Ernst in Exeter – Delegitimation eines mephistophelischen Despoten

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Ich bin der Geist, der stets verneint...“: Wenn irgendwo Kritik an naturheilkundlichen Methoden zu lesen ist, kann man mit fast 100%iger Sicherheit sich darauf verlassen, dass irgendwann als Quelle für die vertretene Meinung der Name Edzard Ernst auftaucht. Was immer er an naturheilkundlichenVerfahren untersucht hat, seine Urteil war so gut wie immer: Therapeutisch ungeeignet, weil „nicht bewiesen“, „widerlegt“ oder „gefährlich“.

Bei aller Berechtigung, Therapieentscheidungen möglichst fundiert zu treffen ist es aber in der Medizin üblich, traditionelle Verfahren oder Ansichten beizubehalten, auch wenn sie sich nicht vollends rational und perfekt begründen lassen. Um ein etwas bekannteres Beispiel zu bemühen: Die synthetische Acetylsalizylsäure wurde fast 100 Jahre lang rezeptiert, bevor der Wirkmechanismus annähernd vollständig analysiert und verstanden worden war. Ich möchte auch daran erinnern, dass dem synthetischen Arzneimittel eine Jahrtausende dauernde Phase voranging, in der der salizinhaltige Weidenrinde als Phytotherapeutikum eingesetzt worden war, nur gestützt auf intuitives schamanisches Wissen und überlieferte Indikationsgebiete.

Für Edzard Ernst spielt das keine Rolle. Weil er kein ernstzunehmender seriöser Wissenschaftler ist, stellt der quasi religiöse Fanatismus, mit dem er seinen Job als Profesor für (die Verunglimpfung der) Komplementärmedizin in Exeter macht, eine üble, schwer durchschaubare intellektuelle Bauernfängerei dar, was hier punktuell belegt werden soll.

Edzard Ernst beruft sich gerne darauf, dass er auch als Homöopath praktiziert habe, um seine Kompetenz hervorzuheben. Er kann heute ebenso wenig als Homöopath bezeichnet werden, wie eine Frau Pauli als CSU-Mitglied. Wer sich eindeutig von etwas distanziert hat, sollte aufhören zu betonen, es mal gewesen zu sein. Er bestätigt nur, was seit langem immer wieder konstatiert werden muss:

Interessanterweise erleben wir die heftigste Kritik oft von denen, die die geringsten praktischen Erfahrungen mit Naturheilverfahren im weiteren Sinne haben.“(Weber K., Naturheilverfahren heute - eine (polemische) Stellungnahme. In: Der Praktische Arzt, Zeitschrift für den Hausarzt, 26. Jg. Heft 18 (1989), S. 29-31, 1989: 30, nach Twenhöfel, Ralf (1994): Homöopathie und Schulmedizin - Zur Soziologie eines Konfliktes, Haug Heidelberg, S. 62).

Als in der FAZ (3.1.2007), dem Handelsblatt (2.1.2007) und regionalen Medien vor der Behandlung mit Mistelextrakten gewarnt worden war, nahm PD Dr. Jörg Schierholz dies zum Anlass, exemplarisch auf­zuzeigen, wie Edzard Ernst mit einem medizinischer Irrtum arbeitet, um etablierte Therapiever­fahren wie die Misteltherapie oder die Homöopathie in Misskredit zu bringen und Patienten systematisch zu verunsichern.

Die Warnung vor Misteltherapie bezog sich auf einen Artikel von Prof. Ernst, der im British Medical Journal veröffentlicht worden war (Ernst E: Mistletoe as a treatment for cancer - Has no proved benefit, and can cause harm. British Medical Journal 2006; 333: 1282-1283 )

Schierholz stellte richtig:

1. Ernst rückte eine bei der Misteltherapie erwünschte Lokalreaktion (Hautrötung) in den Bereich einer Krebserkrankung („mimicking metastatic malignancy induced by injection of mistletoe") und interpretierte sie als schwere Nebenwirkung obwohl er es besser hätte wissen müssen. Denn die zitierte Originalliteratur, mit der die Negativaussagen untermauert wurden, beinhaltet im Gegensatz dazu explizit, dass unter einer Misteltherapie in der Regel keine schweren Nebenwirkungen beobachtet werden (Huber R: Effects of a lectin- and a viscotoxin-rich mistletoe preparation on clinical and hematologic parameters: a placebo-controlled evaluation in healthy subjects. The Journal of Alternative and Complementary Medicine 2002; 8 (6): 857-866).

2. Die Studienübersicht, die E. Ernst als Nachweis für fehlende Wirksamkeit zitierte, war veraltet und berücksichtigte die wichtigsten klinischen Studien zur Wirksamkeit der Misteltherapie nicht (Ernst E: Anthroposophical Medicine: A systematic review of randomised clinical trials. Wiener Klinische Wochenschrift 2004; 116 (4): 128-130).

