Spiel mit der Identität

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Artikel von Michael Kienzl

Es beginnt alles ganz harmlos. Die burschikose Laure zieht mit ihrer Familie in eine neue Stadt. Sie kennt noch niemanden, hat aber, ihren Blicken nach zu urteilen, mehr Lust, mit den Jungs zu spielen als mit den Mädchen. Dann trifft sie auf Lisa, die sie für einen Jungen hält. Statt das Missverständnis aufzuklären, lässt Laure sich auf das Spiel ein, gibt sich als Mikael aus und wird schnell in die Gruppe aufgenommen. Doch langsam neigen sich die Sommerferien dem Ende zu, und Lisa wundert sich schon, warum Mikaels Name nicht auf der Klassenliste steht.

Regisseurin Céline Sciamma gelang 2007 mit Water Lilies (Naissance de pieuvres, 2007) ein sensibler Debütfilm über die schmerzhafte Erfahrung unerwiderter Liebe. Damals konzentrierte sie sich ganz auf ihre jugendlichen Protagonisten und blendete die Welt der Erwachsenen komplett aus. Auch in Tomboy sind die Kinder der konstante Bezugspunkt des Films. Mit einer Kamera, die immer nah dran ist an den Figuren, werden sie beim Fußballspielen beobachtet, beim Balgen oder wie sie darüber kichern, ob jemand schon mal sein eigenes Pipi probiert hat. Diese kindliche Perspektive behält Sciamma diesmal allerdings nicht durchgehend bei. An einigen Stellen werden die Eltern aus einer dramaturgischen Notwendigkeit heraus mit einbezogen. Dabei ist das harmonische Verhältnis zwischen Laure und ihren Eltern, aber auch der kleinen Schwester auffällig. Man scheut sich nicht, körperlich Zärtlichkeiten miteinander auszutauschen, und kuschelt in verschiedenen Konstellationen.

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Tomboy bezieht seine Spannung aus dem Spiel seiner Protagonistin mit einer falschen Identität. Mehrmals gibt es Situationen – wie das gemeinsame Pinkeln im Stehen –, in denen Laures Schwindel aufzufliegen droht. Die Rolle des Mikael täuscht die anderen auch deshalb so gut, weil sie noch einige Jahre jünger ist als Marie in Water Lilies. Nur weil Laure die Pubertät noch vor sich hat, ist es ihr möglich, mit freiem Oberkörper und Knetmassenpenis in der Badehose selbst beim Schwimmen noch die Rolle des Mikael zu spielen. Der Film weiß das Ungeformte von jungen Menschen für sich zu gewinnen. Sciamma geht der Frage, ob Laure nun lesbisch ist oder vielleicht transsexuell, überhaupt nicht nach. Bevor diese Fragen relevant werden, geht es erst einmal um ein spielerisches Austesten von Geschlechterrollen.

Obwohl der Film überwiegend einen differenzierten Blick auf das Kindsein wirft, kommt es auch zu einigen Patzern. Die Figur von Laures kleiner Schwester, der Gegenentwurf zum burschikosen Mädchen, kokettiert streckenweise zu penetrant mit der eigenen Niedlichkeit – hier wird schließlich auch der erwachsene Blick der Regisseurin als solcher entlarvt. Auch die Auflösung der Geschichte, in der geradezu zwanghaft Position bezogen werden muss, glückt nicht ganz. Vergleicht man Tomboy aber mit dem ebenfalls im Panorama laufenden und thematisch verwandten Romeos – der transsexuelle Protagonist versucht tatsächlich in denselben Situationen, beim Pinkeln und beim Schwimmen, seine Maskerade zu wahren –, tritt auch das Talent von Sciamma deutlich hervor. Denn wo Romeos in der Dramaturgie eines Verwechslungskomödie inklusive stereotyper Charakterzeichnungen gefangen ist, beweist Sciamma trotz einiger Abstriche erneut ihr Einfühlungsvermögen in die Gefühlswelt junger Menschen.

Mehr Infos auf dem deutsch-französischen Blog des DFJW: www.critic.de/berlinale-im-dialog

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16:36 19.02.2011
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