Trostlose (Krebs-)Medizin

Rezension Eine Karfreitags-Meditation
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In Mukherjees Bestseller 1 über die Geschichte und Hoffnungen der “Onkologie, einer von vornherein trostlosen Disziplin” wird an einer Stelle die Trostlosigkeit besonders deutlich (S. 210).

Mukherjee berichtet über Bea Sorenson, eine 76-jährige Patientin mit Pankreaskrebs. Ihr Tumor mit 4cm Durchmesser war operiert worden, konnte aber nicht vollständig reseziert werden. Danach erfolgte eine Bestrahlung, anschließend Chemotherapie mit dem Zytostatikum 5-Fluoruracil. Dennoch wuchs der Tumor, der Umstieg auf Gemcitabin brachte keine Verbesserung, sondern schmerzhafte Lebermetastasen. “Zeitweise hatten wir den Eindruck, der Patientin wäre es ganz ohne Chemo besser gegangen” (Trostlosigkeit Nr. 1) Für die zierliche (40 kg,140 cm) Patientin flehte ihr Mann um einen weiteren Behandlungsvorschlag: “Sie ist zu allem bereit, zu allem. Sie ist viel stärker, als sie wirkt” (Trostlosigkeit Nr. 2). Nach Mukherjee “gab [es] nichts mehr, das wir versuchen konnten” (Trostlosigkeit Nr. 3), aber er fühlte sich “nicht imstande, die naheliegenden Themen anzuschneiden [Trostlosigkeit Nr. 4]. Der Oberarzt der Station rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her” (Trostlosigkeit Nr. 5). Die Patientin interpetierte das Schweigen der “Experten”: “Also sind wir hiermit wohl am Ende angelangt” (Trostlosigkeit Nr. 6). Mukherjee: “Wir ließen beschämt die Köpfe sinken” (Trostlosigkeit Nr. 7). “Es war, vermutete ich, nicht das erste Mal, dass ein Patient einen Arzt tröstet, weil dessen Disziplin versagt hat” (Trostlosigkeit Nr. 8).

Das Trostloseste (Nr. 9) an dieser Anekdote ist jedoch die Überzeugung Mukherjees und seiner Kollegen, "alles zu wissen", die hier deutlich und widerlegt wird. Könnte man nicht erwarten, dass ein Pulitzer-Preisträger über Therapieangebote (s. unten) besser informiert ist? Könnte man nicht erwarten, dass ein Krebstherapeut auch etwas von banalen Dingen wie Gesprächsführung und Psychoonkologie versteht?

Mukherjee versäumt zwar nicht, an passender Stelle darauf hinzuweisen, dass nur ein zwanzigstel der Summe (500 Mio US-$), die in die Erforschung der Virus-Hypothese bei der Krebsgenese geflossen ist, im gleichen Zeitraum in den 60er Jahren für die Forschung über Ernährungseinflüsse und Krebsgenese vom NCI ausgegeben worden ist (S. 236). Deutlich wird auch, dass die Suche des NCI nach der Universalallzweckwaffe gegen Krebs die Bemühungen um Vorbeugung gegen Krebs „gänzlich vernachlässigt“ habe (S. 302).

Fritz Pleitgens Bemerkung über die „Wissensfülle, die Vertrauen schafft“ ist eine Fehlannahme, eher geeignet, Hoffnungen von Krebskranken pleite gehen zu lassen. Denn die Zielsetzung Mukerjees „Lebensverlängerung“ ( S. 15) ist nicht immer zu erreichen, ihre Benennung eine Fata morgana, der nachzujagen Therapeuten wie Patienten allzugern in nicht sehen-wollender Verzweiflung bereit sind. Die obligat anzustrebenden Ziele der Sinnfindung, der Verbesserung der Lebensqualität, des Wandels krankmachender Faktoren in der Lebensführung und der Einstellung etc. , wie sie von anderen Therapeuten2 benannt werden, werden wenig thematisiert.

Insofern stimme ich Frau Zinkant zu, die schrieb: “Denn bei allen begrenzten Erfolgen, die in der Krebsmedizin inzwischen erkennbar sind: Die Onkologie ist auch heute nicht vor Hybris gefeit. Sie stößt auf vielen Feldern an Grenzen, für deren Überwindung es wieder neuer Ideen bedürfte. Dazu jedoch hält Mukherjee sich bedeckt, anders, als wenn er etwa das Ringen um Aufmerksamkeit, Geld und politischen Einfluss beschreibt.” 3

