Spuren ins Nichts

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Mit Absent (Ausente) und Auf der Suche zeigt das Forum in diesem Jahr zwei Filme, die Versatzstücke des Genrekinos mit einer Erzählweise kombinieren, die sich einer konventionellen Dramaturgie verweigert. Oft geht so eine Gratwanderung zwischen dem Spiel mit Regeln und deren Überwindung in die Hose. Dem argentinischen Regisseur Marco Berger gelingt in seinem Film Absent zumindest schon mal ein spannender Einstieg. Während des Vorspanns seziert die Kamera in Großaufnahmen den nackten Körper des 16-jährigen Martin. Seine vielsagenden Blicke im Schwimmunterricht gelten dem Sportlehrer Sebastian. Als Martin eine Verletzung vortäuscht und sich der vorsorgliche Lehrer darauf um ihn kümmert und zum Arzt bringt, ist das nur der Anfang einer Odyssee, bei der sich der Junge zunehmend in Lügen verstrickt, zum vernachlässigten Problemkind stilisiert und Sebastian so lange manipuliert, bis dieser ihn bei sich einquartiert.

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Musik und Soundeffekte legen schon mit dem Vorspann einen Thriller nahe, und kombiniert mit der intensiven Fokussierung der Kamera auf die beiden Figuren entsteht eine dichte und intime Atmosphäre, in der jeder Blick zum Ereignis wird. Kaum sind die beiden in der Wohnung des Lehrers angekommen, gibt der Film Hinweise auf die eventuelle Tragweite der Geschehnisse – eine Nachbarin sieht etwa durch den Türspalt, wie der nackte Martin aus der Dusche huscht. Obwohl in dieser Nacht zumindest auf der äußeren Ebene nicht passiert, spielt Berger gekonnt mit den Möglichkeiten, was alles passieren könnte.

Am nächsten Tag erfährt Sebastian dann von den Lügen seines Schülers, und alles, was der Film bis dahin an Spannung und Atmosphäre aufgebaut hat, verläuft mit einem Wechsel der Erzählrichtung zunehmend im Sand. Die Erwartungen, die Absent mit seiner intriganten Hauptfigur provoziert, bleiben bis zum Ende unerfüllt. Wenn Martin dann später bei einem Unfall ums Leben kommt und die Geschichte damit ihre wichtigste Figur verliert, geht es auch mit dem Film immer weiter bergab: Ohne dass zuvor ein Anzeichen sichtbar gewesen wäre, wird sich Sebastian posthum seiner Liebe zu dem Jungen bewusst und verzehrt sich in Visionen nach dem Toten.

Artikel von Michael Kienzl (critic.de)

Weiterlesen auf dem deutsch-französischen Partnerblog des DFJW "Berlinale im Dialog":

http://www.critic.de/berlinale-im-dialog/wp-content/uploads/2011/01/Banner-600-x-210_RGB.jpg

20:53 13.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Berlinale im Dialog

Junge Kritiker und Filmliebhaber berichten vom Festival mit einem exklusiven Blick hinter die Kulissen mit der Jury vom Dialogue-en-perspective-Preis!
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