Die Strafe Halb-Leben

PROTOKOLLANT SEINES ICH Der Bosnier Aleksandar Hemon schreibt aus dem amerikanischen Exil

Die Hemons haben einfach das Problem, dass sie sich immer zu sehr in Dinge hineinsteigern, die sie für die Wirklichkeit halten.« Beiläufig fällt der Satz in Aleksandar Hemons Geschichte Austausch freundlicher Worte. Die Mutter des Ich-Erzählers sagt ihn zum Sohn, der unter den hochschlagenden Wellen eines Sippentreffens in kindliche Übelkeit flüchtet. Sie bezieht ihre Einschätzung auf den Schwager, Aleksandars Onkel Teodor, der seit Stunden in einer gewaltigen Geschichtsdichtung die heldische Position der Hemons in Dichtung und Wahrheit feiert.

Hineinsteigern? Genau das tut Aleksandar Hemon selbst fast dreihundert Seiten lang, mit viel Ego-Pathos und krauser Phantasie. Wirklichkeit? Ist das, was man für sie hält. Die Konsequenz, mit der hier ein Autor der Fragilität, ja, Zufälligkeit von Wirklichkeitsentwürfen nachgeht; das Spektrum an ebensolchen, das er in seinen acht Texten anbietet, lässt das Ich-Pathos an die rechte Stelle rücken und das Buch, je tiefer man eindringt, als eine komplexe Erforschung eines Ich und seiner Wirklichkeiten erscheinen.

»Ich« als Kreuzungspunkt unzähliger Realitäten. »Ich« als der, dem man mit freundlicher, auch spöttischer Selbstironie zuschaut, wie er im Erfinden zu finden versucht. »Ich« als ein anderer, den man immer wieder beim Namen rufen muss.

Auf der Suche nach Erklärungen für die Reisen und schließlich die Verhaftung des Vaters stößt der kleine Aleksandar auf immer mehr Parallelen zum Schicksal des Helden seiner Kindheit, Richard Sorge. Hemon liest die Geschichte des berühmten Spions via Fußnoten ein in die Ich-Erzählung des Kindes. Der Spionagetext Sorge erzählt von der ungeheuren Anspannung über einer Kindheit, in der sich die Abwesenheit des Vaters wie die Tragödie eines Richard Sorge buchstabiert und in der das Kind keine Heimlichkeit vor dem Kameraauge des Genossen Tito glaubt verbergen zu können. Er erzählt von der Mühelosigkeit des Selbsthilfeorgans Phantasie, das etwas für ein Kind nicht zu Bewältigendes in eine Abenteuergeschichte umschreibt; und schließlich erzählt (oder dichtet) er jenseits des Subtextes einer Kindheit eindrücklich die Vita der schillernden Figur Richard Sorge nach.

In einem anderen Text geht es um das belagerte Sarajevo, wie es eine daheim gebliebene Freundin dem Ausgereisten in Briefen beschreibt. Denn das ist Die Sache mit Bruno auch: ein Rückblicksbuch, ein Erinnerungsbuch des seit 1992 in den USA lebenden, 1964 geborenen Bosniers, voll mit der melancholischen Ratlosigkeit dessen, der seinen Blick aus dem Exil fixiert auf das Verlassene; der abwesend anwesend ist. »Vielleicht ist dies die Strafe: Wir müssen uns mit dem Halb-Leben von Menschen zufrieden geben, die nicht vergessen können, was sie einmal waren, und die sich davor fürchten, in einer fremden Sprache angesprochen zu werden, da sie nicht mehr in der Lage sind, etwas wirklich Bedeutungsvolles von sich zu geben.«

In dieser Geschichte tritt das Ich zur Seite: Die Szenerie des Kriegszustands, in die wir mittels Lektüre versetzt werden, ist eine, in der er nicht anwesend war - wie wir; und wo diese Abwesenheit wie ein nicht abzuschüttelnder Vorwurf miterzählt wird. Aida, die die Briefe schreibt, schneidet Filmmaterial aus dem Krieg zusammen, und behält die schlimmsten Stücke für sich: »Cinema Inferno«.

