Aufklärung statt Nörgeln

Corana und Journalismus Corana ist eine Krise, die nicht in die klassischen politischen Schablonen passt, wir brauchen einen neuen Journalismus
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Der Freitag von dieser Woche (21.01.2021) ist ein leider gutes Beispiel für schlechten Journalismus in einer bisher nicht bekannten Krise. Jakob Augstein nörgelt in seinem Leitartikel herum, weil er diese Krise analytisch nicht in den Begriff bekommt. In seinem ersten Podcast 2021 rühmt er sich, dass er nichts von Epidemiologie versteht, aber auch nicht verstehen will. Auch der Artikel über den "Schutz der älteren Menschen" wiederholt zu hundersten Mal bekannte "Argumente" gegen de Lockdown, der nur als Einschränkung, nicht aber als Chance, den Virus wieder zu beherrschen, wahrgenommen wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in Frage gestellt - von einer Zeitung, die ich einmal abonniert hatte, weil ich hoffte, sie würde aufklärend wirken. Wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage zu stellen, Christian Drosten "soziale Kompetenz" abzusprechen, wie Jakob Augstein es in seinem Podcast getan hat, ist für mich das Gegenteil von Aufklärung. Wer den NDR-Podcast zum Corona-Virus verfolgt hat, weiß, dass sich Christian Drosten auch Gedanken um die sozialen Wirkungen seiner Vorschläge macht. Dieser Podcast ist für mich ein exzellentes Beispiel, wie wissenschaftliche Erkenntnis aufklärend wirken kann.

Ich habe den Eindruck, Jakob Augstein und mit ihm die Mehrzahl der Redaktionsmitglieder halten sich für kritisch - und sie müssen deshalb die Corona-Politik der Bundes- und der Landesregierungen kritisieren. Doch Augstein und auch andere Redaktionsmitglieder wollen sich - so verstehe ich ihre Beiträge - nicht mit den Erkenntnissen zu diesem Virus auseinandersetzen.Augstein nörgelt an der Impfstrategie der Bundesregierung herum: lobt Länder wie Israel, Großbritannien und die USA, die deutlich mehr Menschen geimpft haben als Deutschland. Das ist nationalistisches Denken - mindestens 605 - 70 Prozent der Weltbevölkerung müssen geimpft sein, damit dieses Virus keinen größeren Schaden mehr anrichten kann. Wenn der Impfstoff knapp ist, muss er verteilt werden. Hätte sich Deutschland den "deutschen" Impfstoff gesichert, wäre das Geschrei mindestens genauso groß gewesen. Das ist wohlfeile Kritik, die nicht weiter führt.

Auch die DEBATTE im letzten Freitag um die Rolle der Medien in der Corona-Krise trifft nicht den Kern der Auseinandersetzung, sondern die beiden Autoren diskutieren letztlich nur, ob die Medien genügend nörgeln und gegen die Regierungen meckern.

Das ist sehr schade, denn ich denke, der FREITAG und andere kritische Medien haben in dieser Krise nach meiner Meinung mindestens zwei zentrale Aufgaben: 1.) die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Corona-Virus wirklich verständlich zu machen und 2.) die Folgen - oder wie es Albrecht von Lucke in den BLÄTTERn 1/2021 formuliert: die Lehren aus der Coronakrise zu ziehen. Diese Krise wird massive wirtschaftliche und damit politische Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben (und damit meine ich nicht nur Deutschland, sondern Europa und die Welt). Es gibt schon jetzt Gewinner und Verlierer. Wie können wir verhindern, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen die Klassengegensätze weiter vertiefen und die Klimakrise weiter voran treiben. Von Lucke stellt in seinem Artikel wichtige Fragen, diese und erste Antworten würde ich gerne im FREITAG lesen.

Diese Krise ist in ihrer Art neu, da funktionieren die alten Reflexe nicht mehr - und kritischer Journalismus ist mehr als Nörgeln, Meckern und Besserwisserei, die öfter auch noch von wenig Sachkenntnis getrübt ist.

Liebe FREITAG-Redaktion - kommt aus der Meckerecke heraus und fangt an, kluge Fragen zu stellen, aufzuklären - das bedeutet auch sich kundig zu machen, was expotentielles Wachstum bedeutet. Dann nehmt Abschied von der heimlichen Nähe zu Verschwörungsmythen, denn nichts anderes geschieht, wenn man der Auffassung ist, dass diese Corona-Krise ein Ergebnis dunkler Machenschaften ist. Die Nachdenkseiten gefallen sich leider immer mehr darin, solche Vermutungen zu formulieren. Das ist aber nach meiner Meinung das Gegenteil von politischer Aufklärung.

Bitte lasst diese Pseudo-Kritik und helft mit, dass es uns gelingt, diese Krise zu überwinden und lasst uns klären, welche Folgen diese Krise für unsere Welt haben wird - auch mit Blick auf die kommende Klimakatastrophe.

Herzlichen Dank

Bernhard Scholten

19:34 23.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bernhard Scholten

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