Zwischen Himmel und Hölle

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Wenn im Kino die geläufige Dauer eines Spielfilms überschritten wird, gerät ein Film schnell zum Event – besonders auf einem Filmfestival, auf dem Zeit ohnehin ein rares Gut ist. In den letzten Jahren gab es im Forum zwei japanische Beiträge zu sehen, die sich viel Zeit nahmen, aber nebenbei auch großartige Filme waren. 2008 dekonstruierte Kôji Wakamatsu über drei Stunden die japanische Rote Armee, ein Jahr darauf setzte sich Sion Sono mit seinem vierstündigen Love Exposure über Genregrenzen und Erzählkonventionen hinweg.

Wenn man sich im aktuellen Forums-Jahrgang Takahisa Zezes Heaven’s Story in voller Länge zu Gemüte führen möchte, braucht man noch stärkeres Sitzfleisch. Mit seinen beinahe fünf Stunden bleibt der Film zwar weit hinter den Mammutwerken eines Lav Diaz zurück, für den Zuschauer ist das trotzdem eine Herausforderung. Vor allem, weil es dem Film nur unzureichend gelingt, seine ausufernde Laufzeit zu rechtfertigen.

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In den 1990er Jahren galt Takahisa Zeze als einer der „vier himmlischen Könige des Pinkfilms“. Mit Arbeiten wie Dream of Garuda (1994), Raigyo (1997) oder Tokyo X Erotica (2001) schuf er ebenso gewalttätige wie fantasievolle Filme, in denen Sexszenen nicht zwangsläufig antörnen mussten und Frauen sehr viel selbstbestimmter handelten als bei anderen Vertretern des Genres. Später hat sich Zeze mit Filmen wie der romantischen Komödie Dogstar (2002) und dem Teenie-Vampirfilm Moon Child (2003) auf deutlich kommerziellerem und familienkompatiblerem Terrain bewegt. Heaven’s Story ist, zumindest was das geringe Budget angeht, eine Rückkehr zu Zezes Wurzeln.

Am Anfang dieser sich über neun Jahre erstreckenden Erzählung über Schuld, Vergebung und Rache stehen zwei Tragödien: Die Familie der achtjährigen Sato wird von einem Psychopathen umgebracht, der sich dann selbst richtet. Kurz darauf sieht das Mädchen in den Nachrichten einen Mann, dem ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Nachdem Tomoki seine Frau und sein neugeborenes Kind durch einen jugendlichen Mörder verloren hat, droht er im Fernsehen mit Rache.

http://www.critic.de/berlinale-im-dialog/wp-content/uploads/2011/01/Banner120-x-240_RGB.jpgIn neun Episoden erzählt Heaven’s Story von verschiedenen Menschen, die in irgendeiner Beziehung zu den Betroffenen dieser Ereignisse stehen und deren Wege sich im Laufe des Films kreuzen. Zusammengehalten wird die Handlung neben dem omnipräsenten Motiv des Schuldausgleichs von zwei ungewöhnlichen Schauplätzen, um die der Film kreist: Zum einen eine nur per Fähre zu erreichende Wohnsiedlung, zum anderen die Ruinen einer alten Minenanlage mit dem wohlklingenden Namen „Paradies über den Wolken“. Den Großteil seines Films hat Zeze relativ schnörkellos mit einer immer nah an die Figuren gehefteten Handkamera inszeniert. An manchen Stellen wird mit dieser puristischen Ästhetik gebrochen. Mal sind es animierte Möwen, die durchs Bild flattern, mal Bezüge zu japanischen Bühnentraditionen wie dem No- und Bunraku-Theater.

Es ist vor allem die Maßlosigkeit seiner epischen Handlung, die Heaven’s Story zum Verhängnis wird. Es gibt zu viele Figuren und zu viele belanglose Erzählstränge, ohne die der Film bei weitem pointierter ausgefallen wäre, ohne etwas von seiner Wirkung einzubüßen. Es sind vor allem konstruiert wirkende Figuren wie die eines Polizisten, der einen Nebenjob als Auftragskiller annimmt, um die Familie eines von ihm in Notwehr getöteten Mannes finanziell zu unterstützen, und die einer hörgeschädigten Rockmusikerin, durch die der Film immer wieder ins Wehleidige umkippt.

Dabei ist Zezes Interpretation einer Rachegeschichte mitunter auch sehenswert. Besonders in der zweiten Hälfte des Films, wenn sich die Ereignisse zunehmend auf eine Gegenüberstellung zwischen Tomoki und dem Doppelmörder Mitsuo zuspitzen, gewinnt der Film an Dynamik. Hier ist es auch die Weigerung Zezes, stereotype Täter- und Opferfiguren zu schaffen, die Heaven’s Story auszeichnet. Gerade die traumatisierten Hinterbliebenen, denen sonst das Mitgefühl des Zuschauers sicher ist, verhalten sich menschlich ausgesprochen hässlich, während Mitsuo immer mehr zum Sympathieträger des Films wird. Und auch das liegt mehr an der Kaltblütigkeit der Opfer, als weil dieser unter Tränen sein Bedauern über den Mord beteuert oder die Tat psychologisch erklärt wird. Schade nur, dass der Film, obwohl er in der zweiten Hälfte noch einmal den Kurs ändert, dann doch noch mit einem unnötig sentimentalen Ende den Gesamteindruck eines ausufernden Kinoerlebnisses trübt.

Artikel von Michael Kienzl (critic.de).

Mehr über die Berlinale auf dem deutshc-französischen Blog des DFJW "Berlinale im Dialog": www.critic.de/berlinale-im-dialog/

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16:38 13.02.2011
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Berlinale im Dialog

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