Wissenschaft nach Potemkin'scher Manier (2)

Unredliche Medizin 2 Der medizinische Fortschritt hat ein enormes Tempo. Leitlinien sollen Ärzten Orientierung geben, aber Statistik- und Leitlinienfälschung ist ein ernsthaftes Problem.
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Menschen, die therapeutische Entscheidungen auf evidenzbasierte Medizin (EBM) stützen möchten, fordern, dass im konkreten Einzelfall entsprechend den mittlerweile in schwer überschaubarer Vielfalt vorhandenen Leitlinienempfehlungen vorgegangen wird. Dass auf diese Weise von vornherein viele Therapieerfahrungen gar nicht genutzt werden, weil sie nicht in Leitlinien dokumentiert sind, wird als vernachlässigbares Problem gesehen. Dabei ist jeder kranke Mensch ein Individuum, das in einer bestimmten Lebenssituation krank geworden ist und nicht eine Montagsproduktion, bei der in einer Rückrufaktion mit einer bestimmten Maßnahme ein Serienfehler behoben werden könnte.

Der Arzt Peter Cornelius schrieb: "Nach 40 Jahren Erfahrung mit der Homöopathie kann ich ... eindeutig feststellen, dass Doppelblindstudien zur Beurteilung der Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln unbrauchbar sind, da es eine ausgesprochene Seltenheit ist, zwei Patienten zu finden, bei denen die gleiche homöopathische Behandlung indiziert ist, geschweige denn eine so große Anzahl, wie sie benötigt würde, um statistische Aussagen zu machen." (Nosoden und Begleittherapie, München 2005, S. 10)

Wenn jetzt bekannt wird, dass mittlerweile verschiedene Fälle von "Leitlinienirrtum" (beschönigend ausgedrückt) vorkommen und allein eine Leitlinie der europäischen Kardiologen in Europa Tausende von Todesfällen verursacht haben soll, weil die Nebenwirkungen von Betablockern (einem gängigen Mittel gegen Herzbeschwerden und Bluthochdruck) durch Wissenschaftler falsch dargestellt worden sind, ist ein qualitativ neues Niveau kollektiven Betrugs dokumentiert. In der FAZ vom 28.8.2013 berichtete Martina Lenzen-Schulte darüber aktuell.

Schon 2010 hatte es Hinweise gegeben, dass pharmazeutische Unternehmen Studienprotokolle zu ihren Gunsten beeinflussen. (1)

Die Autorin kommt in einer neuen Studie zum Schluß, dass “auch gegenüber deutschen Leitlinien eine gesunde Skepsis angebracht ist”. (2)

Mittlerweile findet sich auch im traditionsreichen British Medical Journal eine diesbezügliche Studie (3) . Wenn das BMJ schrieb, dass in 71 bis 90,5% der veröffentlichenden Ärzte finanzielle Interessenkonflikte bestünden, bedeutet dies, das nur in 9,5 bis 29% der Studien davon auszugehen ist, dass unabhängige Forschungsergebnisse vorliegen. ("A recent survey found that 71% of chairs of clinical policy committees and 90.5% of co-chairs had financial conflicts.")

Ob es helfen wird, dass die AWMF mittlerweile Empfehlungen der AWMF zum Umgang mit Interessenkonflikten bei Fachgesellschaften herausgegeben hat, wird sich zeigen.

Dir Praxis lehrt vor allem eines: Hat ein Medikament es erstmal geschafft, ins individuelle ärztliche Unbewusste vorzudringen, bleibt es dort und findet immer wieder den Weg auf den Rezeptblock, was auch immer dagegen publiziert wird.

Patienten müssen wissen: "Ärzte geraten immer wieder in ein Handlungsdilemma: Wenn Sie die Leitlinie anwenden, kann es ihren Patienten schaden. Behandeln sie nicht leitliniengetreu, kann es ihrer Karriere schaden. Letzteres hat die ungute Konsequenz, dass Ärzte Leitlinien befolgen, obwohl sie nicht an deren Wissenschaftlichkeit glauben."

Wer noch glaubt, es sei leicht, einen guten Arzt zu finden, hat entweder Glück gehabt, sein Pech noch nicht realisiert oder noch nicht wirklich gesucht.

Der aktuelle bundesweite Transplantationsskandal in Göttingen – lang ist es her, dass ich dort studiert habe - hat zumindest eines deutlich gemacht: Der Angeklagte hat bescheinigt bekommen, als Transplanteur herausragend gewesen zu sein, aber ohne Empathie, Mitgefühl und Humanität.

Ist Empathie überhaupt leitlinienkonform? Ist Mitgefühl einem Arzt karriereförderlich oder nicht? Können medizinische Probleme allein mit Technik gelöst werden? Wie soll die Humanität einer medizinischen Behandlung sichergestellt werden?

PN an Merdeister: Auf welcher Seite des Dilemmas stehen Sie aktuell?



11:35 06.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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