerer hundert Demonstranten angriff. Gruselige Bilder werden getwittert, es heißt, dass mindestens ein Mensch ein Auge verloren habe. Weil er gegen ein Großprojekt demonstrierte, genannt Stuttgart 21. Nicht gegen ein Regime, nicht gegen Menschenrechtsverletzungen, nicht wegen Wahlfälschung, sondern gegen einen Bahnhof. Kinder werden von Polizisten gewaltsam von einem ihrer Grundrechte, dem zur Demonstration, abgehalten. Alles wegen einem Bahnhof.

Zyniker, wie Peter Hauk (CDU) sagen zu den Protesten: "Ich finde es unverantwortlich von Müttern und Vätern, dass sie ihre Kinder nicht nur mitnehmen, sondern auch in die erste Reihe stellen.“

Nach Wochen von Brennpunkten im öffentlich-rechtlichen TV, wenn sich der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eine Verletzung zugezogen hat, über den Vorstoß der Arbeitsministerin, "Hartz IV" zum "Basisgeld" zu machen, bis hin zu Scheindebatten über Migration und Integration, fällt es schwer, Deutschland woanders zu verorten, als in der Zyniker-Ecke der Staatengemeinschaft:

Ein Land, in dem der Bundespräsident zurücktritt, weil er sich öffentlich aus Versehen die Wahrheit sagte und die Reaktionen als "unangemessen" empfand.

Ein Land, in dem die Verfechter der (oder besser: ihrer) Meinungsfreiheit von Talkshow zu Talkshow tingeln, dort von "Meinungsdiktatur" schwadronieren, und eine größere Plattform bekommen, als die sogenannten "Meinungsdiktatoren" selbst.

Ein Land, in dem die Selbstbeobachtung der Medien und ihrer Automatismen fast zur Selbstreferenzialität verkommen ist.

Oder eben ein Land, in dem jede Debatte über direktdemokratische Elemente mit dem Verweis auf die "Unmündigkeit des Bürgers" abgewiegelt wird. Wenn er dann doch mal demonstriert, hat er eben die körperlichen Konsequenzen zu tragen. Oder wie es ein Stuttgarter Polizeisprecher formulierte: "...dann kann die Polizei auch mal hinlangen."

Das ist zynisch.

18:37 30.09.2010
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Geschrieben von

bergkamp

bergkamp liest mit Vorliebe Tageszeitungen (einmal die Woche), Wochenzeitungen (einmal die Woche, im Schnitt) und Sportzeitschrifen. Wenn mal gerade nicht Fußball-WM oder Finanzkrise ist, beschäftigt sich bergkamp auch mit ganz alltäglichen Dingen.
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