Folge dieser Hybris und bezeichnend ist auch, dass jemand wie William Frederik Koch (1885-1967), der als Universitätsdozent an medizinischen Hochschulen in Michigan und Detroit tätig gewesen war, dem mit dem Einsatz sog. freier Radikale schon vor 1920 aufsehenerregende Erfolge bei therapieresistenten Krankheiten (Krebs, Multipler Sklerose, Virusinfekten, poliomyelitischer Lähmung, fortgeschrittener Tbc, schweren Fällen von Allergie) gelungen waren. überhaupt nicht erwähnt wird. Detroit (wo Koch tätig war) war im Beobachtungszeitraum von 1920-1929 die einzige von sechs Großstadten der USA, in der die Krebsmortalität abnahm (um 20 %), während in in Los Angeles und Philadelphia ein Anstieg um 30% erfolgte.4

Wenn ich jedoch lese: “Immer aber ist Krebs ein Teil des physischen Selbst, der über dieses Selbst hinauswächst, es überholt – sein „König“ wird.” 5 dann frage ich mich: Wie, nur das? Nach Victor von Weizsäcker gilt: “Nichts psychisches ohne Leib, nichts Organisches ohne Sinn.” Und da liegt die nicht (???) abwegige Deutung auf der Hand, dass der Krebs als Teil des psychischen Selbstes das auf der körperlichen Ebene bewirkt, was sein menschlicher Wirt auf der seelischen Ebene versäumt hat zu tun: Über sich hinauszuwachsen. Aber ein auf Zellularpathologie fixierter Naturwissenschaftler hat noch nie ein Stückchen Seele in einer Zelle gefunden, geschweige denn woanders, von daher liegt das jenseits seines Begriffshorizontes, auch jenseits Mukherjees Medizinverständnis.

Lothar Hirneise weist darauf hin, dass die einzigen dokumentierten Fälle von Heilungen bzw. Langzeitüberlebenden bei Pankreaskarzinomen im Zusammenhang mit folgenden Therapiearten zu finden sind: Nutritherapie, Ernährungsumstellung nach Dr. Budwig / Dr. Gerson, Prof. Julius Hackethal und das Therapie-Programm nach Dr. Kelley / Dr. Gonzales. 6

Dr. Gonzales hatte vom National Institut of Health 1999 1,4 Mill. US-$ zur Verfügung gestellt bekommen, um seine Therapie mit anderen Pankreaskrebstherapien zu vergleichen. In seinem Buch “One Man Alone” konnte er zeigen, dass seine Therapie besser war als der Chemo-Standard, bei dem nach 19 Monaten alle Patienten tot waren. 7

Als „Belohnung“ bekam er eine Reihe von bevormundenden behördlichen Auflagen für seine Berufsausübung beschert.

Seit 2000 Jahre glauben Christen, dass Jesus das Kreuz auf sich genommen hat, einen Opfertod gestorben ist, damit auch andere aus der Kraft der Liebe leben können. Wie die Schwaben sprichwörtlich sagen: „Es ist schon so lange her, dass es bald nicht mehr wahr ist.“ Heute ist eher wahr: Kranke Menschen sterben, weil sie an den Mythos von der unfehlbaren Wissenschaft (der die naturwissenschaftliche Medizin einschließt) glauben, deren Pastoralassistenten und Hohepriestern vertrauen und sie bezeugen dies mit ihrem Opfertod, nachdem sie sich freiwillig den Versprechungen angeblich medizinischen Fortgeschrittenseins ausgeliefert haben:

Pankreaskrebs ist nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft für sechs Prozent aller Krebstodesfälle verantwortlich. Für Frauen ist er die neunthäufigste, bei Männern die zehnthäufigste Todesursache durch Krebs. Dabei kommt er relativ selten vor. Rund 6400 Männer und 7000 Frauen erkranken in Deutschland jedes Jahr. Meist trifft es Menschen im Alter von 60 bis 70 Jahren. Für England wird eine 5-Jahres-Überlebensrate von 3% angegeben, diese Rate ist seit 40 Jahren nicht verbessert worden. Pankreaskrebs ist die fünfthäufigste Todesursache bei Krebspatienten, aber nur 1% der Forschungsgelder werden speziell dagegen eingesetzt. 8 In den USA sterben mehr als 26000 Menschen pro Jahr an diesem Krebs (4. Platz bei Männern, 5. Platz bei Frauen). Die 5-Jahres-Überlebensrate ist die niedrigste von allen Krebsarten.9

Wirklicher Fortschritt bedeutet nach Brecht aber: Fortschreiten. Fortschreiten wovon?

