Das Leben, eine Plansequenz

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Ein alter Mann lebt mit seiner Tochter in einer Hütte im endzeitlichen Nirgendwo. Ihr Alltag folgt den immergleichen Stationen: Anziehen, Ausziehen, Essen, Trinken, Wasser holen, das Pferd aus dem Stall holen und Schlafen. Viel mehr zeigt Béla Tarr in seinem neuesten und laut Eigenauskunft auch letzten Film The Turin Horse (A torinói ló) nicht. Das bestimmende Gestaltungsmittel seiner Inszenierung ist die Wiederholung. Unterteilt in sechs Tage, reiht der Film die immergleichen Handlungen aneinander. So sind Vater und Tochter jeden Tag dabei zu sehen, wie sie mit den Händen heiße Kartoffeln essen. Der Vorgang bleibt stets der gleiche, lediglich die Kadrierungen und Lichtstimmungen ändern sich.

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Tarr inszeniert The Turin Horse – wie auch seine letzten Filme – in langen, schwarzweiß gehaltenen Plansequenzen. So bewegt sich die Steadicam nahtlos zwischen Innen- und Außenraum und positioniert sich im Inneren der Hütte immer wieder neu, um eine ungesehene Perspektive auf den stagnierenden Alltag zu ermöglichen. Zweimal dringen Außenstehende in diese hermetisch abgeriegelte Welt ein: Einmal ein angetrunkener Nachbar, der einen nichtssagenden Monolog hält, das andere Mal eine Gruppe von Zigeunern, die Trinkwasser aus dem Brunnen stehlen. Mit diesen beiden Szenen ebenso wie mit einer in unregelmäßigen Abständen zu hörenden Erzählerstimme – die etwa einmal nur Szenenanweisungen aufsagt – ärgert Tarr das Publikum eher, als dass er die Leere seines Films damit füllt. Mit jedem der hohlen Sätze des Betrunkenen knallt Tarr seinem Zuschauer ganz offensiv die Erzählverweigerung des Films vor den Latz. Als Vater und Tochter gegen Ende selbst das Trinkwasser ausgeht, packen sie ihre Sachen und ziehen in eine andere Hütte, die sich – bis dahin hat man das Konzept des Films durchschaut und ist auch darüber nicht mehr überrascht – unwesentlich von der ersten unterscheidet. Auch zeitliche oder örtliche Bezüge sucht man hier vergebens – obwohl die Kleidung und Einrichtung der Hütte eine weit zurück liegende Vergangenheit vermuten lassen und die gesprochene Sprache das Land Ungarn.

Weiterlesen auf dem deutsch-französischen Blog des DFJW: www.critic.de/berlinale-im-dialog

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11:20 17.02.2011
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Berlinale im Dialog

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