Am eindrücklichsten der längste Text des Buches: Der blinde Jozef Pronek die Toten Seelen. Es ist der Name von Proneks Band in Sarajevo, der der Geschichte den Titel gibt, gemeint ist aber wohl auch die orientierungslose Reise des Bosniers Pronek nach Amerika, auf der er nach ein paar offiziellen Empfängen bei einer alten Liebe hängenbleibt, dort über die Belagerung Sarajevos erfährt, sich von Hilfsarbeit zu Hilfsdienst durchschlägt, um immer direkter die »Toten Seelen« um sich herum zu erfahren. Carwin, Mitbewohner der alten Liebe, ist einer der vielen, die dem sprachlosen Bosnier das Loblied Amerikas vorsingen. »Die Besten sind obenauf, die Scheisse sinkt nach unten. Ich weiss nicht viel über dich, Russki, und ich mag dich nicht, aber wenn du es hierher geschafft hast, kannst du nicht ganz wertlos sein. Es ist wie bei diesen Einwanderern, Mann, daheim waren die nur Dreck, dann sind sie hierher gekommen und waren im Nu Millionäre, die Wichser. Deshalb sind wir, verdammt noch mal, das härteste Land der Welt. Weil hier nur die Tüchtigsten überleben.« Dem Einwanderer Pronek ist im Gegensatz zum geschwätzigen Amerikaner die Sprache so gut wie verloren gegangen, nicht nur die zur Außenwelt, sondern auch die nach innen, zu sich selbst. Als gäbe es einen Ort in ihm, bis zu dem weder die brutale nahe Realität: »Ankommen in Amerika« noch der brutalere ferne: »Sarajevo stirbt« vordringen dürfen, und so ertaubt das Ich und wird zum Protokollanten seiner selbst, zeichnet auf, präzise, mit scharfer Ironie und einer Empfindsamkeit von jenseits der Gefühle her.

Wir (Leserinnen und Leser) stehen »wie Angler bis zum Bauch in Proneks Bewusstseinsstrom«, dankbar für diese minutiöse Aufzeichnung eines Willkommens in der freien Welt.

Überhaupt, Sprache: Welche Amnesien Aleksandar Hemon selbst im Exilland USA durchlebt hat und warum sie ihn schließlich dazu brachten, seinen Erzählungsband in der Sprache dieses Landes zu verfassen, wissen wir nicht. Vermuten ließe sich, dass Texte wie seine, kluge Zeugnisse von Identitätsverlust und -suche, so sehr den Erfahrungen von Sprachlosigkeit und Fremdheit abgerungen sind, dass sie in der Sprache der Heimat für ihn nicht zu sagen waren.

Als wäre Ich ein Anderer, geistern Figuren namens Aleksandar/Alexandre Hemon durch die meisten Geschichten. Als Vorvater, als entfernt verwandte mythologische Figur, plötzlich aber auch als Gegenüber Jozef Proneks. Als wäre »Ich« verlorengegangen, als müsste sein Name immer wieder beschworen werden.

Nicht alle Texte sind gelungen. Gar zu sehr schmeckt der erste nach Ich-Inszenierung, nach Kindheitsmythologien; gar zu seltsame Spiele betreibt der Erzähler mit seiner Figur Alphonse Kauders, dem er eine Unzahl absurde Realitäten an der Seite von Eva Braun und der Gattin des Erzherzogs Franz Ferdinand an den Hals dichtet. Das geht nicht auf, weil nirgends hin. Je mehr man aber liest, je tiefer man eindringt in den Untergrund der Geschichten, desto lohnender wird es, mitzugehen. Denn wo sonst als in eigenen Geschichten kann einer einholen, was die Wirklichkeit für ihn an Ich-Verstörungen erfunden hat?

Aleksandar Hemon, Die Sache mit Bruno. Deutsch von Hans Herrmann. Knaus-Verlag, München 2000, 283 S., 38.- DM

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