Diskrepanz von Diagnose und Realität

Anekdotische Medizin (2) Diagnosestellung wird von Betroffenen meist drückend erlebt. Es geht aber darum, trotz der Diagnose wieder oder zumindest besser am Leben teilzuhaben. Unmöglich?
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Dr. Braun-von Gladiß berichtet anekdotisch über die Diskrepanz von Diagnose und Realität:

"Die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Möglichkeit von Sein - hier den möglichen früheren Todeszeitpunkt – erzeugt bereits eine neue Realität. Wenn deren Manifestation sichtbar wird , fühlt man sich bestätigt, und das kollektive Engramm „Krebs führt zu früherem Tod“ festigt sich.

Welche Bedeutung in diesen vielleicht theoretisch erscheinenden Ausführungen liegt, zeigt das Beispiel meiner 79-jährigen Patientin mit schwerwiegend metastasiertem Eierstock-Krebs.

Ich berichte von diesem Fall auszugsweise und den Text aus meinem Buch „Krebskranke Menschen in ganzheitlich medizinischer Behandlung“ etwas verständlicher und kürzer fassend hier für die Leserinnen und Leser meines Newsletter (in diesem Buch findet sich diese Kasuistik auf den Seiten 40-42):

Die Diagnose dieser 79-jährigen Frau lautete: Ovarial-Carcinom mit Peritonealcarcinose, disseminierter pelviner Aussaat und transmuraler Coloninfiltration mit rezidivierender Transfusionspflichtigkeit.

In nicht-medizinischer Sprache heißt das: Der Eierstockkrebs war auf den ganzen Bauchraum und das Bauchfell und damit die Bedeckungen aller Bauchorgane übergegangen, hatte den ganzen Beckenraum ausgekleidet und war durch die ganze Wand des Dickdarmes durchgewachsen, sodass ständige Tumorblutungen in den Darm hinein stattfanden und stetige Bluttransfusionen erforderlich machten, damit die Patientin daran nicht verblutete.

1996, ein Jahr vor Beginn der biologisch-onkologischen Behandlung, war sie erstmals operiert worden, weil ihr die Bauchwandmetastase den Darm verschloss, und da bestand schon primär ein Befall des Bauchfells. Für den als Krankheitsstadium 4 geltenden Zustand beziffert die Schulmedizin eine Überlebenswahrscheinlichkeit von mehr als 1 Jahr als 0 – 5 %.

Ein Jahr nach der Operation wurden in der ganzen Leber vielfältige Metastasen festgestellt und im Becken wurde eine “diffuse Infiltration des pelvinen Fettgewebes im Sinne eines Frozen pelvis“ beschrieben, ferner fanden sich „Tumorauflagerungen auf li. Musculus iliacus und in der Rektusscheide“ (zu deutsch: Tumorausbreitung in die Leber, alle Gewebeschichten in der unteren Rumpfpartie und in verschiedenen Muskelpartien des Rumpfes).

In diesem Jahr begannen tumorbedingte Dauerblutungen aus dem Darm, die zwei Jahre lang Blutübertragungen in drei- bis sechswöchigen Abständen erforderlich machen.

Chirurgisch wurde ihr trotz Konsultation mehrerer hochrangiger Koryphäen attestiert, dass eine Hilfe durch Operation nicht möglich sei.

In dieser Situation (ein Jahr nach der Operation) entschied sie sich, außer den Bluttransfusionen keine schulmedizinische Hilfe mehr in Anspruch zu nehmen.

In den Transfusionspausen begann sie, weite Auslandsreisen zu unternehmen, sich regelmäßig an vielstündigen Wanderungen, auch ins Hochgebirge, zu beteiligen, sie wurde sportlich aktiv – und sie verliebte sich in einen gleichaltrigen Wanderkameraden und wurde sexuell wieder in höchst befriedigender Weise aktiv. Da feierte sie ihren 80. Geburtstag.
Sie bezeichnete sich als „beschwerdefrei und voller Elan“.

In dieser Situation wollte sie durch ein CT demonstrieren lassen, dass der Tumor zurückgegangen sei und ließ eine Computertomographie anfertigen (Juni 98). Dabei zeigte sich ein „minimale Grössenzunahme der Lebermetastasen. Beckenbefund dito“. Und weitere sechs Monate später kam es zu einem akuten Darmverschluss wegen „nicht passierbarer und inoperabler Tumorstenose im Sigma“. Zur Lebenszeitverlängerung wurde ihr ein Anus praeter empfohlen.

In dieser medizinisch „infausten“ Situation entschloss sie sich, sich nicht mehr von Diagnosebegriffen bestimmen und keine Röntgenkontrollen mehr durchführen zu lassen.

Der Darm kam wieder in Gang und die Patientin zu Kräften. So reiste sie mit ihrem Geliebten in eine Großstadt Europas nach der anderen und hatte oft einfach keine Zeit, zur Behandlung zu kommen, sie habe Wichtigeres zu tun. Die Häufigkeit der erforderlichen Bluttransfusionen nahm erstaunlicherweise ab und im sechsten Jahr, in dem ich die Patientin betreuen durfte (weil ich in meinen Praxisort wechselte) waren nur noch zwei Transfusionen erforderlich gewesen.

Die Patientin war von zunehmender Souveränität und Gewissheit erfüllt, auf dem richtigen Wege zu sein und sagte, ihre Angst, „etwas zu versäumen“ sei verschwunden.

So erfüllte sich sich ihren Lebenstraum, ein kleines Häuschen in einer abgelegenen Ecke im Schwarzwald zu kaufen, richtete dieses selbst ein und pendelte zwischen dieser Idylle auf dem Land und ihrem bisherigen Lebensmittelpunkt einer großen Stadt in der Schweiz. Als der Jahrhundertsturm „Lothar“ im Winter 2000 getobt hatte, machte sie sich alleine auf, kletterte im Schnee über umgestürzte Bäume und richtete ihr Refugium im Schwarzwald wieder her. „Gekräftigt und wieder ganz die Alte“ kehrte sie nach Hause zurück, ihre Darmbeschwerden waren völlig abgeklungen.

In dieser Situation verlor ich die Patientin nach 6-jähriger Betreuung mit den Methoden der biologischen Onkologie aus den Augen, weil ich die Schweiz verließ (...).

Beim Abschied sagte mir diese beeindruckende 84-jährige Dame: „ich bin völlig gesund, schmerzfrei, lebensfroh, aktiv und glücklich. Theoretisch weiß ich, dass ich Krebs habe, das stört mich aber nicht, im Gegenteil: durch den Krebs bin ich zu einem lebensbejahenderen und zufriedeneren Menschen geworden.“

Dr. Karl Braun-von Gladiß

13:42 04.12.2014
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Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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