Streitbare Ein-Personen-Interdisziplinarität

Geniale Menschen (1) 2013 ist das Jahr des 40. Todestages von Eugen Rosenstock-Huessy. Der Jurist, Staatsrechtler und Soziologe war ein querdenkender Universalgelehrter des 20. Jahrhunderts.
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Gestern vor 40 Jahren und zwei Monaten starb Eugen Rosenstock-Huessy. Über seinen Lebensweg und seine berufliche Laufbahn schrieb er einmal:

"Der Atheist wünschte, ich sollte in die Theologie verschwinden. Die Theologen meinten, ich sei wohl ein Soziologe, die Soziologen murmelten: wahrscheinlich ein Historiker. Die Historiker waren darob entsetzt und riefen: ein Journalist. Aber die Journalisten verdammten mich als Metaphysiker. Die Metaphysiker ihrerseits hielten Wache am Tor der Philosophie und fragten bei den Staatswissenschaftlern meinetwegen an. Die Juristen sind ja schon im Mittelalter als schlechte Christen bekannt gewesen, und so wünschten sie mich in die Hölle. Damit konnte ich mich schliesslich einverstanden erklären, denn als Mitglied der gegenwärtigen Gesellschaft kommt unserseiner aus der Hölle ja nur für Augenblicke heraus." [http://erhg.org/DE/Zitate)

Der Philosoph Peter Sloterdijk nannte Eugen Rosenstock-Huessy (R.-H.) in seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Sigmund-Freud-Preis 2005 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 5. 11.2005 in Darmstadt den "bedeutendste[n] Sprachphilosoph[en] des 20. Jahrhunderts ..., so viel man auch zugunsten Heideggers, Wittgensteins, Searles oder Derridas vorbringen mag".

Hans-Ulrich Wehler formulierte: "Eugen Rosenstock-Huessy ist der einzige geniale Mann, den ich bisher kennengelernt habe." [http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/hwehler/Publikationen.html]

R.-H. sah schon 1919, dass der Erste Weltkrieg die Menschheit unter den neuen epochalen Imperativ gestellt habe, den Weg des Friedens zur Einheit der vielstimmigen und ungleichzeitig lebenden Menschheit zu beschreiten, ein Ziel, das aber nur multiform und polyphon erreicht werden könne, keineswegs aber uniform und monophon. R.-H. verstand die Prinzipien der naturwissenschaftlichen Forschung und der Arbeitsteilung als Hindernisse auf diesem Weg, denn der Mensch agiere nicht als Objekt und ein Spezialist könne nicht ein Ganzes bewirken. Folgerichtig verzichtete er auf mehrere ihm angebotenen Karrierewege und nahm schließlich zur Existenzsicherung eine Professur in Breslau an.

R.-H. formulierte eine auf "sozialer Grammatik" beruhende Soziologie und sah das menschliche Leben eingebettet in einen Sprachprozess, in dem die Fähigkeit zum Hören und Antworten auf die unterschiedlichsten Imperative sich entfalte.

R.-H. befürchtete schon 1919 im geistigen Nachkriegsklima die Entfaltung eines "Lügenkaisertums" als Potentialität, und als der erste deutsche Lügenkaiser 1933 inthronisiert war, erklärte R.-H. nach zwei Tagen, dass weiter in Deutschland zu bleiben ihm nicht mehr möglich sei , sagte alle Lehrveranstaltungen ab, ließ sich beurlauben und emigrierte am 9.11.1933 in die USA, wo er sich 1941 einbürgern ließ.

Fazit: Ein Lebenswerk, das gegen den Strich des jeweiligen Zeitgeistes aus einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit philosophischen Ansätzen und Weltbildern, langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen und individuellen Phänomenen und Ausprägungen menschlicher Existenz über die letzten Jahrtausende hinweg Gesellschaftskritik übte und Zukunftshoffnung zu ermöglichen suchte.

15:34 25.04.2013
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bertamberg

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