Die zwei Gesichter der Shirley Clarke

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Ein Artikel von Michael Kienzl

Jedes Jahr bringt das Forum vergessene Schätze des unabhängigen Films in nagelneuen Kopien auf die Leinwand. So wurden zuletzt die Regisseure Charles Burnett, Kent Mackenzie und John Cook wiederentdeckt. Diesmal sind zwei Filme von Shirley Clarke zu sehen, einer bis heute gerne unterschätzten Regisseurin, die zwischen den Polen Dokumentation, Spiel- und Experimentalfilm ihren eigenen Platz gefunden hat.

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Clarkes Oeuvre umfasst um die zwanzig Arbeiten, unter denen sich jedoch nur fünf längere Filme befinden. Oft geht es darin um das schwarze Amerika, um Außenseiter der Gesellschaft, um Jazz und um die Grauzone zwischen Dokumentarischem und Fiktivem. Ihr Drama The Cool World (1964), produziert vom bekannten amerikanischen Dokumentaristen Frederick Wiseman, ist dafür ein Musterbeispiel.

Erzählt wird von einer Straßengang Jugendlicher in Harlem. Die Handlung basiert zwar auf einer literarischen Vorlage von Warren Miller, gleichzeitig versucht die Regisseurin aber die offensichtlichen Merkmale eines Spielfilms zu verschleiern. Sei es der raue Look der Handkamerabilder, der Einsatz von Laiendarstellern oder der Verzicht auf eine moralisch urteilende Perspektive.

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Einer der beiden Filme, die im Forum präsentiert werden, entstand nur zwei Jahre vor The Cool World und spielt auf ähnliche Weise mit der Ästhetik von Authentizität. Auch hier gibt es wieder eine literarische Vorlage. Allerdings gelingt es Clarke nicht ganz, ihrem Film das Theatralische auszutreiben. The Connection spielt in einem Raum voller Heroinsüchtiger, die lethargisch herumliegen, monologisieren oder Jazz spielen. Unter ihnen ist auch ein Filmteam, das das wahre Leben von unten festhalten möchte. Besonders mit der Figur des Regisseurs verpasst Clarke der damals populären Cinéma-vérité-Bewegung einen Seitenhieb. Ständig schwadronierend, bombardiert er seine Interviewpartner mit Anweisungen, sie sollen gefälligst natürlich agieren. Er will das ungeschminkte Leben einfangen und inszeniert es dabei nur.

Es ist faszinierend mitanzusehen, wie Clarke die verschiedenen Figuren im Raum choreografiert, sich immer wieder auf einzelne Personen konzentriert und den Blick schließlich weiterschweifen lässt, zu einem unangekündigten Besucher oder den improvisierenden Musikern. Warum bringt Clarke aber den Schauspielern, die Drogensüchtige möglichst realitätsnah verkörpern, mehr Sympathie entgegen als dem authentizitätsverliebten Regisseur? Der Unterschied ist, dass Clarke ihre Beobachtungen nie als Realität verkauft. Das war schon in ihrem bekanntesten Film, Portrait of Jason (1967), so. Da ging es weniger darum, das wahre Gesicht des Porträtierten – eines in die Jahre gekommenen Strichers – zu enthüllen, als ihn dabei zu beobachten, wie er sich selbst inszeniert.

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Doch Shirley Clarke kann auch ganz anders. Wie die große Maya Deren ist auch sie eigentlich Tänzerin gewesen, die es erst später zum Kino verschlagen hat. Beiden Regisseurinnen merkt man den früheren Beruf in ihren dynamisch rhythmisierten Filmen an. Das gilt besonders für Clarkes experimentelle Arbeiten, dafür muss man sich nur einmal Bridges-Go-Round (1958) ansehen. Da wechseln sich horizontale und vertikale Schwenks über die Brücken und Hochhäuser New Yorks ab, werden übereinander gelegt und farblich verfremdet, bis alles zu einer abstrakten Komposition aus Mustern und Linien verschmilzt.

Dieser inszenatorische Ansatz stellt dann auch die Verbindung zu Clarkes zweitem im Forum präsentierten Film her: Ornette: Made in America (1985). Dabei darf man sich nicht von der Kategorisierung abschrecken lassen. Sicher ist dies eigentlich ein Dokumentarfilm über den berühmten Jazzmusiker Ornette Coleman, doch wie Clarke ihn umsetzt, hat nicht das Geringste mit reportagehaften Musikerporträts ohne jeglichen filmischen Eigenwert zu tun. Mit einem schier unerschöpflichen Arsenal an Stilmitteln kommt es zu einer gelungenen Übertragung von Musik in Bilder.

Ausgangslage ist ein Konzert von Colemans Symphonie Skies in America, zu der Clarke immer wieder zurückkehrt, nur um in eine neue Richtung auszuschwärmen. Wilde stroboskopische Schnitte wechseln sich mit abstrakten Kompositionen ab, Spielszenen mit einem Jungen, der den frühen Coleman darstellt, folgen auf ungewöhnliche Interviews mit dem Musiker, in denen er unter anderem den Unterschied zwischen „man“ und „male“ sowie die Sehnsucht nach dem Weltraum erläutert.

Ornette: Made in America ist ein unruhiges und fahriges Werk, das, wenn man sich darauf einlässt, zum intensiven psychedelischen Erlebnis wird. Mit ihrem letzten Film hat Shirley Clarke noch einmal bewiesen, dass sie nicht nur Authentizität hinterfragen kann, sondern auch Bilder zum Tanzen bringt.

Ein Artikel aus dem deutsch-französischem Blog:

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09:25 16.02.2012
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