Vollendet: Die Paywall steht

Aufreißertitelzeile Sollen Blogbeiträge zu Printartikeln künftig nur nach 14 Tagen möglich sein?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sogar ich als Abonennt der Printausgabe (seit Beginn der Freitags-Ära und noch davor) kann die aktuelle Freitagsausgabe nur teilweise online einsehen.

Soll die "Freitag-Community" als Paralleluniversum zur Printausgabe etabliert werden? Soll das künftig so bleiben ? Ich habe die Diskussion um die Paywall nicht verfolgt, kann sein, dass mir da etwas entgangen ist.

Die Aufreißertitelzeile fordert mich zu Kritik heraus:

Wahnsinn wird immer alltäglicher. Das freut den Arzt - und schadet der Gesellschaft.

Unter dieser Schlagzeile neben einer Onkel-Donald-Witzblattfigur, die sich zornesrot echauffiert, passend vor hellrotem Hintergrund wird auf folgende Artikel der aktuellen Ausgabe hingewiesen.

"Ein Fall für den Psychiater? Psychische Störungen - Verrückt ist leider normal" von Kathrin Zinkant

"Je höher der Status, desto öfter Burn-out" - Ulrike Baureithel im Gespräch mit der Neurologin Ilse Hauth.

Die Gesetzmäßigkeiten der andauernden Wirtschaftskrise ( (Michael Jäger)

Ich verneine entschieden, dass diese Artikel eine solche Headline und Titelgrafik verdient haben. Etwas als "Wahnsinn" Etikettiertes wird sensationsjournalismusmäßig aufgespießt, dem Tenor der Artikel wird ein Bärendienst erwiesen. Ist es nicht auch Wahnsinn, die Bildzeitung plagiieren zu wollen?

Berufsgruppenbashing und Feindbildkultivierung - soll "Der Freitag" als ein Medium der üblen Nachrede und der Neidkampagnen etabliert werden? Ich frage: Wer hat diese Headline verbrochen?

Das was Zinkant relativ unkommentiert als "verrückt" beschreibt, sind nur Reaktionen innerhalb eines Verhaltensspektrums, zu denen Menschen finden, wenn sie keine anderen Reaktionsmuster kennen oder zu keinen anderen fähig sind.

Außerdem - dass solche Entwicklungen die Ärzte erfreuen, das wäre noch zu belegen. Ganz im Gegenteil wird bei Ulrike Baureithel deutlich, dass die Psychiater zu wenig Geld für ihre Tätigkeit bekommen, obwohl sie die Hauptarbeit der Behandlung leisten (70%). Es könnte vielleicht die psychologischen Therapeuten freuen, weil sie für 17% Behandlungsanteil 44 % der Honorare einstecken, und das könnte man auch kritisieren. Aber darum scheint es nicht zu gehen, wenn Ärzten pauschal denunziatorisch unterstellt wird, sie freuten sich über die Zunahme an Pathologien.

Man könnte auch unterstellen, dass Journalisten sich über schlechte Nachrichten freuen, weil schlechte Nachrichten sich besser verkaufen als gute ("bad news are good news"), aber wo kann man solche Selbstkritik lesen?

Und ob diese Entwicklung schlecht für die Gesellschaft ist, ist auch fraglich: Wenn eine Gesellschaft alles über Geldwerte definiert, es egal ist, ob Rendite und Steuern für private Ausgaben oder Ausgaben des Bundes- und Landeshaushaltes über Kohlebergbau oder psychotherapeutische Betreuung gewonnen werden, ist das eine Fehlentwicklung. Aber: Je höher der Anteil an psychisch Kranken, die nicht mehr im Erwerbsprozess tätig sein können, umso schneller ist vielleicht zu erwarten, dass Leistungsnormen in Frage gestellt werden und Anforderungsprofile überdacht werden oder frustrierte Menschen sich gegen Ausbeutung anfangen zu wehren. Das ist seit langem überfällig, Blockupy nur ein schwaches Vorspiel, wäre das nicht eine erfreuliche Perspektive?

14:26 07.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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