Neues Denken (II)- warum nicht plurinational?

Dekolonisierung Das Prinzip der bejahten Plurinationalität ist Grundlage des Bemühens, Rassismus und kolonialisiertes Bewusstsein definitiv zu überwinden.
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Die oft politisch-militärisch forcierte Durchsetzung und Sicherung der strukturellen Exploitation der menschlichen Arbeitskraft von abhängig Beschäftigten hat auf allen Kontinenten dieses Planeten plurinationale Gesellschaften entstehen lassen, ohne dass dies als konstitutiv für die jeweils innerhalb ehemals national gedachter Grenzen staatlich organisierten Binnengesellschaften geworden wäre.

Während in Europa im 20. Jahrhundert die alten Vielvölkerstaaten im Streben nach ethnisch oder national verstandener Unabhängigkeit zerfallen sind (Österreich-Ungarn, Sowjetunion, Jugoslawien) und ein Zollunions-Europa entstand, das nationale Interessen den Interessen von in transnationalen Konzernen organisierten gewinnhasardierender Shareholder unterwarf, entwickelten sich in der Neuen Welt der ehemaligen Kolonien auf der Grundlage einer bestehenden ethnischen Vielfalt (auch die Inka waren nur eingewanderte Usurpatoren) multiethnische Gesellschaften, in den Grenzen, die die kolonialen Landräuber festgelegt hatten.

Z.B. hat Neuseeland eine bunte ethnische Zusammensetzung, den größten Teil (67,6 %) der Bevölkerung machen Neuseeländer europäischer Abstammung aus. (Diese Gruppe kam hauptsächlich aus Großbritannien, aber auch aus Deutschland, Italien, Polen, den Niederlanden und weiteren europäischen Staaten.) Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe bilden die polynesisch-stämmigen indigenen Einwohner Neuseelands, die Māori, denen sich 14,6 % der Bevölkerung zugehörig fühlt. Erst ab 1996 - 2006 stieg der Anteil an Asiaten mit insgesamt 9,6 % zur drittgrößten ethnischen Gruppe auf. Chinesen sind mit 2,8 % vor den Indern mit 1,7 % die relative Mehrheit. Die asiatische Bevölkerungsgruppe überholte bis 2001 die Gruppe von Menschen von den Pazifischen Inseln, die 2006 etwa 6,9 % der Landesbevölkerung stellten. Die meisten der Pazifischen Insulaner stammen aus Samoa, gefolgt von den Cookinseln sowie Tonga. Insgesamt sind etwa 23 % der Gesamtbevölkerung nicht in Neuseeland geboren. Es gibt drei Amtssprachen: Englisch, Te Reo Māori und die neuseeländische Gebärdensprache.

Dominieren in Neuseeland die Kulturen der ehemaligen Kolonisatoren nicht nur zahlenmäßig über die indigenen Einwohner, ist es in Bolivien andersherum: Etwa 60% der Bevölkerung sind indigener Abstammung. Der Völkermord der Conquista hat im ganzen Land nur etwa 40 ethnische Gruppen überleben lassen, die 35 Sprachfamilien angehören. (vgl.: http://www.indianer-wiki.org/Bolivien)

Die größten ethnischen Gruppen finden sich auf der Hochebene, wo die Quechua und Aymara mit 3,2 bzw. 2,5 Mio. einen sehr großen Teil der Bevölkerung stellen. Diese Gruppen sind in einem Prozess der Rückbesinnung auf ihre Wurzeln und einer Wiederaneignung ihrer kulturellen Identität. Wurde die Weitergabe der indigenen Sprachen noch vor kurzem oft sogar von den indianischen Eltern selbst unterdrückt, um ihren Kindern keinen „Sprachnachteil“ zu schaffen, so gibt es seit einigen Jahren ernsthafte Bestrebungen, die Kinder in ihrer indigenen Muttersprache zu alphabetisieren und diese Sprachen auch für gewisse Studien (z. B. Lehramt, Medizin) als Pflicht- oder Freifach vorzuschreiben.

Es blieb dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens, Evo Morales vorbehalten, mit einer neuen Verfassung Bolivien zu einem Staat „mehrerer Nationen“ (plurinacional) zu deklarieren und den indigenen Völkern besondere Rechte einzuräumen , ein nicht nur symbolisch zu verstehender Meilenstein für die Bemühungen um den Erhalt der indigenen Kulturen.

So ist es auch nicht nur symbolisch zu verstehen, wenn die Zeit für Coca Cola sich in Bolivien dem Ende zuneigt (http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/3082289/bolivien-kuendigt-ende-kapitalismus-coca-cola.story), sondern als Zeichen der Emanzipation aus jahrhundertealten Kolonisationsstrukturen („descolonización“), Verwirklichung einer Realutopie. Eine andere Welt ist möglich. Man muss sie nur wollen.

Literatur:

Aurelio Turpo Choquehuanca: Estado plurinacional: reto del siglo XXI. Camino hacia la Asamblea Constituyente , Propuesta politica kechua tawantinsuyana. ISBN 99954-1-019-2

Aurelio Turpo Choquehuanca: La Descolonización: Hito histórico y político para la construcción de la sociedad comunitaria plurinacional del siglo XXI

http://www.blogger.com/profile/17523400176277681075

Fernando Mayorga: Dilemas. Ensayos sobre democracia intercultural y Estado Plurinacional , ISBN 978-99954-1-418-4

http://www.plural.bo/editorial/index.php?option=com_content&view=article&id=124:dilemas-ensayos-sobre-democracia-intercultural-y-estado-plurinacional&catid=35:sociedad&Itemid=352

http://www.allbookstores.com/Las-vias-emancipacion-Process-Emancipation/9781921438448



11:48 04.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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