"Das Placebo wirkt!"

Placebo (6) Dekonstruktion einer Zwecklüge Teil 5: Die Literaturangaben zu Größe und Häufigkeit des Placeboeffekts sind übertrieben, wenn nicht gänzlich falsch.
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Als Gunver Sophia Kienle die von Beecher verwendeten 15 Originalstudien erneut analysierte, fand sie zu ihrer Überraschung: Keine davon gab irgendeinen Anlass für die Annahme eines Placeboeffektes.1 Stattdessen stellte sie eine Vielzahl von Faktoren fest, die Placeboeffekte vortäuschen und die Illusion der Existenz eines Placeboeffekts erzeugen können. Diese Faktoren führte Kiene in einer Tabelle auf:

Natürlicher Verlauf der Erkrankung

Spontanheilung

Spontanschwankung

Regression to the mean

Begleitende Therapiemaßnahmen

Beobachter BIAS

Selektionseffekte

Skalierungseffekte

Irrelevante Prüfkriterien

Patienten BIAS

Gefälligkeitsauskünfte

Konditionierte Antworten

Neurotische oder psychotische Fehlurteile

Fehlende Placebogabe

Psychotherapeutische Effekte

Psychosomatische Effekte

Beispiele aus der Woodoo-Medizin

Unkritischer Umgang mit Anekdoten

Falsches Zitieren

Vortäuschung von Placebonebenwirkungen durch:

Alltagssymptome

Zitiereffekte

-- Fortbestehen der Symptome bei unwirksamer Behandlung” 2

Die Analyse einer Placebo-Übersichtsarbeit 3, die sich auf mehrere der eindrucksvollsten und (scheinbar) methodisch bestgesicherten Berichte und Studien über Placeboeffekte bezog, insgesamt 41 Literaturquellen. (19 zu klinischen und experimentellen Studien, 11 Übersichtsarbeiten und 5 spekulativ-philosophische Artikel) ergab ebenso wie die Analyse weiterer Publikationen 4 das Ergebnis, „daß die verbreiteten Literaturangaben zu Größe und Häufigkeit des Placeboeffekts in hohem Maße übertrieben, wenn nicht gänzlich falsch sind.“ 5

Nun ist dies etwas, was schon Hollister kritisiert hatte, der meinte, man sei zwar im allgemeinen gegenüber Berichten von Arzneimittelwirkungen sehr kritisch, doch Berichte angeblicher Placeboeffekte fänden immer große Begeisterung und kritik-lose Aufnahmebereitschaft 6 .

Auch Roberts bemängelte, daß unter dem Namen „Placeboeffekt“ („nonspecific effects“) eine Vielzahl von Faktoren zusammengefasst seien, denen keine echte Therapiewirkung entspreche. Er schrieb, daß der sogenannte Placeboeffekt ein Mythos sei, geboren aus fehlerhaften Wahrnehmungen, Missverständnissen, Mystik und Hoffnung: „… the so-called placebo effect is a myth born of misperception, misunderstanding, mystery, and hope.“7

Ein grundsätzliche Klarstellung zum kam vom Nordic Cochrane Center in Kopenhagen 8: Hrobjartsson und Götzsche haben 114 RCT-Studien gefunden, an denen außer der Verum und der Placebo-Gruppe noch eine dritte Gruppe von Patienten teilgenommen hat, die gar keine oder lediglich eine „übliche" Therapie erhalten hat. Aus diesen Studien haben sie dann extrahiert, wie es den mit Placebo behandelten Patienten im Vergleich zu denen ergangen ist, die gar keine zusätzliche Therapie erhalten haben. Das Ergebnis: Placebos hatten bei einer Reihe von Krankheiten keine messbaren Effekte auf den Verlauf.

Die Arbeit der Dänen ist ein Beispiel, wie man durch säuberliche Detektivarbeit eine gerne geglaubte These der Medizin als Mythos entlarvt. Begonnen hat das Projekt mit einer simplen Frage: Wo kommt der Glaube an die Kraft der Placebos eigentlich her? Die verblüffende Antwort: Quelle ist ein 1955 erschienener Artikel eines US-Arztes, der schlicht schätzte, dass „35 Prozent" der Patienten auf Place-bos reagieren. Obwohl diese Schlussfolgerung von vornherein fragwürdig war, haben Mediziner fast fünf Jahrzehnte lang diese Zahl in einer Art „stillen Post" von-einander abgeschrieben, aber bislang hatte niemand wirklich systematisch die Effekte von Placebos untersucht.“9

Etwas zu geben, das nach eigener Auffassung wirkungslos ist, stellt eine bewusste Irreführung des Patienten dar. Entgegen der häufigen Auffassung, dass eine solche Lüge der Heilung förderlich sei 10, muss betont werden:Die Placebogabe kommt auf 7 bis maximal 49% Therapieerfolg. Die Variabilität ließe sich vermutlich nachvollziehbar machen, wenn Kontexteffekte benannt werden, die in Verbindung mit der Placeboverabreichung angewendet wurden, was leider nicht üblich ist.

Wenn alternativmedizinische Verfahren nur nach dem Zufallsprinzip Erfolg hätten, wären stark schwankende Ergebnisse zu erwarten. Bei einem Verfahren wie der Psychosomatischen Energetik sind jedoch z. B. in einer multizentrischen Praxisstudie an 1002 Patienten relativ gleichförmige Resultate aufgetreten, die für die reale Wirkung des homöopathisch-psychosomatisch-feinstofflichen Therapieansatzes sprechen.

Hinsichtlich des Placeboeffektes muss gesagt werden: Literatur, die nicht zwischen Placebo- und Kontexteffekten unterscheidet, ist zwar weit verbreitet, aber als überholt und ungeeignet für eine Diskussion anzusehen, die auf mehr als die Wiederholung alter Standpunkte abzielt.

