Auf eine Zigarette mit James Benning

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James Benning, langjähriger Beobachter amerikanischer Landschaften, widmet sich in seinem neusten Film einem ungewohnten Motiv: dem Menschen oder genauer gesagt einem vom Menschen ausgeführten Vorgang. Dem Rauchen einer Zigarette – mittlerweile nicht nur in den USA zur subversiven Geste geworden – widmet Benning mit Twenty Cigarettes einen ganzen Film.

Das Konzept ist wie immer bei Benning einfach und klar strukturiert: 20 Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und beiderlei Geschlechts rauchen an verschiedenen Orten der Welt vor einer statischen Kamera eine Zigarette. Die Dauer einer Einstellung entspricht ungefähr dem Zeitraum des Rauchens, wobei Benning auch teilweise früher abblendet. Unter den Personen befinden sich Prominente wie die Künstlerin Sharon Lockhart, der Filmregisseur Thom Andersen und der Subkultur-Forscher Dick Hebdige, aber auch Menschen, über deren Herkunft man nur rätseln kann.

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Twenty Cigarettes besitzt nichts von der Erhabenheit früherer Filme Benning. Seine Einstellungen von Seen, Wolken oder zuletzt einem rauchenden Schornstein im Ruhrgebiet sind kontemplative Bilder, in denen man sich verlieren kann. Die Raucher erinnern den Zuschauer dagegen regelmäßig an das Machtverhältnis zwischen Beobachter und Beobachtetem. Viele der Darsteller sind überfordert mit der Situation, tragen ihre Unsicherheit deutlich nach außen und wissen nicht, ob sie jetzt direkt in die Kamera blicken sollen oder gerade nicht. Bei manchen wirkt es nicht so, als würde ihnen das Rauchen besonderen Spaß bereiten. Gleich in der ersten Einstellung sieht man etwa einen jungen Thailänder, der sichtlich angespannt ist, hektisch an seiner Zigarette zieht, die Augen von dem Rauch zusammenkneift und wirkt, als könnte er jeden Augenblick kollabieren.

Die einzelnen Einstellungen fungieren als Versuchsanordnungen, in denen die betreffende Person auf die Drehsituation reagieren muss. Das gelingt den Darstellern auf unterschiedliche Weise. Die im Umgang mit dem Medium Film erprobte Sharon Lockhart, die sich ständig aus dem Bild dreht und die meiste Zeit ihren Hinterkopf präsentiert, scheint den Film mit ihrer Selbstinszenierung gezielt mitformen zu wollen.

Durch die Wiederholung des immergleichen Vorgangs wird Twenty Cigarettes zu einer Typologie des Rauchens. Es sind die Abweichungen und Regelverstöße, die im Gedächtnis bleiben. Jeder der Beteiligten hält seine Zigarette anders, zieht anders an ihr und lässt sich unterschiedlich viel Zeit für diesen Vorgang. Anders als Bennings frühere Filme besitzt der Film damit auch eine psychologische Komponente: Der Vorgang des Rauchens wird zum Ausdruck individueller Persönlichkeit.

von Michael Kienzl.

Mehr Infos auf dem deutsch-französischen Blog des DFJW: www.critic.de/berlinale-im-dialog

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14:06 18.02.2011
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