Bernard Lown vermutet, dass „nur etwa 25 % aller Patienten“ von amerikanischen Ärzten erfolgreich behandelt würden, jedoch 75 % mit Problemen kämen, „die für die medizinische Wissenschaft nur schwer lösbar“ seien. 10

Berücksichtigt man, dass erst 1899 mit der Einführung des Aspirins die Epoche der industriell erzeugten chemischen Medikamente begann und nach Auffassung von Henry Simmons, dem Leiter des Food and Drug Administration's Bureau of Drugs im Jahr 1956 „der Anfang vom Ende des Drogenzeitalters“11 begonnen hatte, weil im Vergleich zur ersten Hälfte des Jahrhunderts immer weniger wirklich neue Medikamente entwickelt wurden, dann stellt ein Anteil von 75% Patienten, die durch die verbreitete wissenschaftliche Medizin nur eine unbefriedigende Behandlung erfahren, eine kritische Marke dar. Nach Illich markiert das Jahr 1913 eine „Wasserscheide in der Geschichte der modernen Medizin“, weil erstmals eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit bestand, Standardkrankheiten mit naturwissenschaftlicher Medizin erfolgreich zu behandeln. Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts habe die Medizin jedoch „eine zweite Wasserscheide überschritten und selbst neue Krankheiten verursacht“, die jedoch quantitativ schwer oder gar nicht fassbar seien, „beispielsweise Selbsttäuschung, soziale Kontrolle, verlängertes Leiden, Einsamkeit, genetischer Verfall und Enttäuschung“.12

Hier anknüpfend könnte man das Jahr 1997 als dritte Wasserscheide der modernen Medizin auffassen, als Umschlagpunkt im kollektiven gesellschaftlichen Bewusstsein, bedingt auch als Konsequenz enttäuschter Heilversprechen und Versuch des autonomen Handelns. Für das Jahr 1997 gilt: "In den USA überschreitet seit 1997 die jährliche Zahl der Konsultationen bei alternativen Behandlern die Zahl der Besuche bei allen anderen niedergelassenen Ärzten."13

Das Fortschreiten hält an. 14 Nach Bert Brecht gilt: “Wirklicher Fortschritt ist, was fortschreiten ermöglicht oder erzwingt.“ Wenn wir Fortschritt neu definieren, dann kann vielleicht auch wieder Ostern gefeiert werden.

Fußnoten:

1 Mukherjee, S. (2012): Der König aller Krankheiten, DuMont Köln

2 Karl-Heinz Braun von Gladiß (2001): Krebskranke Menschen in ganzheitlich-medizinischer Behandlung. Eine persönlich geprägte Schrift über Behandlungsgrundsätze und -methoden die sich für mich in der Praxis der Therapie krebskranker Menschen bewährt haben. Erklärungen für meine Patienten und Anregung für andere Therapeuten. Eigenverlag Teufen ISBN 3-9522010-0-6; Lodewijkx, A.J. (2001).: Leben ohne Krebs, Sensei Verlag Kernen, 2. Auflage

3 www.freitag.de/wochenthema/1208-ein-abbild-unseres-selbst)

4 W.F. Koch (1966): Das Überleben bei Krebs- und Viruskrankheiten. Das Schlüsselprinzip ihrer Heilbarkeit. Haug Heidelberg, S. 61; Statt sich weiter von orthodoxen, auf Röntgen- und Chirurgietherapie fixierten Medizinern anfeinden zu lassen zog Koch es 1950 vor, ins medizinische Exil nach Brasilien zu gehen. Vgl. www.reiko-pharma.de/files/einfuehrung-molekulartherapie-william-frederick-koch.pdf; www.windstosser.ch/museum/manuskript/aufklaerung/25.pdf)

5 Vgl. FN 3

6 Lothar Hirneise: Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe - 3E Programm - innovative erfolgreiche Krebstherapien, Kernen 2002, ISBN 3-932576-67-5, S. 353

7(ebd. S. 633f). (www.amazon.com/One-Man-Alone-Investigation-Nutrition/dp/0982196512/ref=cm_rdp_product)

8 https://en.wikipedia.org/wiki/Pancreatic_Cancer_Action

9 www.ualberta.ca/~loewen/Medicine/GIM%20Residents%20Core%20Reading/GALLSTONES,%20PANCREATITIS,%20PANC%20CA/PANCREATIC%20CA%20-%20AGA.pdf

10 Lown, B. (2003): Die verlorene Kunst des Heilens – Anleitung zum Umdenken, Suhrkamp TB 3574, Stuttgart, S. 157f

11 zit. n. Illich, Ivan (1977/1995): Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. C.H. Beck, München, 4. überarbeitete und ergänzte Auflage, erstmals erschienen 1975 unter dem Titel "Die Enteignung der Gesundheit" im Rowohlt Verlag / Reinbek S. 54

12 Illich, Ivan (1975/1998): Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. C.H. Beck, München, S. 22f.

13 zit. nach: Melchart D. (2002): Interesse, Akzeptanz und Inanspruchnahme von Naturheilverfahren. In: Melchart D, Brenke R, Dobos G et al: Naturheilverfahren. Stuttgart, Schattauer, S. 21

14 Als patientenorientiertes Buch mit vielen praktikablen Anregungen ist auch empfehlenswert: Rau, Dr. med. Thomas (2007): Biologische Medizin - die Zukunft des natürlichen Heilens, Lenzburg/CH 2007, ISBN 978-3-03780-803-0 (auch in englisch erhältlich)

00:18 04.04.2012
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bertamberg

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