Man darf sich nicht wundern, wenn Homöopathen den Placeboeffekt als alleiniges Wirkungsmodell für homöopathische Arzneien für abwegig halten und die Diskussion darüber unergiebig: Sie erleben täglich, dass es bei gleichem Kontext Unterschiede in der Therapie gibt. Wenn die Zustimmung zu Placeboeffekten der Homöopathie als geeignet zum Bau einer “Brücke zur Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses“ gehalten wird, wäre es eher für Vertreter der konventionellen Medizin angebracht, sich darum bemühen, die Homöopathie zu verstehen; Homöopathen wissen in der Regel, wie man schulmedizinisch arbeitet, umgekehrt gilt dies eher nicht.

Wenn ein homöopathisches Mittel als Placebo bezeichnet wird, weil nur eine extrem geringe Quantität an “Wirkstoff” enthalten ist, Homöopathen aber die Auffassung haben, dass physikalische Alterationen im Mittel vorhanden sind und wirken, die nicht mit den Methoden fassbar sind, mit denen allopathische Mittel überprüft werden, stimmen die Definitionen nicht überein. Da Therapeuten wenig darin trainiert sind hinsichtlich der Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, einer affektiven Teilkompetenz sogenannter interkultureller Kompetenz, die notwendig ist, um eine „Pluralität von Rationalitäten“11 anerkennen zu können, erklärt dies einen beträchtlichen Teil der Rivalität zwichen Schul- und Komplementärmedizin.

Kultur- und Sozialwissenschaftler (Anthropologen, Ethnologen, u.a.) brauchen für den Akt des interkulturellen Miteinander-Sprechens untereinander und mit den zu erforschenden Populationen Kommunikationsmuster von pragmatisch-kommunikativer Kompetenz. Die Kommunikation zwischen Personen unterschiedlicher So-zialisation setzt Kompetenzen voraus: kognitive, affektive und pragmatisch-kommunikative Kompetenz. Ambiguitätstoleranz bedeutet, durch Selbstreflexivität mit den Widersprüchen zwischen dem eigenen Werte- und Normensystem und dem des Gegenübers zurecht zu kommen, statt in Sprachlosigkeit, Ablehnung oder Missverständnissen verhaftet zu bleiben.

Die Schulmedizin steht der Homöopathie eindeutig ohne Ambiguitätstoleranz gegenüber, vergleichbar einem Migranten, der in der Fremde aufgrund Bildungsferne auf dem Kommunikationsniveau seines Heimatlandes verhaftet geblieben ist und ohne Dolmetscher keine Besorgung machen kann.

So hat Reinhard Lasser zu Recht zum Verhältnis der naturwissenschaftlichen Medizin zur Homöopathie folgende Aussage getroffen: „Ob eine Aussage richtig oder falsch ist, wird innerhalb eines Paradigmas überprüft, nicht von einem anderen Paradigma aus. Ob es nur sieben oder mehr Planeten gibt, kann ich nur feststellen, wenn ich durch ein Fernrohr blicke. Ob und wie homöopathische Mittel wirken, kann ich nur erfahren, wenn ich eine homöopathische Arzneimittelprüfung am Gesunden durchführe, bzw. Kranke nach homöopathischen Gesichtspunkten behandle. So, wie sich die Kirchenleute am Beginn der Neuzeit beharrlich geweigert haben, durch ein Fernrohr zu blicken und darauf beharrten, dass es nur sieben Planeten geben könne, weigern sich die Vertreter der naturwissenschaftlichen Medizin beharrlich, die Daten der homöopathischen Arzneimittelprüfungen und Behandlungen zur Kenntnis zu nehmen, weil sie sonst die alleinige Gültigkeit (nicht die Richtigkeit) ihres Paradigmas in Frage stellen müssten.12

1 Kienle GS (1995); Der sogenannte Placeboeffekt. Illusion, Fakten, Realität. Schattauer, Stuttgart.

2 Kiene (2001), S. 142.

3 Bodem SH (1994) Bedeutung der Placebowirkung in der praktischen Arzneitherapie.Pharm Z 139: 9–19

4Roberts AH, Kewman DG, Mercier L, Hovell M (1993) The power of nonspecific effects in healing: implications for psychosocial and biological treatments. Clin Psychol Rev 13: 375–391.

5 Kienle GS, Kiene H (1996) Placeboeffekt und Placebokonzept – eine kritische methodologische und konzeptionelle Analyse von Angaben zum Ausmass des Placeboeffekts. Forsch Komplementärmed 3: 121–138

6 Hollister L (1960) Placebology: sense and nonsense. Curr Ther Res 2: 477–483

7 Roberts AH (1995) The powerful placebo revisited: the magnitude of nonspecific effects. Mind/Body Medicine March: 1–10.

8 Asbjørn Hróbjartsson, M.D., and Peter C. Gøtzsche, M.D.: Is the Placebo Powerless? — An Analysis of Clinical Trials Comparing Placebo with No Treatment N Engl J Med 2001; 344:1594-1602 May 24, 2001

9 Koch, Klaus: Placebo: Ein Mythos wird entzaubert. Aus: Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe 34-35 vom 27.08.2001, Seite A-2156 / B-1866 / C-1742

10 Brody H (1982) The lie that heals: The ethics of giving placebos. Ann Intern Med 97:112–118)

11 Collins H.M. / Pinch T.J. (1982) : Frames of meaning, The Social Construction of Extraordinary Science, London

12 (Lasser, Reinhard : Homöopathie als Bestandteil einer integralen Medizin; In: members.aon.at/integrale-medizin.at/homoeopathie_aus_integraler_sicht.htm

13:28 18.09.2011
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bertamberg

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bertamberg

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