Hat Griechenland eine Alternative zum Euro?

Griechenland. Der Ausgang des Referendums am nächsten Sonntag wird entscheiden, ob Griechenland in der Euro-Zone verbleibt. Oder auch nicht?
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So titulieren auch der Syriza gegenüber freundlich gesonnene Medien, es handle sich um „eine Wahl, die keine ist“.

Nach einem Euro-Austritt wäre die Wiedereinführung der Drachme unausweichlich, ebenso ein Staatsbankrott. Die zentrale Frage ist, auf welchen Schuldenschnitt sich die griechische Regierung und die Gläubiger einigen können. Liegt der Entschuldungsbetrag unterhalb des Kursverlusts infolge des Währungswechsels, dann steigt der Verschuldungsgrad sogar. Da es sich bei der zur Disposition stehenden Summe von 315 Milliarden Euro allein um Staatsschulden handelt, sollte der griechischen Regierung ein finanzieller Puffer verbleiben, um die Belastungen von Unternehmen und Privathaushalten, die durch den Anstieg der in Euro dotierten Schulden entstehen, abfedern zu können.

Entscheidend ist also, welcher Schuldenstand den Griechen nach einem Haircut verbleibt. Die griechische Verhandlungsposition erscheint erst einmal sehr schwach, da das Land auf Überbrückungskredite angewiesen ist, allein schon um die notwendigen Importe finanzieren zu können. Andererseits würde sich die Kreditwürdigkeit mit sinkendem Schuldenstand erhöhen, sodass es leichter und billiger wäre, sich auf dem privaten Kapitalmarkt einzudecken. Als größter Gläubiger würde die EU alles dafür tun, um diese Geldzufuhr zu unterbinden und Griechenland dadurch unter Druck zu halten. So könnte sie potentielle Kreditgeber mit Sanktionen bedrohen. Allerdings reicht der politische Arm Brüssels nicht bis nach Asien, gegenwärtig nicht einmal bis Russland. Somit würden sich Griechenland trotz EU-Widerstands alternative Kreditquellen öffnen. Importbeschränkungen für griechische Waren, insbesondere auch Reiseeinschränkungen als Schlag gegen die Tourismusbranche, wären derart unverhältnismäßig, dass sie ausgeschlossen werden können.

Wie schnell die griechische Volkswirtschaft sich infolge von Substitution teurerer Importe und von wachsenden Deviseneinnahmen im Zuge gestiegener Konkurrenzfähigkeit auf Auslandsmärkten erholen würde, ist schwer abzuschätzen. Sollte ein Austritt aus der EU erfolgen - aus juristischer Sicht die einzig mögliche Hintertür, um den Euro zu verlassen -, dann würde sich in Russland ein bedeutender Markt für griechische Produkte öffnen. Andererseits würde Griechenland EU-Subventionen von ca. 2 Milliarden Euro jährlich verlieren. Hier könnten Russland, China oder die neue Entwicklungsbank der BRICS einspringen. Die Folge wäre aber, dass Griechenland vollends dem westlichen Einfluss entgleitet. Da die Option eines Sturzes der griechischen Regierung unrealistisch, nach dem Volksentscheid nahezu unmöglich ist, verbliebe der EU nur die Möglichkeit von Zugeständnissen. So alternativlos, wie die Lage der Syriza-Führung auf dem ersten Blick erscheint, ist sie offensichtlich nicht.

Zweifellos würde ein Euro-Austritt den Entscheidungsspielraum der griechischen Regierung vergrößern. Griechenland würde - wie etwa auch die Türkei - volkswirtschaftlich stärker auf eigenen Füßen stehen. Auch wären die Beschäftigungseffekte beachtlich. Für längst überfällige Strukturreformen, insbesondere für die Realisierung eines effektiven Besteuerungssystems, wäre mehr Zeit verfügbar. Da die gegenwärtige Misere ja auch in der Volksmentalität begründet ist, die sich nicht schlagartig verändern lässt, erscheint die insbesondere von deutschen Politikern artikulierte Ungeduld hinsichtlich der Umsetzung von Reformen zutiefst realitätsfern.

Jeder Neuanfang ist mit erheblichen Risiken und auch mit zeitweiligen Entbehrungen verbunden. Ob sich die griechischen Bürger dazu durchringen können, wird das Referendum am nächsten Sonntag zeigen.

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