Zeitgemäßes Lernen - Wie raus aus der Tinte?

Bildung 2.0 "Das Ende der Kreidezeit", die "Schlacht um Digitalien" , ein Plädoyer für zeitgemäßes Lernen" ist das Titelthema der aktuellen Freitag-Ausgabe.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mit Tablets der Kreidezeit ein Ende setzen – das setzt voraus, was Steffen Ganders erwähnt: "Für den sinnvollen Einsatz im Unterricht braucht es ein ausgefeiltes methodisch-didaktisches Konzept. Nur dann kann man die Technologien gut einsetzen – und die Lehrer mitnehmen."

Wieso wird hier nicht thematisiert, wer diese Konzepte erstellen soll? Wieso wird hier im Freitag dem Hirnforscher Manfred Spitzer das Prädikat "digitaler Gulag" untergejubelt, eine Studienabbrecherin und Softwareentwicklerin wie MdB Saskia Esken aber als Engelsbotschafterin eines erstrebenswerten digitalen Paradieses verklärt?

Wieso wird hier den Lehrern und Pädagogen pauschal unterstellt, ahnungslos, technologieskeptisch bis – feindlich zu sein? Kann es nicht sein, dass es gute Gründe dafür gibt, erst manuelle Fähigkeiten einzuüben, bevor Tastaturen bedient werden? Wer wie die Bundesregierung Kleinkinder als Zielgruppe für digitale Angebote im Blick hat, ist von allen pädagogischen Geistern verlassen und anscheinend fest im Lobbygriff der Hersteller und Ausspähstrategen, die für einen transparenten Kunden von der ersten bis zur letzten Pampers-Lebensperiode alles dazu Dienliche als Fortschritt zu bejubeln bereit sind.

Wieso wird hier nicht problematisiert, dass Jugendliche, die bis zu 300 mal ihr Smartphone zum Checken von Nachrichten pro Tag ( also ca. jede halbe Stunde) benutzen schlicht internetabhängig sind oder auf dem besten Weg, es zu werden?

Woher soll denn kritisches Denken, Kommunikationsfähigkeiten und Kreativität kommen, wenn sie primär über die virtuelle Welt eintrainiert werden sollen und außerhalb des Bildschirms nicht wahrgenommen werden?

Wenn Kinder in der Entwicklung von eigener kreativen Phantasie unterstützt werden sollen, dann ist damit anzufangen, den kleinen Kindern vorzulesen, damit sie die Geduld aufbringen, beim Vorlesen hinzuhören und den allmählichen Gang einer Geschichte nachzuvollziehen und in eigene innere Bilder zu übersetzen

Es ist jetzt schon aktenkundig, dass allen gutgemeinten Präventionsprogrammen zum Trotz 40% der Schüler schon übergewichtig sind und unter Haltungsschäden leiden, Mangel an Koordinationsfähigkeit aufweisen, dazu auch Mängel an motorischer Geschicklichkeit, an Beweglichkeit und Muskelmasse.

Es ist klar belegt, dass Lernen an Bewegung geknüpft ist, an verschiedene Lernkanäle, nicht nur die visuelle und auditive Wahrnehmung entscheiden, sondern die Kanäle der praktischen Anwendung und des haptisch-kinästhetischen Erlebens sind essentiell nötig, um Lernerfahrungen anhaltend als Fähigkeit zu verankern.

Trotz aller Pädagogikreformversuche der letzten 50 Jahre dominiert die abstrakt-verbale Wissensvermittlung immer noch das pädagogische Geschehen, und jetzt soll ein zusätzliches Abstraktionsmedium die Situation retten?

Es wird von vielen Ausbildern beklagt, dass das Niveau der Schulabgänger aller Schultypen gefallen ist und das liegt nicht an zu wenig Medien im Unterricht, sondern an der jetzt schon bestehenden Reizüberflutung der sog. Informationsgesellschaft.

Ich bilde als Selbständiger seit fast dreißig Jahren aus, meine Frau ist als Lehrerin seit 20 Jahren im Sek I und II-Bereich an drei verschiedenen Schulen tätig gewesen, meine drei Kinder haben alle an verschiedenen Gymnasien Abitur gemacht, und was wir feststellen müssen, ist, dass Lehrern mittlerweile alles Mögliche an Verwaltungsbürokratieunsinn aufgebürdet worden ist und zu wenig Zeit für die wirkliche pädagogische Arbeit vorhanden ist, ganz abgesehen davon, dass die Klassen viel zu groß sind, um gute Arbeit zu leisten.

Das führt dann dazu, dass ich bei Azubis mit Hauptschulabschluss feststellen muss, dass Lehrstoff aus der Grundschule ungenügend eingeübt ist, dass Eltern denken, jedes Kind hätte einen Anspruch, aufs Gymnasium zu gehen und Lehrer gezwungen sind, in der Unterstufe gnadenlos Schülerzahlen zu reduzieren, was sogar dazu führt, dass Kinder mit überdurchschnittlichem IQ als "Minderleister" das Klassenziel nicht schaffen ( wie meine beiden Jungs), und sogar meine Tochter, deren Spezialität ihre Fähigkeit zu logisch-abstraktem Denken ist, sich von einer überforderten Lehrerin in der Mittelstufe sagen lassen musste, dass sie nicht gymnasialfähig sei und dann ein Abitur mit einer eins vor dem Komma hinlegte, obwohl sie im letzten Jahr nichts mehr für die Schule an Hausaufgaben machte.

Also: Das deutsche Schulsystem sitzt tief in der Tinte, aber die Gesellschaft, die schon in der vorschulischen Kinderbetreuung die falschen Priorität gesetzt hat, die Zustände installiert hat, in der Kinder als realer Kostenfaktor Eltern überfordern, zunehmend Kinder in Armutsverhältnissen leben und die Anzahl der Kinder wegen fehlender "Gebärfreudigkeit" absolut zurückgeht, muss erst mal die Frage beantworten, welche Werte in dieser Gesellschaft denn gelten sollen, in der der Shareholder value politisch gefördert ist und der Sparzwang der öffentlichen Hand in Union mit der Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer das Billiglohnland Deutschland retten soll.

Und was ich mich frage ist, wie man ungeachtet der ökologischen Folgen der Bildung 2.0 per Tablet Kinder glaubwürdig zu einem nachhaltigen Denken anzuleiten instande sein will, wie es die Lehrpläne zur Zeit noch vorsehen.

Zum Schreiben lernen braucht es übrigens nur einen Stift und eine beschriftbare Fläche, und das Gespräch darüber, wie es gemacht wird. Warum gibt es trotzdem in Deutschland 7,7 Millionen funktionelle Analphabeten, neben zwei Millionen totalen Analphabeten? Warum gibt es in Frankreich ca. sieben Millionen Analphabeten? Warum gibt es weltweit fast eine Milliarde Analphabeten?

16:26 09.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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