3. Eine weitere Referenz, die Ernst zitierte, um das Gefahrenpotential der Mistel zu belegen (Salier R, Kramer S, Iten F, Melzer J: Unerwünschte Wirkungen der Misteltherapie bei Tu­morpatienten - eine systematische Übersicht. In: Scheer R, Bauer R, Becker H, Fintelmann V) , beweist das Gegenteil: Die sehr gute Verträglichkeit der Misteltherapie.

4. Die anekdotisch aufgezählten „schweren Nebenwirkungen", wie beispielsweise Nierenversagen, Ulzerationen, Parästhesien oder Induktion von Herpes, wurden nie mit einer Misteltherapie in Zusammenhang gebracht und sind übliche Begleiterkrankungen bei Tumorpatienten.

5.Die von Ernst zitierten Laboruntersuchungen, die eine Stimulation von Tumorzellen beweisen sollten, wurden wegen methodischer Mängel stark kritisiert, unabhängige Wissenschaftler konnten die Ergebnisse nicht bestätigen.

Schierholz zog als Fazit: Ernsts Beitrag beruht nicht auf einer soliden und aktuellen Kenntnis der relevanten wissenschaftlich-medizinischen Literatur. (Schierholz, Jörg: Vom publizistischen Irrlauf einer medizinischen Fehlinterpretation. Editorial. EHK 2007; 56: 125). Ich füge hinzu: Mit Recht könnte man das wesentlich pointierter formulieren.

Ein ähnlich vernichtendes Urteil über Ernst ist sogar in der Times zitiert : „Professor Ernst seems to have broken every professional code of scientific behaviour by disclosing correspondence referring to a document that is in the process of being reviewed and revised prior to publication. This breach of confidence is to be deplored." Horton R: Peer review of Prince's study into alternative medicines [letter to the editor]. The Times, August 16th 2005: 16 ; vgl auch :The Homeopathy Debate. In: THE JOURNAL OF ALTERNATIVE AND COMPLEMENTARY MEDICINE Volume 11, Number 5, 2005, pp. 779–785. www.homeopathy.org/research/editorials/acm_2005_11_8.pdf)

Auch Prof. Dr. Robert Jütte kommt in seiner Rezension des Buches von Ernst/Singh (Singh, S., Ernst, E. (2009): Gesund ohne Pillen – Was kann die Alternativmedizin? Carl Hanser München) zu vernichtenden Aussagen wie “Epistemologische Probleme kennt das Autorengespann offenkundig nicht. (…) Auffällig ist die Ignoranz gegenüber methodischen und sachlichen Einwänden, die führende Forscher auf dem Gebiet der Komplementärmedizin gegen den selektiven Blick dieser beiden 'Experten' haben.” (…) So nutzt die echte Akupunktur angeblich nur den Placebo-Effekt. Dagegen haben schon 2005 Lewith/Pariente/White [ www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1193550/] nachgewiesen, dass bei der Scheinakupunktur, die mit Teleskopnadeln täuschend echt durchgeführt wird, andere Gehirnareale aktiviert werden als bei der üblichen Nadelsetzung. (…) Wenn ihre Art der wissenschaftlichen Beweisführung den Autoren nicht ausreichend erscheint, um eine Therapie als Quacksalberei zu 'entlarven', dann müssen andere Totschlagargumente herhalten. So werden Risiken ausgemalt, die inzwischen längst von der Forschung relativiert sind, wie etwa bei der Chiropraktik.

Bezeichnend, dass Ernst und Singh ihr eigenes Wissenschaftsverständnis überhaupt nicht thematisierem, sondern nur nach mittelalterlicher Marktschreierart verkünden, dass das eigene Buch hinsichtlich der „Wahrheit über die Alternativmedizin“ an „wissenschaftlicher Strenge, Autorität und Unabhängigkeit nicht übertroffen ist“. (Singh, S. / Ernst/E.: Gesund ohne Pillen, Hanser München 2008, S. 11)

Ein Politiker, der sich nicht an die Regeln des politischen Betriebes hält und sich so kompromittiert hätte, hätte in einer funktionierenden Demokratie zurücktreten müssen. Aber in der Medizin ist es ja üblich, auch die wissenschaftlichen Arbeiten von als Betrügern entlarvten Doctores in der Bibliothek stehen zu lassen. Dennoch darf es wundern, wenn für Mephisto-Abklatsch Ernst und seine Art von “Wissenschaftlichkeit” anscheinend andere Maßstäbe gelten sollen als diejenigen, die er für andere einfordert. Der Spiegel schrieb zu Ernst: “An Ernst prallen die Argumente der Homöopathen ohnehin ab wie an einer Betonwand." Ein zweifelhaftes Lob, wenn einem von seinen Freunden nachgesagt wird, ein dialogunfähiger Betonkopf zu sein. Die Mauer der politischen Betonköpfe ist stark am Bröckeln. Edzard, es wird ernst.

17:07 04.11.2011
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Geschrieben von

bertamberg

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bertamberg

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