Aufruf zum Dialog

Medizin im Alltag 3 Gegen den Terror hat Michael Angele die Devise ausgegeben, "trotz allem zum Dialog aufrufen!", auch wenn es "vielleicht nicht sehr sexy" sei.
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Ob Angele andeuten wollte, dass Nicht-Dialog sexy ist, wird wohl unklar bleiben. Sicher ist vermutlich: DSK braucht keine Dialoge beim Sex.

Politiker brauchen auch meist keine Dialoge, weil sie gut monologisieren können. Zudem fühlen sie sich am wohlsten in der nach außen hin mühsam uniform gehaltenen Meinungsdiktatur unter den eigenen Parteibrüdern und -schwestern (das gilt nicht für die Linke).

Ansonsten finden sich Dialoge meist in einem Gruppenprozess, wenn denkende Menschen ihre Gedanken austauschen - Ausnahmen gibt es aber zuhauf, bei denen der verbale Austausch dazu dient, sich Vorurteile gegenseitig zu bestätigen, immerwährende Wahrheiten wie Rosenkränze gemeinsam zu beten oder Verschwörungstheorien zu aktualisieren und deren dem eigenen Glück zuwiederlaufenden Sub- und Objekte rituell zu verfluchen .

Es gibt eine Unzahl von Pseudo-Denkern, die erst ihre Denkverbote beachten, bevor sie so tun, als fängen Sie an zu denken. Denken auf der Grundlage von Denkverboten ist stark verwandt mit Politikermonologen. "Ceterum censo Carthaginem esse delendam" - der alte Cato war historisch gesehen mit seinem Denkverbot, Karthago müsse nicht zerstört werden, äußerst erfolgreich. Hat nicht sein Beispiel Schule gemacht und immer noch Vorbildcharakter? Die Welt, jedes Land, jedes Parlament eine Vollversammlung von verschiedenfarbigen kanzelredenden Betonköpfen?

Ins Gewissen geredet:

"Die Weltrevolutionen sind sogar auf die Nicht-Revolutionierbaren, la troisième force, angewiesen . Sonst würde des Mords und Totschlags nie ein Ende sein. (...) Es muss immer revolutionsunfähige Seelen geben, damit Revolutionen Sinn behalten." (Eugen Rosenstock-Huessy, Im Kreuz der Wirklichkeit, Band 3, s. 399)

Auf Germanski: Die Revolution, der Dialog, das Reden nützt nur, wenn man dem anderen zugesteht, ohne Sanktionen heute bei seiner Meinung bleiben zu dürfen, und dafür morgen eine durch den Dialog von gestern vorbereitete, glaubend vorweggenommene, im voraus bestätigte gemeinsame Zukunft gestalten kann statt die Opfer der Meinungsverschiedenheiten heute und morgen zu Grabe tragen zu müssen.

Und woher soll die Fähigkeit zum Dialog kommen, wenn nicht durch tägliches Üben? Nicht mal eine Berufsgruppe wie die Ärzte ist fähig, kontrovers aber dialogisch den Diskurs über unterschiedliche Perspektiven des Handelns zu führen, wie Dr. Petra Bracht schrieb:

"Seit langem beobachte ich fehlendes Verständnis für andere oder neue Therapieansätze. Vertreter der Schulmedizin und der Naturheilkunde widersprechen sich oft diametral. Viele Patienten sind verunsichert, die meisten lassen sich schulmedizinisch betreuen, da diese Leistungen ersetzt werden. Privat Versicherte oder Selbstzahler nutzen zunehmend naturheilkundliche Angebote. Die Entscheidung für eine therapeutische Vorgehensweise kann oft nicht frei getroffen werden.

Unstrittig ist, dass die naturheilkundlichen Verfahren – egal aus welchem Erdteil sie kommen – die viel älteren Heiltraditionen sind. Sie nutzen vor allem die Einflüsse der Ernährung bis hin zum therapeutischen Einsatz passender Pflanzenstoffe, die Wirkung von Bewegung, frischer Luft und Sonne sowie Verfahren um Gifte und Abfallstoffe aus dem Körper zu entfernen. Die Schulmedizin setzt auf die Veränderung der Biochemie durch Medikamente und Operationen zur „Reparatur“ geschädigter Körperstrukturen. Eigentlich könnten sich beide Herangehensweisen hervorragend ergänzen – je nach Krankheitsbild passend ausgewählt. Dazu notwendig wären aber Ärzte oder naturheilkundliche Therapeuten, die genügend Erfahrung in beiden Systeme haben. Nur so können sie den Patienten optimal beraten.

Die Stärke der Schulmedizin liegt in der Diagnose von Zuständen der Körperstruktur. Die Bestandteile des Blutes, bildgebende Verfahren wie Röntgen, MRT, CT und Ultraschall, Arthroskopien geben immer genauere Bilder. Ihr Nachteil ist die immer extremere Fokussierung auf kleine Ausschnitte des Gesamtsystems Mensch – umgesetzt durch das System der Fachärzte. Die Naturheilkunde profitiert von teils Jahrtausenden bewährter Erfahrung und der Überzeugung, dass alle Prozesse im Körper funktionell zusammenhängen, der Mensch also immer als Gesamtsystem betrachtet werden muss. Ihre Begrenzung zeigt sich erst bei krankhaften Zuständen, die soweit fortgeschritten sind, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers, selbst wenn sie unterstützt werden, nicht mehr ausreichen um Gesundheit wieder herzustellen. Die zielführende positive Zusammenarbeit beider Richtungen wäre ein erster Schritt zum Wohle des Patienten.

Schnupfen entgiftet den Körper. Fieber tötet Erreger ab. Schmerz vermeidet Verschleiß erzeugende Bewegungen, ebenso wie das dicke Knie. Dies alles sind Symptome einer gestörten Funktion der Selbstheilungsmechanismen, ausgelöst durch Einflüsse der Lebensführung. Schnupfen, Fieber oder Schmerz schulmedizinisch oder partiell naturheilkundlich zu „behandeln“ ist für mich fast das Gleiche – eine Symptombehandlung. Echte Heilung entsteht nur durch die Unterstützung der Selbstheilungskräfte auf allen Einflussebenen – nur als letztes Mittel ergänzt durch nebenwirkungsintensive Arzneimittel oder Operationen. Die vollständige Therapie über Ernährung, Bewegung, Psyche und Umfeld muss immer der erste oder zumindest begleitende Schritt sein. Diese neue Medizin entfaltet bisher nicht für möglich gehaltene Heilungseffekte."

Soweit Frau Bracht.

Was müsste neu anfangen für diese Medizin?

Neu müsste die Priorität gesetzt werden, dass die Rentabilität nicht der Maßstab ärztlichen Handelns sein darf.

Neu müsste auch werden, dass auf gegenseitige Beschimpfungen und Denkschablonen verzichtet wird.

Und wenn Giovanni Maio recht hat mit seinem Satz "Ein Arzt ist letzten Endes jemand, der nicht nach Kundenwünschen, sondern nach Prinzipien handelt" - welches Prinzip muss bei einer Medizin frei von Denkverboten dominieren? Profitabilität der Kostenstelle oder der Dienst am leidenden Menschen, an der Humanität?

Am 21 Januar 2015 veröffentlichte Dr. Petra Bracht unter dem Titel "Der nächste Schritt – die neue Medizin" einen Blogbeitrag: http://www.so-geht-gesundheit.com/neue-medizin/#more-396

22:04 18.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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